Interview

«Das ist eine Unterstellung, klar hätten wir die Studie gebracht»

Economiesuisse hätte die ETH-Studie zur Energiewende überinterpretiert, das schade der Glaubwürdigkeit des Dachverbands, wird kritisiert. Nun nimmt Geschäftsführer Pascal Gentinetta Stellung.

«Professor Egger hat viel Kritik geerntet, das mag aussergewöhnlich gewesen sein»: Economiesuisse-Geschäftsführer Pascal Gentinetta. (Archivbild)

«Professor Egger hat viel Kritik geerntet, das mag aussergewöhnlich gewesen sein»: Economiesuisse-Geschäftsführer Pascal Gentinetta. (Archivbild) Bild: Keystone

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Herr Gentinetta, der von Ihnen zur Energiewende zitierte ETH-Professor Peter Egger hat in einer Replik auf Kritik reagiert. Ist da etwas aus dem Ruder gelaufen?
Professor Egger hat viel Kritik geerntet, das mag aussergewöhnlich gewesen sein. Deshalb war es aber auch absolut richtig, dass er darauf reagiert hat.

Der Vorwurf von verschiedenen Seiten steht im Raum, Economiesuisse hätte die Resultate von Professor Eggers Studie «Simulationsergebnisse zur Energiestrategie des Bundes» überinterpretiert.
Wir haben an der Pressekonferenz am Mittwoch glasklar getrennt: Da war einerseits Professor Egger mit seiner Studie, und andererseits haben wir unsere Stellungnahme zur Vernehmlassung in Sachen Energiestrategie 2050 abgegeben. Dabei haben wir auf mögliche Gefahren aufmerksam gemacht. Das hat mit Überinterpretation nichts zu tun.

Sie sagen, gestützt auf die Zahlen von Professor Egger, die Grundlagen für die Energiestrategie 2050 seien «volkswirtschaftlich gefährlich», es drohten zwei Dekaden Wachstumseinbussen. Das ist doch Alarmismus.
Wir fühlen uns verpflichtet, die Problematik der Energiewende in all ihren Aspekten aufzuzeigen. Bisherige Studien haben bedeutende Punkte ausgeblendet. So zum Beispiel die internationale Einbindung der Schweizer Wirtschaft oder auch fiskalische Komponenten.

Aber dass die Schweiz wegen der Energiewende einen Viertel der Wirtschaftsleistung verlieren könnte, das glauben Sie doch selber nicht.
Ich muss sagen, wir waren selber überrascht ob der Ergebnisse. Abgesehen davon nennen Sie jetzt nur den Extremfall, den wir als solchen auch klar gekennzeichnet haben. Diesen aber einfach auszublenden, wäre verantwortungslos. Die Studie bietet ja auch Material, das die Energiestrategie des Bundes stützt, wie Professor Egger in Ihrem Interview selber gesagt hat.

Sie sagen, Sie seien überrascht gewesen. Anton Gunzinger, auch ein ETH-Professor, sagt, die Studie sei einzig auf das gewünschte Resultat angelegt gewesen.
Die Studie von Professor Egger war absolut seriös angelegt und unabhängig durchgeführt worden. Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen.

Aber wenn deren Resultate gegenteilig herausgekommen wären, hätten Sie doch die Studie nicht gebracht.
Das ist eine Unterstellung. Klar hätten wir die Studie gebracht.

Von wegen gewünschte Resultate. Die Studie verzichtet auf den Einbezug des technologischen Fortschritts und basiert auf einer Simulation mit dem Startjahr 2000. Das muss ja sehr negative Werte ausspucken.
Zu Punkt eins: Andere Studien gehen von einem technologischen Fortschritt und einem daraus erzielten Produktionsgewinn aus. Dafür werden dann irgendwelche Werte eingesetzt. Das ist doch völlig intransparent. Hier staune ich schon, dass sich gewisse Leute einer transparenten Diskussion verweigern. Die Studie sagt ja im Prinzip nur, wie viel technologischer Fortschritt nötig wäre, um die möglichen Einbussen an Wirtschaftswachstum zu kompensieren. Zu Punkt zwei: Laut Professor Egger stammten die letztmöglichen Daten, welche er für seine Simulation brauchte, aus dem Jahr 2000. Wir hatten jedoch weder auf die Methodik noch auf die Resultate einen Einfluss.

Sie sehen sich als Gralshüter, quasi als einzige Organisation, die sich für eine transparente Debatte einsetzt.
Der Bund selber sagt, dass seine Massnahmen nur die Hälfte der angestrebten Effizienzgewinne bringen. Den Rest will er mit einer ökologischen Steuerreform erreichen. Das wird eine harte politische Auseinandersetzung. Wir wollen, dass alle Fakten auf dem Tisch liegen.

Sie stehen nun praktisch alleine da mit Ihrer resoluten Ablehnung der Energiestrategie 2050. Selbst der Gewerbeverband befürwortet den Weg des Bundesrates.
Wir sagen «Nein, aber» zur Energiestrategie 2050 der Landesregierung. Der Gewerbeverband sagt «Ja, aber». So weit auseinander liegen wir nicht. Und auch wenn man uns in der Debatte als isoliert wahrnimmt, wir betreiben keine Obstruktion, sondern werden weiterhin konstruktiv an der Ausarbeitung einer neuen Schweizer Energiepolitik mitarbeiten.

Herr Gentinetta, nach den gekauften Kommentaren gegen die Abzockerinitiative und nun den Misstönen mit der ETH-Studie: Haben Sie ein Glaubwürdigkeitsproblem?
Die Sache mit den Kommentaren war ein Fehler der Agentur, den wir sofort gestoppt haben, als wir davon erfuhren. Und was die ETH-Studie betrifft, wir stehen zu dieser Einschätzung. Dass diese Zahlen einigen Leuten nicht gefallen, verstehe ich. Aber man darf hier einfach nichts schönreden. Wir sehen Gefahren beim jetzt vorgeschlagenen Weg des Bundesrates. Es ist unsere Verantwortung, auf diese Gefahr hinzuweisen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.02.2013, 18:13 Uhr

Die Vorgeschichte

ETH-Professor Peter Egger hat im Auftrag des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse eine Studie zu den volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Energiewende erstellt. Titel: «Energiewende in der Schweiz: Simulationsergebnisse zur Energiestrategie
des Bundes». Economiesuisse hat gestützt darauf ihre ablehnende Haltung zur Energiewende formuliert, die Grundlagen der Energiestrategie 2050 seien «unsolide und volkswirtschaftlich gefährlich» (wir berichteten).

Professor Egger stellte gestern in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet klar: «Meine Studie macht keine Prognosen. Wir haben nur Szenarien angeschaut und daraus errechnet, welchen Einfluss sie auf die verschiedenen Wege der Energiewende ausüben.»

Gleichzeitig sagte Egger, was Economiesuisse aus seinen Resultaten mache, sei deren Sache.

Uni-Professor Beat Hotz teilt diese Meinung nicht, wie er gestern in einem Gastkommentar darlegte. Zur Frage der Auswertung und Interpretation von wissenschaftlichen Studien durch Interessenvertreter schrieb er: «Obwohl ein Wissenschaftler darauf nur beschränkten Einfluss hat, muss er doch eine gewisse Verantwortung dafür übernehmen.»

An die Adresse von Economiesuisse gerichtet sagte Hotz heute: «Sollten breite Kreise die engen Grenzen der Studie und ihre übertriebene Interpretation von Economiesuisse erkennen, so dürfte der Dachverband dies noch bereuen – seine Glaubwürdigkeit leidet.»

Der Vorwurf der Überinterpretation wurde überdies auch von Rolf Iten vom unabhängigen Beratungsbüro Infras geäussert: Was Economiesuisse herauslese, entspreche «in keiner Weise» der ETH-Studie, zitierte ihn die NZZ. (cpm)

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