Das «Powerplay» der Opec zeigt Wirkung

Der Preiszerfall auf dem Ölmarkt zwingt Produzenten mit hohen Förderkosten – insbesondere in den USA –, auf die Bremse zu treten. Die Ölschwemme wird aber so bald nicht verschwinden.

Abenddämmerung über den US-Schieferölproduzenten: Der Preiszerfall zwingt sie, unrentable Bohrlöcher zu schliessen und die Produktion zu drosseln.

Abenddämmerung über den US-Schieferölproduzenten: Der Preiszerfall zwingt sie, unrentable Bohrlöcher zu schliessen und die Produktion zu drosseln. Bild: Cooper Neill/Reuters

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Die Strategie der Organisation Erdöl produzierender Länder (Opec), mit einer aggressiven Preispolitik andere Ölförderer aus dem Markt zu drängen, scheint allmählich Früchte zu tragen. So geht die Internationale Energie-Agentur (IEA) in ihrer jüngsten Schätzung davon aus, dass die Ölproduktion ausserhalb der Opec im nächsten Jahr um annähernd 500'000 Fass (= 159 Liter) pro Tag auf 57,7 Millionen sinken wird. Dies wäre der grösste Rückgang der Nicht-Opec-Welt seit 1992, als die Produktion – als Folge des Zusammenbruchs der Sowjetunion – um 1 Million Fass pro Tag eingebrochen war.

Wie die IEA in ihrem letzten Monatsbericht festhält, dürfte die Produktion weltweit eingeschränkt werden und beispielsweise auch die Nordsee und Russland mit einschliessen. Die stärksten Einbussen sollten indes die Schieferölförderer in den USA verzeichnen. 2016 wird deren Produktion laut IEA um knapp 400'000 Fass pro Tag schrumpfen – verglichen mit einem erwarteten Zuwachs von um die 500'000 Fass in diesem und einem Plus von 1,7 Millionen Fass im vergangenen Jahr. Noch im Juli hatte die in Paris ansässige Organisation, die Industriestaaten in Energiefragen berät, für 2016 einen nochmaligen Zuwachs bei den amerikanischen «Shale»-Produzenten von 60'000 Fass pro Tag prognostiziert.

Volle Produktion und übervolle Lager

Doch seither sind die Preise am Ölmarkt nochmals gesunken – bis unter die Marke von 50 Dollar je Fass, ab der viele Schieferölförderer in den USA nicht mehr kostendeckend arbeiten können. Vor allem deren massive Produktionsausweitung sorgte ab letztem Jahr für einen chronischen Angebotsüberhang. Eine Zäsur erfolgte jedoch im vergangenen November, als sich die Opec-Länder unter Führung von Saudiarabien darauf verständigten, ihre Förderquoten beizubehalten und unbesehen von den Preisfolgen ihre Marktanteile zu verteidigen. In der Folge hat sich der Ölpreis vom Höchststand im Juni 2014 von über 110 Dollar mehr als halbiert. Aktuell liegt der Referenzpreis für die Nordsee-Sorte Brent bei knapp 48 Dollar je Fass, das Pendant in den USA (West Texas Intermediate) notiert bei unter 45 Dollar. Allein im laufenden Jahr haben sich die Preise bisher um rund 15 Prozent verbilligt.

Gleichwohl werden die USA 2015 mit durchschnittlich 9,22 Millionen Fass pro Tag das höchste Produktionsniveau seit 1972 erreichen, wie die IEA schätzt. Darüber hinaus sind die US-Ölvorräte reichlich dotiert, liegen sie doch um etwa 100 Millionen Fass über dem fünfjährigen saisonalen Mittelwert. Auch weltweit sind die Lager im Vergleich zum Vorjahr deutlich aufgestockt worden. Die Opec, die etwa 40 Prozent des Weltbedarfs abdeckt, produziert ebenfalls aus vollen Rohren: Die selbst auferlegte Beschränkung der Fördermenge von 30 Millionen Fass pro Tag hat das Ölkartell in den zurückliegenden 15 Monaten stets überschritten. Und der Iran hat bereits angekündigt, seinen Ausstoss nach Aufhebung der Sanktionen im nächsten Jahr um 1 Million Fass pro Tag auszuweiten, um so die früheren Marktanteile zurückzuerobern.

Preisabsturz bis auf 20 Dollar?

Vor diesem Hintergrund gelangte die US-Investmentbank Goldman Sachs Ende letzter Woche zur Einsicht, «dass das Überangebot auf dem Ölmarkt sogar noch grösser ist, als wir angenommen hatten», und dieses bis ins nächste Jahr fortbestehen dürfte. Laut ihren Analysten könnten die Ölnotierungen im Oktober bis auf 38 Dollar sinken und damit das Ende August erreichte Sechsjahrestief von 42 Dollar je Fass noch unterschreiten. Selbst einen Absturz bis auf 20 Dollar mögen sie nicht ausschliessen, falls es nicht gelingt, die Produktion in der gebotenen Zeit zu begrenzen.

Zwar wird sich im Zuge der Preisreduktion die weltweite Ölnachfrage erhöhen. So rechnet die IEA für 2015 mit einem um 1,7 Millionen auf 94,4 Millionen Fass pro Tag erhöhten «Durst» der Konsumenten, was einem Fünfjahreshoch entspräche. In den USA etwa ist der Benzinverbrauch auf einen seit acht Jahren nicht mehr gesehenen Höchststand geklettert. Dennoch dürfte das Ölangebot auch weiterhin die Nachfrage deutlich übertreffen; im August zum Beispiel summierte sich Ersteres auf 96,3 Millionen Fass pro Tag.

Ob die Opec mit ihrem «Powerplay» tatsächlich einen dauerhaften Erfolg verbuchen und unliebsame Konkurrenten insbesondere in den USA aus dem Markt drücken kann, scheint gleichwohl zweifelhaft. Die dortigen Schieferölproduzenten zeichnen sich nämlich durch eine ausgeprägte Flexibilität aus, wie die IEA herausstreicht. Sobald sich als Folge der reduzierten Ölförderung eine Trendwende beim Preis abzeichnet, dürften die Amerikaner zu den ersten gehören, die darauf reagieren und ihre Fördermengen umgehend wieder erhöhen werden. Das heisst nichts anderes, als dass das «schwarze Gold» auf absehbare Zeit zu Discountpreisen erhältlich sein wird.

Erstellt: 14.09.2015, 20:02 Uhr

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