Das neue Gesetz und seine völlig unerwarteten Folgen

Das neue Finanzmarktgesetz der USA macht es möglich, Ratingagenturen juristisch zu belangen. Darum haben viele von ihnen nun Angst und verweigern Kunden Bewertungen. Das hat schwerwiegende Konsequenzen.

Die Ratingagenturen haben Angst vor diesem Bild: Die Chefs von Fitch (Stephen Joynt, l.), Moody's (Raymond McDaniel, m.) und Standard & Poor's (Deven Sharma, r.) vor zwei Jahren vor dem Kongressausschuss, der Ratingagenturen und ihre Rolle in der Finanzkrise unter die Lupe nahm.

Die Ratingagenturen haben Angst vor diesem Bild: Die Chefs von Fitch (Stephen Joynt, l.), Moody's (Raymond McDaniel, m.) und Standard & Poor's (Deven Sharma, r.) vor zwei Jahren vor dem Kongressausschuss, der Ratingagenturen und ihre Rolle in der Finanzkrise unter die Lupe nahm. Bild: Reuters

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Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass sich Ratingagenturen wie Standard & Poor's, Fitch und Moody's über den Expertenstatus, den sie unter dem neuen US-Finanzmarktgesetz erhalten, freuen. Wie sich nun aber zeigt, ist genau das Gegenteil der Fall. Denn unter dem sogenannten Dodd-Frank Act (siehe Box) können sie als Experten für Fehlurteile juristisch zur Rechenschaft gezogen werden.

Wie «Financial Times Deutschland» auf seiner Webseite schreibt, hätten die Ratingagenturen auf ihren neuen Expertenstatus geradezu panisch reagiert. Sie hätten in einem Schreiben ihre Kunden aufgefordert, bei der Emission neuer Finanzprodukte ihre Bewertungen vorerst nicht mehr zu verwenden. Hatten ihre Noten bisher nur als Meinungsäusserungen gegolten, müssten sie jetzt als als Expertenurteile auch vor Gericht bestehen.

Ein Milliardenmarkt kam zum Stillstand

Die Aufforderung der Ratingagenturen, ihre Noten nicht mehr zu benutzen, hat auf dem Finanzmarkt Konsequenzen, mit denen die Befürworter des neuen Gesetzes vermutlich nicht gerechnet hatten. Viele Emittenten, die Konsum-, Hypothekar oder Autokredite verbrieft haben (sogenannte Asset-Backed Securities, ABS, siehe Box) konnten keine Produkte mehr auf den Markt bringen. Der Grund: Für die Registrierung dieser Produkte braucht es bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC die schriftliche Bewertung durch eine Ratingagentur.

Dadurch brach in den vergangenen Tagen der Markt für Asset-Backed Securities komplett zusammen. Gegenüber «Financial Times Deutschland» sagte der auf ABS spezialisierte Rechtsanwalt Edward Gainor: «Wir erleben einen Stillstand.» Schuld sei in erster Linie das neue Gesetz. Gemäss «Wall Street Journal» sind in der Vorwoche noch ABS im Wert von 3 Milliarden Dollar gehandelt worden. In dieser Woche habe es keine einzige Neuemission gegeben.

SEC lässt Handel ohne Rating zu

Nun scheint sich jedoch eine vorläufige Lösung des Problems abzuzeichnen. Wie das «Wall Street Journal» heute schreibt, hat das SEC gestern Donnerstag beschlossen, den Handel dieser Finanzprodukte auch ohne offizielles Rating zuzulassen. Damit will die Börsenaufsicht die Pattsituation auf dem Bonds-Markt, zu dem die ABS gehören, auflösen.

Wie eine Vorstandsmitglied des SEC sagt, soll diese Übergangsperiode von den Ratingagenturen und Emittenten aber dazu genutzt werden, die nötigen Anpassungen an die neuen Gesetzesbestimmungen vorzunehmen.

Ratingagenturen wollen nicht mehr Experten sein

Wie diese Anpassungen aussehen werden, bleibt offen. Die Ratingagenturen versuchen eher verzweifelt, den ungeliebten Expertenstatus wieder loszuwerden. Ein Sprecher von Moody's hat dies gegenüber «Wall Street Journal» bestätigt. Moody's unterstütze die Bestrebungen, Ratings von der Finanzregulierung auszuschliessen. Gleichzeitig beteuert der Sprecher, dass sie weiterhin eng mit den Regulatoren und Emittenten zusammenarbeiten wollten und bereit seien, die «relevanten» Teile des neuen Gesetzes umzusetzen.

Der trockene Kommentar der «Financial Times Deutschland» zum ängstlichen Verhalten der Ratingagenturen angesichts der Möglichkeit, für Milliardenverluste zur Rechenschaft gezogen zu werden: «Die Ratingagentur wird auch in Zukunft ihre Meinung abgeben – vorerst jedoch nicht in den offiziellen Papieren. Denn da müsste sie ja selbst glauben, was sie schreibt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.07.2010, 11:26 Uhr

Dodd-Frank Act

Der Dodd-Frank Act bezeichnet ein neues Bundesgesetz der Vereinigten Staaten. Es beschränkt Banken in den Möglichkeiten, auf eigene Rechnung am Finanzmarkt riskante Wetten einzugehen. Es werden lediglich begrenzte Anlagen in Hedgefonds und in Private Equity zugestanden. Damit folgt das neue Gesetz dem Grundgedanken der sogenannten Volcker-Regel.

Vorgeschichte: In seiner Rede vom 21. Januar 2010 kündigte US-Präsident Barack Obama seine Absicht an, die grossen Banken nicht nur stärker zu regulieren, sondern auch deren Eigenhandelstätigkeit zu beschränken. Die somit von Präsident Obama übernommene, nach Paul Volcker benannte «Volcker-Regel» fordert, dass Finanzinstitute ihre spekulativen Anlagegeschäfte auf Kundenaufträge beschränken sollen und selbst keine riskanten Positionen zu Spekulationsgeschäften auf eigene Rechnung eingehen dürfen.

Asset-backed securities

Ein forderungsbesichertes Wertpapier (Englisch: Asset-Backed Security, kurz ABS) ist ein verzinsliches Wertpapier, welches Zahlungsansprüche gegen eine Zweckgesellschaft zum Gegenstand hat, und wobei die Zweckgesellschaft die Mittel ausschliesslich zum Erwerb von Forderungen meist mehrerer Gläubiger verwendet und zu einem Wertpapier verbrieft. Die Zahlungsansprüche werden durch den Bestand an Forderungen (assets) gedeckt (backed), die auf die Zweckgesellschaft übertragen werden. Zusätzlich können die Forderungen durch die jeweils eingeräumten Sicherheiten, die über einen Treuhänder zugunsten der Inhaber des forderungsbesicherten Wertpapiers gehalten werden, besichert sein. Forderungsverkäufer in einer solchen Transaktion sind in der Regel Banken, die so Teile ihrer Kreditforderungen handelbar machen, um sich zu refinanzieren.

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