Analyse

Das Fed kann nur enttäuschen

Seit der Rede von Ben Bernanke am Freitag ist auf den Kapital- und Devisenmärkten die Panik vorübergehend leicht abgeflaut. Doch der Fed-Chef kann seinen Worten keine wirksamen Taten folgen lassen.

Erneut setzen die Kapitalmärkte auf den Chef der US-Notenbank: Händler an der New Yorker Börse verfolgen am Freitag gebannt die Rede von Ben Bernanke.

Erneut setzen die Kapitalmärkte auf den Chef der US-Notenbank: Händler an der New Yorker Börse verfolgen am Freitag gebannt die Rede von Ben Bernanke. Bild: Keystone

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Die Panik an den Kapitalmärkten macht Pause. Die Börsen legen wieder zu, der Franken schwächt sich ab, und auch die Fiebermesser der Märkte, die sogenannten impliziten Volatilitäten, haben sich von ihren Extremwerten erholt. Damit sind die erwarteten weiteren Schwankungen der Kurse gemeint, die sich aus Optionspreisen errechnen lassen. Von einer echten Erholung kann allerdings nicht die Rede sein.

Als Grund für diese zwischenzeitliche Beruhigung wird überall die Rede von Ben Bernanke genannt, dem Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die dieser am Freitag anlässlich der jährlichen Notenbankertagung im Bergort Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming gehalten hat.

Langfristig ist der Ozean wieder ruhig

Die Rede enthält allerdings genau besehen wenig, was zu Optimismus Anlass geben könnte. Als Grund für einen solchen werden vor allem zwei Aussagen genannt: dass Bernanke sich erstens weiterhin optimistisch für die langfristige Entwicklung der USA zeigt und dass er zweitens weitere Schritte der Notenbank zur Stimulierung der momentan darniederliegenden Wirtschaft nicht ausschliesst.

Zum ersten Punkt sagte Bernanke wörtlich: «Die fundamentalen Wachstumstreiber der USA scheinen sich durch die Schocks der letzten vier Jahre nicht verändert zu haben. Es dauert vielleicht einige Zeit, aber wir können vernünftigerweise eine Rückkehr der Wachstumsraten und der Arbeitslosenquoten erwarten, die diesen zugrunde liegenden fundamentalen Wachstumstreibern entsprechen.» Angesichts der wirtschaftlichen Probleme, denen sich die USA momentan ausgesetzt sehen, hat diese Langfristprognose wenig praktische Bedeutung: Das brachte gleich nach Bernankes Rede mit bissiger Ironie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman auf den Punkt: Er fasste die Rede des Fed-Chefs in Anspielung auf ein berühmtes Zitat von John Maynard Keynes so zusammen: «Dies sind stürmische Zeiten, aber wenn der Sturm irgendwann lange vorbei sein wird, wird auch der Ozean wieder ein ruhiges Gewässer sein.»

Nichtstun zerstört Wachstumspotenzial

Einige Aussagen von Ben Bernanke machen zudem klar, dass der Fed-Chef trotz seinem demonstrativen Langfrist-Optimismus nicht gänzlich davon überzeugt ist, dass die US-Wirtschaft selbst langfristig aus der jetzigen Krise schadlos hervorgeht. So meinte er: «Die Qualität der Wirtschaftspolitik in den USA wird sehr stark die langfristigen Aussichten für die Nation beeinflussen.» Das lässt sich als Hinweis auf das wirtschaftspolitische Patt im Land verstehen. Und mit Verweis auf die für die USA extrem hohe Langzeitarbeitslosigkeit erklärte er, ohne rasche Massnahmen zur Konjunkturverbesserung werde so viel an Fähigkeitskapital vernichtet, dass dadurch auch das langfristige Wirtschaftspotenzial der USA Schaden nehme.

Das führt zum zweiten Grund für die aufgehellten Aussichten nach Bernankes Rede: zu den Erwartungen auf den Märkten, dass der Notenbankchef zwar noch nicht jetzt, aber in Kürze weitergehende Massnahmen zur Stimulierung der Konjunktur verkünden wird. Diese Erwartung wurde vor allem dadurch genährt, dass Bernanke für den 20. und 21. September gleich ein zweitätiges Treffen des für die Geldpolitik zuständigen Komitees unter seiner Leitung ankündigte und betonte, sein Institut verfüge noch über weitere Werkzeuge, um einer weiteren Verschlechterung der US-Wirtschaft entgegenzutreten.

«In Texas würde man ihn sehr hässlich behandeln»

Doch genau dies ist fraglich. Die Notenbank steht schon jetzt unter heftiger Kritik, vor allem vonseiten der Republikaner. Sie kritisieren die Notenbank wegen des im letzten Jahr beschlossenen «Quantitative Easing 2»-Programms, mit dem sie für 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen aufgekauft hat. Sollte Bernanke so etwas wiederholen, so warnte der republikanische Präsidentschaftskandidat und Gourverneur von Texas, Rick Perry, «würde man ihn in Texas sehr hässlich behandeln». Perry setzt ein weiteres «Quantitative Easing»-Programm sogar mit Hochverrat gleich.

Die Politik kann auch in den USA der Zentralbank nichts vorschreiben. Doch färbt die aufgeheizte öffentliche Stimmung dennoch auf ihre Entscheidungen ab. Kommt dazu, dass auch das leitende Gremium der Notenbank zu den weiteren Schritten gespalten ist. So haben bereits 3 von 10 Mitgliedern des sogenannten «Federal Open Market Committee» gegen die Anfang August von der Mehrheit beschlossene Verlängerung des tiefstmöglichen Leitzinses zwischen 0 und 0,25 Prozent bis 2013 gestimmt.

Höhere Inflationserwartungen als Ziel

Die bisherigen Bemühungen der Zentralbank zur Stimulierung der US-Wirtschaft waren überdies nur beschränkt wirksam. Führende US-Ökonomen wie Kenneth Rogoff, Michael Woodford oder Paul Krugman fordern daher noch mehr: Ihrer Meinung nach soll das Fed versuchen, offen höhere Inflationserwartungen anzustreben. Das würde die Last der Verschuldung senken und ebenso die Realzinsen, die angesichts eines Leitzinses von null nominal nicht weiter gedrückt werden können. Auch dem bei Privaten und Unternehmen verbreiteten Horten von Bargeld würden höhere Inflationserwartungen entgegenwirken. Das Geld würde dann wieder in Konsum und Investitionen fliessen.

Viele vermuten, dass schon das «Quantitative Easing 2»-Programm genau diesen Zweck verfolgt, dass aber die Notenbank dies nur nicht offen eingestanden hat. Wie die jüngste Erfahrung aber zeigt, müsste Ben Bernanke zur Etablierung einer höheren Inflationserwartung noch viel aggressiver vorgehen und vor allem offen erklären, dass er ein solches Ziel anstrebt. Doch das würde sowohl in der US-Öffentlichkeit wie auch im entscheidenden Gremium der Notenbank selbst auf deutlichen Widerstand stossen.

Kein Wunder, spielt Ben Bernanke ziemlich unverhohlen den Ball der Politik zu. Etwas verklausuliert hat der Fed-Chef erklärt, dass die Regierung zwar einen glaubwürdigen langfristigen Plan zum Schuldenabbau benötige, aber in der aktuellen Krise nicht zu sehr auf die Sparbremse treten sollte. Mit Steuern und Ausgaben sollen laut Bernanke die Privaten zu mehr Investitionen animiert, die Forschung gefördert und die öffentliche Infrastruktur verbessert werden.

Wie aber die jüngste Auseinandersetzung um die Schuldendecke der USA gezeigt hat, wird der Fed-Chef damit bei den Politikern auf taube Ohren stossen. Weitere Stimulierungsmassnahmen über das staatliche Budget haben keine Chance. Das bedeutet, dass sowohl von der Geld- wie von der Fiskalpolitik keine Entlastung für die US-Wirtschaft erwartet werden kann. Damit spricht alles dafür, dass die Erwartungen nach der Rede von Ben Bernanke so schnell wieder enttäuscht werden, wie sie geschürt wurden.

Erstellt: 29.08.2011, 15:19 Uhr

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