Analyse

Das grosse Abenteuer Japans

Japans neuer Premierminister Shinzo Abe wird zu einer Gegenfigur von Angela Merkel: Mit erhöhten Staatsausgaben und mehr Schulden will er die Krise bewältigen. Ein womöglich historischer Schritt.

Karate-Kick gegen die Geschichte: Japans Premier Shinzo Abe setzt auf die Defizitfinanzierung.

Karate-Kick gegen die Geschichte: Japans Premier Shinzo Abe setzt auf die Defizitfinanzierung. Bild: Luojie, «China Daily»/Cagle.com

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In den Neunzigerjahren kursierte unter Ökonomen der Begriff Rubinomics. Er bezog sich auf den damaligen US-Finanzminister Robert Rubin, der mit einer unorthodoxen Wirtschaftspolitik den bisher längsten Boom eingeleitet hatte. Rubin hatte Zinsen und Steuern erhöht und damit so ziemlich das Gegenteil dessen getan, was der Mainstream der Ökonomen empfahl.

Vielleicht wird man in Zukunft bald von Abenomics sprechen. Der mit grosser Mehrheit gewählte japanische Premierminister Shinzo Abe macht ebenfalls das Gegenteil dessen, was derzeit als Weg aus der Krise empfohlen wird: Er erhöht die Staatsausgaben massiv, lässt die überalterte und durch den Tsunami im März 2011 teilweise zerstörte Infrastruktur erneuern und schafft dadurch rund 600'000 neue Arbeitsplätze. Er tut dies, obwohl Japan schon heute das meistverschuldete Land der Welt ist.

Abenomics ist das Gegenteil dessen, was in Europa praktiziert und auch von den Konservativen in den USA vehement gefordert wird: Eine Austeritätspolitik im Sinne von Angela Merkel.

Das Ende unabhängiger Zentralbanken

Dabei ist der neue Regierungschef Japans alles andere als ein Sozialromantiker. Er gehört dem konservativen japanischen Establishment an, war schon einmal an der Spitze der Regierung (2006 bis 2007) und gilt als Nationalist. Die Geldpolitik der Zentralbank, der Bank of Japan (BoJ), wird ebenfalls strikt den Interessen der Wirtschaftspolitik des Landes untergeordnet. Abe läutet damit ein, was sich immer stärker abzeichnet: Ein Ende der Ära der unabhängigen Zentralbanken.

Auch die US-Notenbank, die Europäische Zentralbank, die Bank of England und auch die Schweizerische Nationalbank sind heute nur noch bedingt von der Politik losgelöst. Mit Quantitative Easing, dem Aufkauf von Staatsanleihen und der Festsetzung von Obergrenzen ihrer Währung, treffen sie Entscheidungen, die erstens weitreichend und zweitens mehr politischer denn wirtschaftlicher Natur sind.

Jahrzehnte verloren oder Depression verhindert?

In Japan ist das sogenannte Deficit Spending nichts Neues. Der bekannteste Ökonom des Landes, Richard Koo, ist seit Jahrzehnten ein überzeugter Vertreter dieser Politik. In seinem Buch «The Holy Grail of Macroeconomics» setzt er sich ebenfalls vom traditionellen Denken ab. Der Mainstream der westlichen Ökonomen ist überzeugt, dass eine Defizitfinanzierung in kleinem Umfang radikale Reformen verhindert und Japan zwei «verlorene Jahrzehnte» beschert hat. Koo hingegen sagt, dass gerade damit eine grosse Depression wie in den Dreissigerjahren verhindert werden konnte.

Shinzo Abe will jetzt eine neue, viel weiter reichende Runde des Deficit Spending einläuten. Er setzt nicht nur auf Fiskalmassnahmen – grosse Investitionen in die Infrastruktur –, sondern hat auch bereits erreicht, dass die BoJ ihre Geldpolitik geändert hat. Die japanische Zentralbank hat die Geldmenge massiv ausgeweitet und will nun bewusst mehr Inflation zulassen. Damit soll der Kurs des Yen gesenkt werden. Ein starker Yen hat in den letzten Quartalen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der japanischen Wirtschaft beeinträchtigt.

Ein möglicher Ausweg aus der Schuldenfalle

Tatsächlich ist der Kurs des Yen bereits beträchtlich gefallen. Der wichtigste japanische Börsenindex, der Nikkei, hat mit einem Kursfeuerwerk darauf reagiert. Die Befürchtung der westlichen Mainstream-Ökonomen, ein starker Anstieg der Zinsen der japanischen Staatsanleihen, hat sich bisher hingegen nicht bestätigt. Das verspricht viel für die Zukunft: Nimmt die Inflation zu und bleiben die Zinsen gleich, dann bedeutet dies auch, dass sich die Verschuldung Japans trotz neuer Ausgaben nicht verschlechtert, sondern sich gar verbessern könnte.

Abenomics, das grosse japanische Wirtschaftsexperiment, wird von der Welt mit Argusaugen beobachtet werden. Der Nobelpreisträger Paul Krugman schreibt in der «New York Times»: «Wenn es Erfolg hat, wird etwas Ausserordentliches geschehen: Japan, das die Ökonomie der Stagnation eingeführt hat, wird der Welt einen Ausweg aus dieser Falle zeigen.»

Erstellt: 14.01.2013, 13:28 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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