«Das System bevorteilt die gerissenen Insider»

Nomi Prins war Direktorin bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. Heute ist sie eine hartnäckige Kritikerin der Finanzbranche und analysiert im Interview das Vorgehen und die Argumente von Aussteiger Greg Smith.

«Einige Kunden sind sicher gescheit genug»: Goldman Sachs an der Wall Street. (15. März 2012)

«Einige Kunden sind sicher gescheit genug»: Goldman Sachs an der Wall Street. (15. März 2012) Bild: Keystone

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Der Banker Greg Smith hat kürzlich seine Kündigung in der «New York Times» publiziert und dabei mit Goldman Sachs abgerechnet. Empfanden Sie das als mutig?
Ich kann seine Gründe gut nachvollziehen. Was mich dazu bewog, auszusteigen, war mein innerer moralischer Kompass. Er stimmte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr länger akzeptieren, dass die Banken gegenüber dem Rest der Bevölkerung einen unfairen Vorteil ausspielten und es noch immer tun. Sie gehen extrem grosse Risiken ein und verlassen sich gleichzeitig auf immense staatliche Subventionen, die sie im Falle eines Misserfolgs über Wasser halten.

Seine Vorwürfe seien nicht neu, hielten Kritiker Smith vor. Auch gebe es keine Hinweis auf unsaubere Machenschaften bei der Bank.
Das spielt keine Rolle. Goldman Sachs und die anderen Investmentbanken maximieren ihre Profite zulasten ihrer Kunden. Das ist so weit bekannt. Weniger verbreitet ist aber das Bewusstsein darüber, dass die Banken mit ihren enormen Risiken den Rest der Wirtschaft immer und immer wieder an den Rand des Ruins treiben. Die Branche trägt immense systemische Probleme, dafür wird sie zu wenig überwacht und kontrolliert. Greg Smith hat dieses Problem nicht weiter ausgeführt. Aber ich hoffe, dass sein Artikel die Diskussion um die ungelösten Konflikte in Gang setzt und damit beiträgt zu einer stabileren Wirtschaft in der Zukunft.

Banker werfen Smith Naivität vor. Die Kunden von Goldman Sachs seien schliesslich schlau genug, um zu wissen, dass die Bank nicht ihre Interessen wahrnehme, sondern in erster Linie Geld für sich machen wolle.
Einige der Kunden von Goldman Sachs und anderer Investmentbanken sind sicher gescheit genug. So zum Beispiel Hedgefonds, die Geld ihrer sehr vermögenden Kunden anlegen. Zudem verfügen Grossanleger über interne Analysemodelle, um die Risiken abschätzen und die richtigen Fragen stellen zu können. Aber dies gilt nur, wenn wir davon ausgehen, dass sie so viel an Insiderinformationen haben wie Goldman Sachs selber. Und dies ist, wie der Abacus-Deal zeigte, nicht der Fall.

Bei diesem Deal zahlte Goldman Sachs eine Busse von 550 Millionen Dollar wegen Betrugs mit Abacus-Derivaten. Zu den Opfern gehörten nicht nur angeblich gut informierte Grossanleger.
Kleinere Kunden müssen der Bank vertrauen. Das System bevorteilt die gerissenen Insider. Die Banken wissen sehr genau, wer gut informiert ist und wer nicht. Einen Hinweis darauf, wie viel auf diese Weise abgeschöpft wird, geben die Löhne. Die Manager der Pensionskassen von Kleinstädten oder von Lehrern und Polizisten verdienen oft nur gerade ein Zehntel dessen, was die Banker einstreichen, die ihnen fragwürdige Produkte verkaufen.

In der Finanzkrise sind mehrere Investmentbanken verschwunden, darunter Ihre früheren Arbeitgeber Lehman und Bear Stearns. Beide galten als arrogant und lernunfähig. Man könnte annehmen, dass die besten Banken geblieben sind und sich die Kundenbeziehungen verbessert haben.
Die übrig gebliebenen Banken sind grösser als je, und ihre Macht hat zugenommen. Demzufolge müssen sie sich weniger um ihre Kunden kümmern, weil es weniger Auswahl und Alternativen gibt. Die Banken sorgen sich heute mehr um die Konkurrenz untereinander als um ihre Kunden.

Mit den neuen Volcker-Regeln soll verhindert werden, dass die Banken ihren Insidervorsprung für Eigengeschäfte nutzen. Glauben Sie, dass das klappen wird?
Nein. Früher war es den Banken verboten, komplexe Derivate zu schaffen und gleichzeitig mit ihnen handeln. Aber das entsprechende Gesetz, der Glass-Steagall-Act, wurde 1999 abgeschafft. Deshalb können die Banken zugleich die Depots der Kunden als Reservepolster benutzen und zusätzlich Aufträge der Kunden ausführen. Diese Durchmischung von Spekulation und Kreditgeschäft ermöglicht das Front Running, also das Ausnutzen vertraulichen Wissens. Unter einem Vorwand können die Banken den Aufträgen ihrer Kunden zuvorkommen. Sie können diese Aufträge auch für eine bestimmte Zeit liegen lassen und gegen sie wetten. Die Volcker-Regeln hindern sie keineswegs daran. Front Running ist zwar illegal, aber unmöglich zu beweisen. Nur die Wiedereinführung des Glass-Steagall-Gesetzes würde dies ändern.

Viele hofften, dass der staatliche Auskauf der Wallstreet-Banken ein Umdenken bewirken würde. Sehen Sie einen Sinneswandel?
Der Bail-out machte alles noch viel schlimmer. Und vergessen wir nicht: Der Bail-out dauert noch immer an. Einerseits stellt die Notenbank den Banken Geld zum Nullzinssatz zur Verfügung. Dies ist eine Form der staatlichen Subvention, genau so, wie es die LangfristDarlehen an die Schuldnerstaaten der Europäischen Notenbank ist. Das billige Geld der Notenbanken hat eine sehr sichtbare und gefährliche Folge: Die Summe der globalen Derivate ist seit 2008 um 20 Prozent von 594 auf 707 Milliarden Dollar gestiegen. Nicht erstaunlich eigentlich, wissen die Banken doch genau, dass sie erneut gerettet werden, wenn die Sache schiefläuft. Anstatt die Banken zur Rechenschaft zu ziehen, büsst die Bevölkerung in Europa in der Form von harten Sparprogrammen. Dies gleicht in meiner Sicht einer Geiselnahme. Wenn einer Bank einmal alle Forderungen ohne Bedingungen erfüllt wurden, dann wird sie es erneut versuchen.

Als Sie bei Goldman Sachs arbeiteten, war der heutige Konzernchef Lloyd Blankfein Ihr Vorgesetzter. Er wird von Greg Smith für den Niedergang der Geschäftskultur bei Goldman Sachs verantwortlich gemacht. Wie erlebten Sie Blankfein?
Lloyd war schon immer ein Trader durch und durch. Bereits vor mehr als zehn Jahren war er nur an Riesenkisten interessiert, sogenannten Elefantendeals, die möglichst viel Gewinn in kürzester Zeit abwarfen. An längerfristigen Kundenbeziehungen war Blankfein nichts gelegen.

Kann sich der Händler einer Investmentbank weigern, ein Geschäft abzuwickeln, wenn er moralische Bedenken hat?
Niemand wird mit Waffengewalt zu einem Deal gezwungen, auch in einer Investmentbank nicht. Aber wenn ein grosses Geschäft ansteht, wird erwartet, dass es durchgezogen wird, koste es, was es wolle. Es wird nicht lange diskutiert, ob es moralisch vertretbar ist, Griechenland mit einer neuen Anleihe zu helfen, selbst wenn dies voraussetzt, dass die Regierung die wahre Höhe der Schulden verheimlicht. Die einzige Leitlinie ist, einen Deal so auf die Beine zu stellen, wie es der Kunde wünscht. Keine weiteren Fragen.

Was passiert, wenn ein Banker trotzdem ein Geschäft ablehnt?
Kurz bevor ich Goldman Sachs verliess, kam ein Mitarbeiter zu mir. Er legte mir den Wunsch einer Versicherung vor, sich schadlose halten zu wollen, weil die bei ihr versicherten Aidspatienten länger lebten als berechnet. Die Patienten starben einfach zu langsam weg, womit ihre Lebensversicherungen nicht verfielen und die Versicherung weniger Geld machte als erwartet. Sie verlangte von uns eine bestimmte Form eines Derivats, um trotz der überlebenden Patienten zu profitieren. Allein bei der Diskussion darüber wurde mir speiübel. Der Kollege sagte nur: Na und? Ich riet ihm, das Geschäft abzulehnen. Die meisten Leute an der Wallstreet sagen nie Nein. Wir überlegen uns nicht wirklich, was eine neue Obligation eines Entwicklungslands bedeutet und wie sie die Bewohner betrifft. Es ist so, dass ihre Armut und ihre wachsenden Schulden den Banken die Konstruktion von noch mehr Anlagevehikeln erlauben, was wiederum Kommissionen einbringt. Die Alternative dazu ist nur, zu kündigen. Was ich schliesslich auch tat.

Was gab letztlich den Ausschlag, dass Sie den Banken den Rücken kehrten?
Kurz und bündig: Goldman Sachs. Erst als ich bis ins Innerste dieser bürokratischen und heuchlerischen Organisation vorgedrungen war, realisierte ich, dass ich gehen musste. Ich hasste es. Es war ein sehr persönlicher Entscheid, gestützt darauf, was ich als gut und als böse betrachtete. Mein Entscheid fiel zudem zusammen mit einer Welle von fragwürdigen Geschäftsaktivitäten der Banken. Dies machte mir klar, dass ich mein Wissen fortan dazu nutzen musste, mit meinen Büchern zur Lösung der Probleme beizutragen, statt weiterhin Teil des Problems zu sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2012, 10:33 Uhr

Nomi Prins

Die freischaffende Autorin aus Los Angeles hat mehrere Bücher zur Bankenkrise geschrieben, darunter eine Darstellung ihrer eigenen Erfahrungen als Bankerin. (nomiprins.com)

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