Das braune Gold wird knapp

Die Welt isst immer mehr Schokolade, und die Branche kommt nicht nach mit Produzieren. Stehen wir bald vor leeren Schokoladenregalen?

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Heute veröffentlicht der weltgrösste Schokoladen- und Kakaoproduzent Barry Callebaut seine Quartalszahlen. In den ersten drei Monaten des neuen Geschäftsjahres hat der Konzern deutlich mehr Schokolade verkauft, der Umsatz kletterte gar um 21,4 Prozent auf 1,515 Milliarden Franken – unter anderem wegen der höheren Rohstoffpreise für Kakaobohnen, Kakaobutter und Milchpulver.

Und es könnte so weitergehen: Andreas Jacobs, Verwaltungsratspräsident der Barry-Callebaut-Hauptaktionärin Jacobs Holding, warnt vor einem drohenden weltweiten Kakaoengpass. «Wir erwarten, dass es zu wenig Schokolade geben wird im Jahr 2020», sagte er kürzlich in einem Interview mit Radio SRF. Es werde nicht genug getan in den Anbauländern, damit die Bauern ertragreicher anbauen und mehr Ernte erwirtschaften könnten.

Schokolade wird Lifestyle-Produkt

Und mehr Ernte wäre nötig, denn die Welt isst immer mehr Schokolade. Daniel Bürki, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, geht von einem weltweiten Wachstum von zwei bis drei Prozent aus. Besonders die Schwellenländer holen mit ihrem Konsum gegenüber den heutigen Spitzenreitern Nordamerika sowie Nord- und Westeuropa rasant auf. «Gerade in China steigt der Lebensstandard, Schokolade wird zum Lifestyle-Produkt», erklärt Bürki. Gemäss einer Studie von Euromonitor International hat der Absatz von Kakaoprodukten in der Region Asien und Pazifik zwischen 2008 und 2013 um 5 Prozent pro Jahr zugenommen. Auch in Lateinamerika wurde mehr verkauft.

Das setzt die Kakaoproduzenten unter Druck: Sie können der steigenden Nachfrage kaum gerecht werden. Für das Jahr 2013/2014 erwartet die Internationale Kakaoorganisation Icco ein Angebotsdefizit von 75'000 Tonnen Kakao. Im Jahr 2020 könnte die Nachfrage laut Berichten das Angebot bereits um 1 Million Tonnen übersteigen.

Vorwürfe zurückgewiesen

Bürki nennt dafür verschiedene Gründe: «Die Kakaoproduktion erfordert viel Handarbeit, ist beschränkt auf wenige – oft politisch instabile – Länder, welche die spezifischen klimatischen Bedingungen mitbringen.» Hinzu kommt, dass sich der Anbau von Kakaobohnen für Kleinbauern finanziell oft nicht lohnt und sie deshalb auf andere Produkte wie Kautschuk oder Palmöl umsteigen. Weltgrösster Kakaoproduzent ist die Elfenbeinküste, gefolgt von Ghana und Indonesien.

«Der Kakaoanbau muss attraktiver werden», sagt Daniel Bürki. Das haben auch die grossen Branchenvertreter gemerkt. Ende Juni kündigten zwölf grosse Kakaoproduzenten, darunter Barry Callebaut, das Programm Cocoa Action an, mit dem sie die Bemühungen für einen nachhaltigen Kakaomarkt bündeln wollen. 300'000 Kakaobauern sollen davon profitieren, vorerst hauptsächlich in Ghana und der Elfenbeinküste.

Doch Nichtregierungsorganisationen werfen den grossen Branchenvertretern vor, sich erst um die Situation der Kakaobauern gekümmert zu haben, als sich bereits ein Engpass abgezeichnet hätte. Darauf angesprochen, verweist Andreas Jacobs im SRF-Interview auf das seit 2005 laufende Sozialprogramm Quality Partner Program, mit dem man bereits über 100'000 Kakaobauern erreicht habe und sie dabei unterstütze, ertragreicher anzubauen, und in ihre Ausbildung investiere.

Plantagen sind veraltet

Auch für Urs Furrer, Direktor des Branchenverbandes Chocosuisse, ist klar: «Die Kakaoproduzenten spielen eine wichtige Rolle.» Oft werde aus den Kakaoplantagen nicht das Optimum herausgeholt. «Manche Plantagen sind veraltet, und die Bauern sind anbautechnisch nicht auf dem neusten Stand.» Wichtig für die Bauern seien auch Schulungen und langfristige Verträge.

Ein weiterer Anreiz für die Kakaobauern wäre ein höherer Preis für ihre Produkte. Mindestlöhne, wie dies NGOs fordern, lehnt der Jacobs-Holding-Präsident Andreas Jacobs ab. In einigen Ländern, so auch in der Elfenbeinküste, würden bereits heute durch die lokalen Kakaogesellschaften Preise fixiert, sodass die Bauern nicht von den Börsenpreisen abhängig seien.

«Ein guter Ansatz», sagt dazu ZKB-Analyst Daniel Bürki. «Dies ermöglicht den Bauern ein stabiles Einkommen und eine gewisse Planbarkeit.» Gegenüber Mindestlöhnen in Entwicklungsländern zeigt auch er sich skeptisch.

Bald zu wenig Schokolade?

Steigende Nachfrage bei knappem Angebot bedeutet meist höhere Preise – auch in diesem Fall: Seit Januar 2012 ist der Preis für eine Tonne Kakao gemäss Icco um 38 Prozent gestiegen. Werden die Preise für Schokolade also bald in die Höhe klettern? Urs Furrer von Chocosuisse relativiert: «In den letzten Monaten war bei Kakao klar ein Preisanstieg festzustellen. Allerdings war bereits in früheren Jahren das Preisniveau höher als heute.» Dies war teilweise die Folge von Börsenspekulationen. «Hält die Kakaopreis-Hausse aber über längere Zeit an, dürfte dies längerfristig auch den Schokoladenpreis beeinflussen», warnt Furrer.

Dass eine gravierende Schokoladenknappheit zu befürchten ist, glauben weder Furrer noch Bürki. Für Furrer gehen die Bemühungen der Kakaoproduzenten in die richtige Richtung. ZKB-Analyst Daniel Bürki verweist auf Ersatzprodukte, mit denen Schokolade hergestellt werden kann, sowie auf die Tatsache, dass eine grosse Nachfrage im Kakaomarkt automatisch mehr Produzenten anziehe.

Erstellt: 02.07.2014, 22:10 Uhr

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