Das Sparrezept der schwäbischen Hausfrau

Nach der schweren Niederlage bei der Wahl in Baden-Württemberg muss die Kanzlerin ihren konservativen Flügel bei der Stange halten. Doch was diesem bestens schmeckt, ist für Euroland reines Gift.

Kennt das Mittel gegen Unmut in den eigenen Reihen: Angela Merkel.

Kennt das Mittel gegen Unmut in den eigenen Reihen: Angela Merkel. Bild: Keystone

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Im Schwabenland hat die gelb-schwarze Koalition wegen der Atomkatastrophe in Japan und wegen tollpatschigem Vorgehen in Sachen Stuttgart 21 eine schwere Niederlage erlitten. Auch die Kanzlerin steht unter Druck. Vor allem der konservative Flügel der CDU ist unglücklich. Nicht nur der Zickzack-Kurs in Sachen Energie stösst sauer auf. Auch die immer grosszügigeren Bürgschaften und Darlehen von Berlin an Brüssel werden misstrauisch verfolgt. Das weiss natürlich auch die Instinktpolitikerin Angela Merkel, und sie kennt auch das Mittel, wie man diesen Unmut besänftigen kann: Die Sparrezepte der schwäbischen Hausfrau.

Schon als es eng wurde in Nordrhein-Westfalen, hat die Kanzlerin die schwäbische Hausfrau gegeben und den Griechen sparen, sparen und nochmals sparen zugerufen. Jetzt sind der CDU ihre schwäbischen Anhänger in Scharen davongelaufen. «Der Kern der CDU-Identität ist in Gefahr», warnt der Politologe Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen. «Unter den Konservativen herrscht grosse Unruhe.»

Zinsen für deutsche Staatsanleihen sind gestiegen

Gerade dieser Flügel hat mit wachsender Verärgerung zugeschaut, wie die Kanzlerin die Bürgschaften und Darlehen zur Rettung des Euros in immer schwindelerregendere Höhen geschraubt hat. Sie haben das Gefühl, ihre Steuergelder würden in einem bodenlosen Fass verschwinden. Unterstützt von der «Bild»-Zeitung fordern sie mehr Härte und konsequentes Durchgreifen gegen die Defizitsünder. Sie beginnen sich mittlerweile auch Sorgen zu machen um die finanzielle Gesundheit ihres eigenen Landes, denn die Zinsen für zehnjährige deutsche Staatsanleihen sind in den letzten Monaten um rund 100 Basispunkte gestiegen.

Allerdings, wenn Berlin jetzt noch härter gegen Griechenland, Portugal, Irland & Co. vorgehen will, ist das nicht nur politisch riskant und ökonomisch unsinnig. Es ist auch heuchlerisch. Zweifellos haben die Defizitsünder teils schwere Fehler gemacht. Aber ohne die Hilfe der deutschen Banken hätten sie dies nicht tun können. Sie haben einen grossen Teil der Kredite gesprochen, die jetzt verbrannt sind. Diesen Aspekt der Eurokrise wird in Deutschland immer noch nicht zur Kenntnis genommen. «In den letzten 15 Monaten hat die europäische Antwort auf die Krise stets darin bestanden, die schwachen Peripherieländer zu schelten und sich zu weigern einzugestehen, dass die deutschen Banken mit ihren riskanten Investitionen in diesen Ländern ebenfalls eine Teilschuld tragen», kommentiert die «Financial Times».

Für Euroland reinstes Gift

Selbst beim konservativen «Wall Street Journal» löst die Weigerung Deutschlands, die fatale Rolle seiner Banken einzugestehen, Irritation aus. «Indem es die Diskussion auf das Sparen beschränkt, versucht Deutschland abzulenken von den potenziellen Verlusten im Bankensektor», schreibt das Blatt. Mit den Rezepten der schwäbischen Hausfrau kann Merkel daher vielleicht bei den konservativen Wählern punkten. Für Euroland hingegen ist das reinstes Gift. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.03.2011, 12:33 Uhr

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