Das Appenzeller Lehrstück

Mit tiefen Steuern hat Innerrhoden Reiche und Unternehmen angelockt. Die Staatskasse füllte sich, doch viele Appenzeller leiden – unter explodierenden Wohnkosten.

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Wer Paul Wyser in seiner Firma in Appenzell besucht, muss blaue Überschuhe aus Vlies anziehen, selbst wenn er sich nur in das Sitzungszimmer gleich hinter der Eingangstüre setzt – Hygienevorschrift. Wyser selbst betritt den Raum in Birkenstock-Sandalen, er strahlt die Gelassenheit eines Mannes aus, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Seine Wyon AG ist Weltmarktführerin. Mehr als 60 Mitarbeiter stellen hier Akkus für Mini-Hörgeräte her. Erst vor kurzem haben sie das neue Fabrikgebäude im Industriequartier von Appenzell bezogen. Der alte Standort im Dorf war zu klein geworden.

Wobei nur schon die Tatsache, dass es hier ein Industriequartier gibt, bemerkenswert ist. 5730 Menschen wohnen im Hauptort von Appenzell Innerrhoden. Knapp 15'800 sind es im gesamten Kanton, dem kleinsten der Schweiz. In keinem anderen Kanton ist die Landwirtschaft so wichtig wie hier: 13 Prozent der 6000 Innerrhoder Beschäftigten arbeiten im Primärsektor, im Detailhandel und im Baugewerbe sind es jeweils 7 Prozent. Gleichzeitig sei der Kanton in den letzten Jahren zu einem der attraktivsten Firmenstandorte der Schweiz geworden, sagt Wyser. Er verweist auf die qualifizierten Arbeitskräfte, die hier wohnen, auf die gute Verkehrsanbindung, auf die Nähe zu den Knotenpunkten St. Gallen und Zürich – und auf die tiefen Steuern, die tatsächlich wohl das grösste Plus des Standortes darstellen.

Zwei Mal stimmten die Appenzeller in den letzten 15 Jahren über Steuererleichterungen für Unternehmen ab, 2001 und 2006. Beide Male sagten sie Ja. Was seither geschah, könnte als Lehrstück über die Folgen des Steuerwettbewerbs dienen. Denn bei kaum einem anderen Kanton lässt sich so genau nachverfolgen, wann er auf das Steuer-Karussell aufgesprungen ist. Und was seither geschah.

Der auswärtige Säckelmeister

Aus Paul Wysers Sicht ist die Appenzeller Steuerpolitik eine Erfolgsgeschichte. Das überrascht nicht, denn der 68-Jährige ist nicht nur erfolgreicher Unternehmer, sondern auch massgeblich für ebendiese Steuerpolitik verantwortlich. Am 30. April 2000 wird er von der Landsgemeinde zum kantonalen Finanzchef gewählt, zum Säckelmeister, wie die Appenzeller sagen. Eine aussergewöhnliche Entscheidung, denn Wyser ist ein Auswärtiger: ein gebürtiger Basler, der mit seiner Appenzeller Frau erst acht Jahre zuvor in den Kanton gezogen ist.

Noch aussergewöhnlicher ist das, was Wyser vorhat. Er will dem Kanton zu neuem Auftrieb verhelfen, ihn finanziell unabhängiger machen. Innerrhoden ist damals der zweitärmste Kanton der Schweiz, Junge und Qualifizierte wandern ab, schlechter geht es nur noch dem ewigen Problemkind Jura. Wysers Plan: Die Unternehmenssteuern müssen runter, der Kanton attraktiv für Firmen werden, auf dass diese nach Appenzell ziehen, Arbeitsplätze schaffen, den drohenden Bevölkerungsschwund verhindern – und dem Kanton hohe Steuereinnahmen bringen. Wysers Argumente überzeugen die Appenzeller, sie genehmigen die Steuersenkungen, die er ihnen vorschlägt. Heute beträgt die effektive Gewinnsteuer in Innerrhoden 14,16 Prozent. Nur Luzern, Schwyz, Ausserrhoden, Nidwalden und Obwalden bieten noch bessere Bedingungen, in Zürich bezahlen Unternehmen 21,15 Prozent Steuern.

Wyser hat den Säckelmeister-Posten 2007 wieder abgegeben, seine Politik hinterlässt Spuren. 2002 betrug der Überschuss in der kantonalen Jahresrechnung noch 25'400 Franken. Zehn Jahre später waren es 295'000 Franken, 2013 dann 449'000 Franken. Die Steuereinnahmen stiegen im selben Zeitraum um 15 Millionen Franken an, trotz der Steuersenkungen. 2012 wohnten im Kanton fünf Prozent mehr Menschen als noch im Jahr 2000. Die Zahl der Beschäftigten hat um 0,9 Prozent zugenommen, das BIP um 1,7 Prozent. Gleichzeitig haben sich die Bruttoschulden pro Kopf halbiert, sie betrugen im Jahr 2012 noch 1'113 Franken – der tiefste Wert aller Schweizer Kantone. Von 2002 bis 2012 wurden in Innerrhoden 282 neue Firmen gegründet, das sind im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr als im Nachbarkanton Ausserrhoden (937). Aus dem Nationalen Finanzausgleich bezieht der Kanton dieses Jahr 17,137 Millionen Franken, 500'000 Franken weniger als noch vor sechs Jahren. «Innerrhoden steht heute besser da denn je», sagt Wyser zufrieden.

21 Pauschalbesteuerte – Zufall oder Strategie?

Hat er seinem neuen Heimatkanton also die ultimative Erfolgsstrategie beigebracht? Firmen und Vermögende anlocken, und der Rest ergibt sich von selbst? Da widerspricht Wyser vehement: «Von ‹anlocken› kann keine Rede sein. Wir haben lediglich attraktive Geschäftsbedingungen geschaffen.» Reiche in den Kanton holen habe man erst recht nie gewollt, «das würde nicht zu den Appenzellern passen».

Martin Pfister lacht jeweils, wenn er solche Aussagen hört. «Natürlich ging es darum, Reiche anzuziehen. Warum sonst gibt es im Kanton heute 21 Pauschalbesteuerte?», fragt der Präsident der Innerrhoder SP. Zum Vergleich: Im Kanton St. Gallen mit seinen 30 Mal mehr Einwohnern leben lediglich drei Mal mehr Pauschalbesteuerte. Der Nachbarkanton Ausserrhoden hat die Pauschalbesteuerung per 1. Januar 2013 ganz abgeschafft.

Pfister, hauptberuflich Sozialarbeiter, warnte von Anfang an vor den negativen Konsequenzen des Steuerwettbewerbs. Zuerst als Vorsteher der Gruppe für Innerrhoden (GFI), seit zwei Jahren als Präsident der neu gegründeten SP-Kantonalsektion. Die Regierung habe explizit mit dem Anlocken von Reichen für die Steuerrevision geworben. «Je mehr Reiche, desto mehr Steuersubstrat, desto mehr Geld, von dem schliesslich auch die mittleren und unteren Einkommen profitieren: Diese Formel haben die Politiker den Appenzellern eingetrichtert.» Tatsächlich bezahle der Mittelstand heute ebenfalls weniger Steuern, «aber jeder Franken, den er spart, gibt er anderswo aus», sagt Pfister, während er seinen kleinen, von 1:12- und Anti-Atomstrom-Aufklebern übersäten Suzuki-Jeep durch Appenzell lenkt.

«Gebaut wird vor allem teuer und sehr luxuriös»

«Anderswo», damit meint Pfister vor allem den Immobilienmarkt. Appenzell ist noch immer idyllisch gelegen, zwischen Wiesen und Hügeln, auf denen schmucke Bauernhöfe verteilt sind als hätte die Tourismusbehörde sie extra dort platziert. Im Dorfzentrum aber zeigen sich die Folgen der neuen Steuerpolitik: Appenzell ist zu einem begehrten Wohnort geworden. Fast an jeder Strassenecke entstehen neue Häuser, allenthalben ragen Kräne in den Himmel. «Völlig planlos» werde gebaut, bemängelt Pfister. «Es gibt weder eine nachhaltige Strategie noch ein Raumplanungskonzept. Das Landschaftsbild interessiert die auswärtigen Investoren wenig, die hier ihre Mehrfamilienhäuser hinstellen.» Und trotz des Booms herrsche ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Denn gebaut werde vor allem teuer und sehr luxuriös. «Die explodierenden Wohnkosten sind für viele ein riesiges Problem.»

Die Bauausgaben pro Wohneinheit seien in der Gemeinde Appenzell spürbar höher als im Schweizer Schnitt, sagt Robert Weinert, Projektleiter bei der Beratungsfirma Wüest & Partner. «Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass viele Einheiten im höherpreisigen Segment liegen.» Es werde zwar viel gebaut, aber nicht in der richtigen Preisklasse, bestätigen Immobilienmakler aus der Region. Junge Familien könnten es sich kaum noch leisten, ein Haus zu kaufen oder zu bauen. Sie müssten entweder in die umliegenden Gemeinden ausweichen oder bei der Qualität Abstriche machen.

Das ärgert den SP-Chef Pfister, der sein Auto jetzt vor einer Baustelle anhält, auf der ein Mehrfamilienhaus entsteht. Die Grube ist ausgehoben, die ersten Mauern hochgezogen. «Exklusive Wohnungen mit erlesenen Materialien» werden hier laut den Investoren gebaut, 150 bis 224 Quadratmeter gross und 1,1 bis 1,8 Millionen Franken teuer. Die Chance, in Appenzell noch solchen Wohnraum zu erlangen, sei «alles andere als alltäglich», schreibt die zuständige Immobilienfirma auf ihrer Homepage. Dem würde wohl jeder, der in Appenzell nach Bauland oder Wohneigentum sucht, zustimmen. «Der durchschnittliche Appenzeller kann sich so etwas natürlich nicht leisten», sagt Pfister, aber für den durchschnittlichen Appenzeller sei das Angebot auch nicht gedacht.

Es würden sich durchaus auch Einheimische für die Wohnungen interessieren, sagt hingegen die Immobilienfirma auf Anfrage. 40 Prozent der Wohnfläche seien bereits verkauft. Die Wohnungen gingen «etwas langsamer weg als gewöhnlich», das sei aber normal in dieser Preisklasse, der Investor habe Geduld. In der Branche erzählt man sich eine andere Geschichte: Der Bauherr habe während des Verkaufsprozesses den Makler gewechselt. Das sei meistens ein Zeichen dafür, dass er mit dem Lauf der Dinge nicht zufrieden ist.

Appenzell, der neue Hotspot

Wo die Steuern sinken, da steigen die Miet- und Wohneigentumspreise: Hotspots wie Zug oder Wollerau am Zürichsee bestätigen diese Regel. Dass derselbe Effekt nun auch in abgelegenen Regionen wie dem Appenzell eintritt, überrascht. Tatsächlich liegt der Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen im Kantonshauptort heute bei 7850 Franken – 600 Franken höher als in der Stadt St. Gallen mit ihren 72'000 Einwohnern. Seit dem Jahr 2000 sind die Transaktionspreise für mittlere Einfamilienhäuser in Innerrhoden um 55 Prozent gestiegen, jene für mittlere Eigentumswohnungen gar um 92 Prozent.

Die Wohnpreise im Dorf seien «explodiert», sagt auch der Steuersenkungs-Patron Wyser, «das ist ein Problem». Aber fünf Kilometer ausserhalb vom Zentrum sehe die Lage schon wieder ganz anders aus. Und bereits früher habe es im Dorf Wohngebiete gegeben, die nur für Reiche erschwinglich gewesen seien, «das ist nichts Neues».

Ob Wysers Steuerstrategie dem Kanton auf lange Sicht nützt oder schadet, lässt sich noch nicht absehen. Pfister und seine SP wollen jedenfalls nicht länger abwarten. Sie werden an ihrem Parteitag am kommenden Samstag eine Initiative zur Schaffung von gemeinnützigem Wohnraum lancieren, die im Frühjahr 2015 vor die Landsgemeinde kommen soll. Darin verlangt die SP, dass der Kanton den Anteil des nicht-renditeorientierten Wohnungsbaus erhöht. Man kann sich kaum vorstellen, dass die SP für eine solch linke Forderung im durch und durch konservativen Appenzell eine Mehrheit gewinnt, doch Pfister ist zuversichtlich: «Die Appenzeller sind immer wieder für Überraschungen gut.» Und wer weiss, vielleicht gehen sie ja denselben Weg wie das ebenfalls konservative Lachen im Kanton Schwyz: Dort stimmten die Bürger vor zwei Jahren über dieselbe SP-Initiative ab – und sagten mit 60,7 Prozent Ja. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.08.2014, 22:59 Uhr

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