«Das schlägt ihnen auf den Magen»

In Lausanne trifft sich die Crème de la Crème der Rohstoffbranche zu einem Gipfel. Korrespondent Philippe Reichen über Themen und Teilnehmer.

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Zum dritten Mal organisiert die «Financial Times» in Lausanne einen «Rohstoffgipfel». Welche Themen stehen dieses Jahr auf der Agenda?
Es geht wie in den vorangehenden Jahren um eine globale Sicht auf alle Rohstoffthemen, also Handel, Finanzierung und alle Rohstoffe, die gefördert und gehandelt werden.

Wer nimmt teil?
Die wichtigsten Rohstoffhandelsfirmen, zumindest vom Handelsplatz Genf. Auch Finanzdienstleister, Investoren und Beratungsunternehmen aus der Rohstoffbranche sind hier. Aber auch Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Journalisten.

Was läuft hinter den Kulissen und wer weibelt dort am stärksten?
Das sieht man nicht, die Treffen finden eben hinter den Kulissen statt. Die Erdölhandelsfirma Mercuria ist Hauptinitiantin und -organisatorin des Commodities Summit. Ihre Mitarbeiter können in Lausanne natürlich ihre Geschäftspartner treffen und versuchen, neue Kontakte zu knüpfen. Es ist für alle ein Networking-Anlass, bei dem es darum geht, bestehende Geschäftsbeziehungen zu vertiefen und neue aufzubauen.

Die Schweiz beherbergt einige der grössten Rohstoffhandelsfirmen. Wie wohl fühlt sich die Branche hier noch?
Das war bisher überhaupt kein Thema. Der Besitzer des Ölhandelsunternehmens Gunvor, Torbjörn Törnqvist, wird sich heute wohl einigen kritischen Fragen stellen müssen. Er hat vor wenigen Tagen die Anteile seines Geschäftspartners Gennadi Timtschenko übernommen. Die USA setzten Timtschenko kurz darauf auf die Liste der russischen Personen, gegen die sie im Zuge der Krimkrise Sanktionen verhängt hatten. Der Oligarch gilt als Vertrauter Putins. So könnte heute doch noch der Handelsplatz Genf, wo auch Gunvor angesiedelt ist, in den Fokus der Veranstaltung geraten. Ansonsten geht es hier nicht um Genf, sondern um die globale Rohstofflandschaft.

Der verschwiegenen Rohstoffbranche wird die Umgehung und Missachtung diverser Gesetze und ethischer Standards vorgeworfen, von Arbeitnehmer- und Umweltschutz bis zu Steuervermeidungspraktiken. Was prangern die Nichtregierungsorganisationen in diesem Jahr besonders an?
Alliance Sud hat am Wochenende eine Gegenveranstaltung durchgeführt zum Thema Nahrungsmittelhandel. Gestern forderten Demonstranten auch die Einhaltung der Menschenrechte. Am Gipfel selber ist das kein Thema. Heute Morgen wurden am Gipfel die neuen Regulierungen der USA für die Ethanolproduktion thematisiert. In dem Bereich hat es in den letzten Jahren grosse Investments gegeben. Nun schränken die USA die mengenmässige Produktion ein. Dadurch können einzelne Firmen ihre Investitionen nicht voll ausschöpfen. Das schlägt ihnen auf den Magen. Andere freuen sich darüber – aber eher aus der geschäftlichen Perspektive, dass ihre Konkurrenten einen Rückschlag erleiden mussten, und nicht aus Sorge um den Umweltschutz.

Welche anderen Aktionen führen die Kritiker durch?
Heute Morgen haben Greenpeace-Aktivisten tote Schoko-Eisbären verteilt, um gegen die Schäden der Ölförderung in der Arktis zu protestieren.

Die Rohstoffbranche versichert, sie habe in den letzten Jahren schon viel unternommen, um Missstände zu beheben.
Am Morgen habe ich mit einem Rohstoffhändler über die Sanktionen gegen Russland gesprochen. Er sagte, heute müsse man weisser als weiss sein. Konnte man noch vor fünf Jahren Sanktionen umgehen, so sei das heute nicht mehr möglich. Man werde sofort gebüsst. Die ganze Menschenrechtsproblematik wird höchstens firmenintern angegangen. Hier war das bislang kein Thema.

Der Bundesrat hat vor einem Jahr einen Bericht zur in der Schweiz ansässigen Rohstoffbranche veröffentlicht und 17 Empfehlungen abgegeben. Kürzlich hat er sich befriedigt über die Fortschritte gezeigt.
Das wird heute Nachmittag ein Thema sein. Staatssekretär Yves Rossier hält eine Ansprache. Die Schweiz setzt auf Selbstregulierung der Branche. Das ist hier ein kleines Thema. Mein Eindruck ist, dass man das auf die Agenda setzt, weil man es halt auf die Agenda setzen muss. Das Interesse, darüber zu diskutieren, ist klein.

Erstellt: 01.04.2014, 13:48 Uhr

Polizei nimmt 21 Personen fest

Die Lausanner Polizei hat am Montag 21 Teilnehmer einer Protestkundgebung gegen den Internationalen Rohstoffgipfel kurzzeitig festgenommen. Der Gipfel findet derzeit im Hotel Beau Rivag in Lausanne statt. Nach einer Identitätskontrolle auf dem Polizeiposten wurden alle Demonstranten wieder freigelassen. An der Kundgebung hätten sich rund 400 Personen beteiligt, sagte der Sprecher der Lausanner Polizei heute auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Die Kundgebung sei anfänglich friedlich verlaufen.

In der Nähe des Lausanner Luxushotels seien dann plötzlich zwei Demonstranten über die Sicherheitsschranken geklettert - gefolgt von Dutzenden anderen. Die Ordnungskräfte hätten daraufhin Pfefferspray eingesetzt, sagte der Sprecher. Die Demonstranten hätten ihrerseits Steine und eine Flasche geworfen und Pyrotechnik gezündet. Verletzt wurde niemand. (sda)

Philippe Reichen ist Westschweiz-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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