«Das ist die nächste Blase, die zu platzen droht»

Für den amerikanischen Wirtschaftsprofessor Nariman Behravesh ist die Überhitzung der Wirtschaft Chinas ein grosses Risiko, das völlig unterschätzt wird.

«Dann hat die ganze Weltwirtschaft ein Problem»: Nariman Behravesh über das Risiko in China.

«Dann hat die ganze Weltwirtschaft ein Problem»: Nariman Behravesh über das Risiko in China. Bild: Keystone

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In seinem Global Risk Report schreibt das Weltwirtschaftsforum, eines der grössten Risiken für die Weltwirtschaft bestehe darin, dass die politische und wirtschaftliche Elite nicht einschätzen könne, wo die nächsten Gefahren für die Weltwirtschaft lauern. Diese vorauszusagen, ist die Aufgabe von Nariman Behravesh, Chefökonom beim amerikanischen Wirtschaftsinstitut IHS Global Insight in Lexington, Massachusetts. Laut ihm sind im Moment auf globaler Ebene einige wirtschaftliche Experimente im Gange, die das Potenzial haben, den noch schwachen wirtschaftlichen Aufschwung wieder abzuwürgen.

«Das Risiko wird unterschätzt»

«Was im Moment am meisten unterschätzt wird, das ist das Risiko, das von der chinesischen Wirtschaft ausgeht», sagt Behravesh im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». «Das ist die nächste Blase, die zu platzen droht. Und wenn dies geschieht, dann hat die ganze Weltwirtschaft ein Problem.»

Dass die chinesische Wirtschaft – inzwischen bereits die zweitwichtigste der Welt – überhitzt ist, zeigt sich für Behravesh am chinesischen Immobilienmarkt. «Für mich ist die Situation vergleichbar mit Japan, das in den 90er-Jahren seinen Crash erlebte», meint er. «Im Moment ist es bereits so, dass der Wert der chinesischen Immobilien, soweit sie überhaupt bewertet sind, das Bruttoinlandprodukt um das 3,5-Fache übersteigt.» Der vergleichbare Wert habe in Japan vor dem Crash bei 3,8 gelegen. «Da werden wir in zwei Jahren sein», glaubt der Wirtschaftsprofessor, «und es gibt keine Anzeichen, dass sich die chinesische Wirtschaft bald einmal abkühlt.» Denn die chinesische Zentralregierung habe ihre Lokalfürsten nicht im Griff. Die ProvinzGouverneure wollten noch immer Wachstum um jeden Preis, sagt Behravesh, weil sie nur so dem Druck der Bevölkerung, die rasch mehr Wohlstand wolle, standhalten könnten. Das führe mittelfristig erst einmal zu weiter steigenden Immobilienpreisen in den Stätten, genau wie bei der Immobilienblase in den USA vor drei Jahren. Irgendwann seien die Häuser so teuer, dass die Zinsen nicht mehr bezahlt werden könnten. Dann gerät das Bankensystem unter Druck. «Wenn die Banken die Hypotheken abschreiben müssen, können sie weniger Kredit geben. Und die Wirtschaft kommt ins Stottern.» Laut Behravesh führt dies dazu, dass China nicht mehr jährlich 10 Prozent, sondern nur noch 5 Prozent wachsen werde.

Schaden für die Schweiz

«Das Gute daran ist, dass sich damit das Problem der steigenden Preise für Rohstoffe etwas entschärfen wird», meint Behravesh. Diese stellen in seinen Augen einen weiteren potenziellen Stolperstein für die Weltwirtschaft dar. Nicht nur wegen der gegenwärtigen Überhitzung in China, sondern längerfristig auch wegen der steigenden Weltbevölkerung. «Das Schlechte an einer stotternden chinesischen Wirtschaft ist aber, dass sie die Wirtschaft in ganz Asien dämpfen und auf mittlere Frist auch der Exportwirtschaft in Europa und der Schweiz schaden wird.»

Optimistischer ist Behravesh, was die USA anbelangt: «Auch hier ist ein wirtschaftliches Experiment im Gange. Mit Steuersenkungen und einer weiteren Ausweitung der Geldmenge haben Regierung und Notenbank alles getan, damit die Wirtschaft in den nächsten zwei Jahren wieder wächst.» Bis dahin, so gibt sich der Ökonom überzeugt, werde es in den USA trotz immer bedrohlicher werdender Staatsverschuldung keine Sparprogramme geben. Denn kein Politiker könne sich dies vor Wahlen erlauben. Dann aber müsse die Schraube angezogen werden, ansonsten würde die Wirtschaft überhitzen und in den USA eine neue Blase entstehen. Dass es so weit kommen wird, glaubt Behravesh allerdings nicht: Bis anhin sei die amerikanische Regierung eigentlich vernünftig mit der Krise umgegangen.

Sparen – oder Schulden machen

In Europa hingegen brauche es rascher Massnahmen, denn Irland und Griechenland seien technisch in Konkurs gegangen. England, das ebenfalls unter einer gewaltigen Verschuldung leidet, führe gegenwärtig ein weiteres ökonomisches Experiment durch, nämlich die drastische Senkung der Staatsausgaben. Ob die Regierung dies durchhalten könne, müsse sich erst einmal zeigen. «Es wird interessant sein, welcher Weg erfolgreicher aus der Krise führt: der amerikanische mit einer weiter steigenden Verschuldung oder der englische mit einer Sparpolitik», sagt Behravesh.

Ein weiteres Thema am WEF ist die internationale Kreditversorgung, die nötig ist, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. In Zusammenarbeit mit McKinsey erstellten die Organisatoren des WEF einen Kreditreport. Dessen Botschaft ist alarmierend: Nur schon um das Wachstum auf dem heutigen Level zu halten, benötigen die Volkswirtschaften bis ins Jahr 2020 zusätzliche Kredite von 103 Billionen Dollar. Vor allem in Europa dürfte dies laut dem Report zu einem grossen Problem werden, weil die Banken zusätzliche Eigenmittel brauchen. Laut McKinsey führt dies dazu, dass in Europas Banken in den nächsten zehn Jahren 2 Billionen Dollar zusätzliches Kapital benötigen. Die USA bräuchten gleichzeitig vom Rest der Welt 3,8 Billionen Dollar, um ihre Handelsbilanz auszugleichen.

«Shared normes for the new Reality»

Dieser gewaltige Kapitalbedarf der Wirtschaft steht in Konkurrenz zu den wachsenden Ausgaben für die Sozialwerke und vor allem für die Finanzierung der Altersvorsorge: Hier haben Regierungen und private Pensionskassen in den entwickelten Ländern Versprechungen gemacht, die dazu führen, dass mehr ausbezahlt als angespart wird. Laut den Verfassern des Risk-Reports, zu denen auch die Swiss RE und die Zürich Versicherungen gehören, sind diese Verpflichtungen viel höher als die addierten Ausgaben zur Krisenbekämpfung der vergangenen drei Jahre.

Als weiteres globales Risiko gilt der illegale Handel, der durch das Internet völlig neue Dimensionen erreicht hat. Wie aus den nebenstehenden Grafiken ersichtlich wird, ist insbesondere der illegale Medikamentenhandel inzwischen ein Milliardengeschäft. Dieses bedroht die Forschungstätigkeit der grossen Pharmakonzerne, weil diesen die Einnahmen aus den Patenten fehlen. Andererseits stellt der illegale Handel ein gewaltiges gesundheitliches Risiko für die Konsumenten dar. Das diesjährige Motto des WEF «Shared normes for the new Reality» (gemeinsame Regeln für die neue Realität) bringt die angestrebte Lösung für dieses Problem auf den Punkt.

Angesprochen darauf, welches denn nun das grösste Risiko für die Weltwirtschaft sei, meint Behravesh: «Auf kurze Frist die Staatsverschuldung. Doch diese Problematik wird wohl in den nächsten zwei Jahren gelöst. Aber wenn es China nicht schafft, sein Wachstum in den Griff zu bekommen, platzt dort eine Blase. Das wird zu einer grausam harten Landung führen.»

Erstellt: 25.01.2011, 11:43 Uhr

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