Das Ende des Wirtschaftswunders

Ab 2019 sinken die Wachstumsraten, prognostiziert die OECD und empfiehlt der Schweiz zwei Massnahmen.

Sinkende Arbeitslosigkeit, leicht steigende Löhne und tief bleibende Inflation: Das sind die Aussichten der OECD für die Schweiz. Foto: Archiv TA

Sinkende Arbeitslosigkeit, leicht steigende Löhne und tief bleibende Inflation: Das sind die Aussichten der OECD für die Schweiz. Foto: Archiv TA

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Die Weltwirtschaft boomt – das Wachstum im laufenden Jahr wird laut dem heute veröffentlichten Wirtschaftsausblick der OECD 3,7 Prozent betragen und damit höher liegen als im Durchschnitt des laufenden Jahrzehnts. Dennoch ist die in Paris angesiedelte Organisation der reicheren Industrienationen nicht in Jubelstimmung: «Die Weltwirtschaft bewegt sich in schwierigem Fahrwasser», schreibt OECD-Chefökonomin Laurence Boone schon im Vorwort des Ausblicks.

Der Grund: Das Wachstum hat seinen Höhepunkt erreicht, künftig werden wieder kleinere Brötchen gebacken. Dazu kommt eine Reihe von Risiken für die weitere Zukunft: Hier gehört der von den USA ausgehende Handelskrieg dazu, weiter nennt der Bericht aber auch politische Unsicherheiten in Europa im Zusammenhang mit dem Brexit und dem Streit um die Schulden Italiens sowie geopolitische Risiken um den Nahen Osten – was vor allem Syrien, den Iran und die arabischen Länder betrifft. Ein weiteres Risiko ist ein drastischer Abschwung der chinesischen Wirtschaft.

Die Hauptsorge der OECD-Ökonomen: Sollte die Wirtschaft stärker als erwartet einbrechen, sind die Möglichkeiten der Politik auf Länderebene stark eingeschränkt, darauf wie noch nach der Finanzkrise angemessen zu reagieren. Die hohe Verschuldung der Staaten erlaubt kaum eine deutliche Ausdehnung der öffentlichen Ausgaben, und die Geldpolitik – die ohnehin im Vordergrund stehen sollte – ist ebenfalls noch immer weitgehend ausgeschlossen, da Leitzinsen kaum mehr gesenkt werden können, weil sie sich überall noch immer auf sehr tiefem Niveau befinden.

Beinahe halbiertes Wachstum

Das gilt besonders ausgeprägt für die Schweiz, wo sich der Leitzins mit –0,75 Prozent auf einem internationalen Rekordtiefststand befindet. Auch hier prognostiziert die OECD deutlich tiefere Wachstumsraten in den kommenden Jahren. Nach dem Rekordwachstum von 2,9 Prozent im laufenden Jahr soll das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz gemäss der Prognose in den nächsten zwei Jahren bloss noch je 1,6 Prozent wachsen.

Die Aussicht auf eine Abkühlung der Schweizer Wirtschaft entspricht damit den Prognosen auch inländischer Prognostiker. Die OECD-Wachstumserwartung für das laufende Jahr liegt am oberen Rand, jene für die kommenden Jahre eher am unteren Rand anderer Einschätzungen.

Die Wertschöpfung der Schweizer Industrie (blau) und die Zukunftserwartung der Einkaufsmanager Industrie (rot). Quelle: OECD

Verzerrt werden die Wachstumsraten der Schweizer Wirtschaft allerdings durch die Einnahmen der hier ansässigen internationalen Sportverbände wie dem Fussballverband Fifa und dem Olympischen Komitee IOC. Wenn wie 2018 Grossereignisse wie die Fussball-Weltmeisterschaft stattfinden, schlagen die BIP-Werte nach oben aus, ohne dass der hiesige Werkplatz viel davon hat. Das bedeutet, dass die Abkühlung auf rund die Hälfte des Jahreswachstums, wie von der OECD prognostiziert, für die Schweiz nicht im Geringsten mit einer Krise gleichgesetzt werden kann.

Im Gegenteil: Selbst mit dem tieferen erwarteten Wachstum wird die Schweizer Wirtschaft gemäss der OECD noch über ihrem langfristigen Potenzial wachsen. Deshalb rechnet die Wirtschaftsorganisation über die nächsten Jahre auch mit einem weiteren Rückgang der Arbeitslosenquote von 4,8 Prozent auf 4,6 Prozent im nächsten Jahr und auf 4,4 Prozent im Jahr 2020.

Diese Quoten orientieren sich an international vergleichbaren Zahlen der internationalen Arbeitsorganisation ILO, die auf Umfragen basieren und nicht wie die vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erhobene Quote die gemeldeten Arbeitslosen erfasst. Diese Quote soll gemäss Schätzung etwa der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) von einem Durchschnitt von 2,7 Prozent im laufenden Jahr auf je 2,5 Prozent in den beiden folgenden Jahren fallen.

Rückenwind durch die Weltwirtschaft

Wie die OECD schreibt, war die Industrie jüngst der wichtigste Wachstumstreiber der Schweiz und damit jene Branche, die unter der Frankenstärke in den letzten Jahren am stärksten gelitten hat. Rückenwind hat ihr vor allem das starke Wachstum in den internationalen Absatzmärkten gegeben – aber auch der im Vergleich zu den letzten Jahren noch immer deutlich schwächere Franken –, was angesichts der höheren Inflation im Ausland vor allem für den um den kaufkraftbereinigten, sogenannt realen Wechselkurs gilt.

Mit der Abschwächung der Weltwirtschaft, vor allem dem Wachstum in den Euroländern, soll gemäss der Prognose das Exportwachstum etwas nachlassen. Zulegen soll dafür aber der private Konsum in der Schweiz – als Folge der sinkenden Arbeitslosigkeit, der leicht steigenden Löhne und der tief bleibenden Inflation. Denn laut der Prognose wird sich das Preisniveau in der Schweiz auch künftig nur unwesentlich nach oben bewegen und die Teuerung selbst im Jahr 2020 nicht mehr als 1,1 Prozent betragen. Dass sie im laufenden Jahr um 1 Prozent wachsen solle, liege an den erhöhten Ölpreisen.

Die sogenannte Kerninflation – ohne den Ölpreiseffekt und Nahrungsmittelpreise – würde dagegen bloss 0,5 Prozent betragen. Schweizer Prognostiker rechnen für die Zukunft mit ähnlich tiefen Werten wie die OECD. Die Löhne wachsen gemäss den Ökonomen der Organisation nur wenig stärker als die Teuerung. Konkrete Zahlen nennt der Bericht aber keine.

Laut der OECD steigen in der Schweiz die Löhne (blau) nur wenig mehr als das Preisniveau (rot). Die Arbeitslosigkeit (grün) sinkt. Quelle: OECD

Sowohl für die Schweiz als auch für die Weltwirtschaft rechnet die OECD über einen langen Zeitraum mit deutlich tieferen Wachstumsraten als in der Vergangenheit. Ein Grund dafür ist eine gesunkene Produktivität, ein anderer die zunehmende Alterung.

Für die Schweiz schlägt die Wirtschaftsorganisation deshalb vor allem zwei Massnahmen vor: eine Erhöhung des Rentenalters – auch um die Finanzierung des Rentensystems zu sichern – und eine Senkung der Kinderbetreuungskosten sowie ein Ausbau des entsprechenden Betreuungsangebots. Damit könnte die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt erhöht werden. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.11.2018, 18:42 Uhr

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