Hintergrund

Das Endspiel

Die Hinweise verdichten sich, dass die Eurozone in ihrer jetzigen Form ihre finale Phase erreicht hat.

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Schon oft hat die Eurokrise Kulminationspunkte erreicht, und jedes Mal waren sie schlimmer als die vorhergehenden, und jedes Mal folgten sie auf Bekenntnisse der Politik, jetzt werde man die Sache in den Griff bekommen. Aktuell macht es den Eindruck, die Währungsunion könnte tatsächlich in kürzester Zeit auseinanderbrechen.

Momentan werden besonders die Worte des Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Krugman viel zitiert, mit denen dieser einen Zusammenbruch der Eurozone innerhalb der nächsten Tage prophezeit. Genau genommen hat er sich leicht anders ausgedrückt: «Wir sprechen nicht über eine Krise, die sich innerhalb eines Jahres oder zwei entfalten wird; die ganze Sache kann innerhalb von Tagen auseinanderbrechen», schrieb er in seiner regelmässigen Kolumne in der «New York Times» wörtlich.

Das Finanzsystem ist akut gefährdet

Damit spricht er den Ansteckungsmechanismus an, wenn die Investoren nicht nur das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Länder verlieren, sondern auch in die Stabilität des europäischen Bankensystems. In diesem Fall kommt ein Teufelskreis in Gang wie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in den USA vor und nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. Ein solcher Teufelskreis könnte tatsächlich – wie sich gezeigt hat – sehr schnell in eine grosse Katastrophe münden, die auch das Ende der Eurozone besiegeln würde. Wie gross die Gefahren tatsächlich sind und wie passend der Vergleich mit dem Lehman-Kollaps ist, zeigt sich an einer Reihe von dramatischen Entwicklungen.

Da wäre zum Beispiel die deutliche Zunahme des sogenannten «Ted-Spreads» in Europa. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise hatte kaum ein Begriff mehr Bedeutung, um die Dramatik der Lage zu verdeutlichen. Der Begriff steht im Original für den Unterschied zwischen 3-Monats-Libor-Zinssätzen für US-Dollar (die für die Kosten der Banken stehen, sich untereinander Geld kurzfristig auszuleihen) und kurzfristigen sicheren US-Staatspapieren. In Europa bemisst sich der Ted-Spread am Unterschied zwischen dem 3-Monats-Euribor-Satz (der dem Libor in Dollar entspricht) zur Rendite kurzfristiger deutscher Staatspapiere. Wenn dieser Unterschied explodiert, wie er es in der Finanzkrise tat, ist das ein untrügliches Zeichen für das Misstrauen der Banken untereinander und daher für ein Kollabieren des Finanzsystems. Während der US-Ted-Spread sich mit 0,33 Prozent noch auf tiefem Niveau bewegt, hat der europäische am Montag bereits 1,4 Prozent erreicht. Das letzte Mal erreichte der Spread nach dem Höhepunkt der Finanzkrise zu Beginn des Jahres 2009 diesen Wert, im Maximum stieg er auf mehr als 3 Prozent.

Jetzt fehlt nur noch das «Lehman-Ereignis»

Beunruhigend sind ausserdem die Meldungen über zunehmende Refinanzierungsschwierigkeiten von Banken in der Eurozone. So ist von US-Geldmarktfonds bekannt geworden, dass sie die Banken des alten Kontinents zunehmend meiden. Besonders für französische Grossbanken bilden sie eine wichtige Refinanzierungsquelle. Auch dass die Banken ihr Geld immer mehr bei der Europäischen Zentralbank parken, statt es sich gegenseitig auszuleihen, passt ins Bild. Dazu kommen die deutlich angestiegenen Prämien für die Kreditausfallversicherungen für europäische Banken generell und die französischen im Besonderen. Drastisch fallende Aktienkurse im Verlauf der letzten Woche und die heute durch die Agentur Moody's beschlossene Rating-Herabstufung der Grossbanken Société Générale und Crédit Agricole sind weitere Vorboten möglicher Stürme.

«Europa droht eine ausgewachsene Bankenkrise», warnte gestern in einem Interview denn auch Mohamed El-Erian, CEO des mächtigen Bondinvestors Pimco. Wenn in dieses Pulverfass der Angst ein Funke in der Art eines «Lehman-Ereignisses» fliegt, dann kann die Eurozone tatsächlich innert weniger Tagen auseinanderfliegen. Denn wenn die kurzfristige Finanzierung der Banken gänzlich einfriert, müssen diese so rasch wie möglich ihre Anlagen zu jedem beliebigen Preis veräussern, was selbst jetzt noch einigermassen stabil wirkende Bankbilanzen rasch zerstört. Die generell fallenden Anlagepreise würden zu einer massiven Vermögensvernichtung führen. Dies und der ebenfalls einfrierende Kredithahn hätten eine schwere Wirtschaftskrise in ganz Europa zur Folge.

US-Finanzkrise wäre vergleichsweise ein «Spaziergang im Park»

Wie ein äusserst pessimistischer Bericht der Bank Jefferies festhält, der über den Finanzblog «Zero Hedge» publik wurde, wären die Eurostaaten – wie die USA nach dem Lehman-Kollaps – gezwungen, ihren Banken massiv unter die Arme zu greifen. Ein Mittel dafür wäre theoretisch der Stabilitätsfonds (EFSF). Doch dieser kann in seiner aktuellen Form gar nicht zur Rettung von Banken eingesetzt werden. Dafür müssen die vorgesehenen Rechtsänderungen erst durch die Parlamente der Mitgliedsländer genehmigt werden. Wohl vor allem um diesen Prozess nicht zu behindern und ein Erdbeben an den Finanzmärkten zumindest noch bis dahin aufzuhalten, betont die deutsche Kanzlerin Angela Merkel trotz aller gegenteiligen Hinweise unentwegt, Griechenland werde nicht pleitegehen, und Deutschland werde diesen Staat nicht fallen lassen.

Um einer ausgewachsenen europäischen Finanzkrise entgegenzuwirken, ist der Rettungsfonds ohnehin viel zu klein. Jefferies meint, dass dann in verschiedenen Ländern die Verstaatlichung des Bankensystems notwendig werde. Was sich dann in Europa abspielen könnte, würde laut dieser Bank die Erfahrungen der USA vor drei Jahren vergleichsweise wie einen «Spaziergang im Park» aussehen lassen. Für eine europaweite Rekapitalisierung von Banken werde Deutschland als reichstes europäisches Land kaum aufkommen, schätzt Jefferies zu Recht. Die Mitgliedsländer müssten das selber tun. Aber dafür reichen noch nicht einmal Ländern wie Frankreich die Mittel: Jefferies hat berechnet, dass die aufaddierte Bilanzsumme der französischen Banken viermal so gross ist wie das französische Bruttoinlandprodukt. Im Fall einer derartigen Krise würde auch kein Geld mehr für die jetzt gefährdeten Euroländer übrig bleiben, und sie könnten sich unter keinen Umständen mehr an den Finanzmärkten refinanzieren. Ein Austritt aus der Eurozone wäre für sie der einzige Ausweg. Das allein würde eine Finanzkrise weiter verschärfen.

Das Zittern um die grossen Euroländer

Es ist nicht schwierig, sich ein «Lehman-Ereignis» vorzustellen, das eine solch apokalyptische Krise auslösen könnte. Die Kandidaten stehen bereit. Da sind einmal die hochschiessenden Spekulationen um einen baldigen Staatsbankrott von Griechenland. Die dort angesetzte Sparschraube drückt die Wirtschaft des Landes noch tiefer in die Rezession, was allein die Schuldenquote ansteigen lässt. Gleichzeitig ist die politische Stabilität im Land immer weniger gewährleistet. Mario Blejer, der bei den Aufräumarbeiten nach dem Staatsbankrott Argentiniens eine wichtige Rolle gespielt hat, erklärte heute gegenüber Bloomberg unmissverständlich: «Wenn man annimmt, dass diese Schuldenländer alles tun, was von ihnen an Sparanstrengungen verlangt wird, wird Ende 2012 die Verschuldung noch grösser sein als dieses Jahr.» Wie die Politik bis jetzt mit der Krise umgeht, hält er für «vollkommen lächerlich».

Doch Griechenland mit einem Anteil von 2,3 Prozent am Bruttoinlandprodukt der Eurozone ist unbedeutend im Vergleich zu Ländern wie Italien (Anteil 17 Prozent) oder Spanien (Anteil 11 Prozent). Die Schulden des italienischen Staates belaufen sich mit vom Internationalen Währungsfonds geschätzten 1900 Milliarden Euro im laufenden Jahr auf das Fünfeinhalbfache jener von Griechenland, die 345 Milliarden Euro umfassen. Besonders bedrohlich ist daher der erneut starke Anstieg des Risikozuschlags für italienische Staatsanleihen – und dies trotz massiven Käufen solcher Anleihen durch die Europäische Zentralbank, um einen solchen Anstieg zu stoppen.

Wie der belgische Ökonom Paul De Grauwe eindrücklich aufgezeigt hat, kann allein ein solcher Anstieg der Risikoprämien in der Währungsunion zu einem fast unentrinnbaren Teufelskreis führen. Die höheren Zinsen machen die Schulden untragbar, auch weil jene, die sich aus den Anleihen eines potenziell gefährdeten Landes flüchten, ihr Geld ohne Währungsumtausch in ein anderes Land retten können. Hätte Italien zum Beispiel noch die Lira, müsste diese Währung erst verkauft werden, was zu einer Abwertung führen würde, die den Exporten und dem Wachstum Schub verleihen könnte, und die Lira würde im Land bleiben. Doch mit dem Geldabfluss droht in der Währungsunion permanent genau jene Liquiditätskrise, die die beschriebenen Bankenzusammenbrüche auslösen kann. Das gilt auch für Länder, deren Banken sich stark in Staatsanleihen bedrohter Staaten engagiert haben wie vor allem Frankreich. Damit geht die Gefahr für die Eurozone aktuell nicht mehr in erster Linie vom kleinen Griechenland aus, sondern von den nach Deutschland grössten Mitgliedern der Währungsunion: Frankreich, Italien und Spanien. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.09.2011, 14:36 Uhr

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