Das sind Hildebrands Chancen auf die Strauss-Kahn-Nachfolge

IWF-Chef Strauss-Kahn ist zurückgetreten. Als möglicher Nachfolger wurde auch SNB-Präsident Philippe Hildebrand genannt. Inzwischen hat dieser selber Stellung genommen.

Vor 10 Tagen noch gemeinsam vor der Presse: Philippe Hildebrand und Dominique Strauss-Kahn an einem Treffen im Zürcher Baur au Lac.

Vor 10 Tagen noch gemeinsam vor der Presse: Philippe Hildebrand und Dominique Strauss-Kahn an einem Treffen im Zürcher Baur au Lac. Bild: Keystone

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«Ein Schweizer an der IWF-Spitze?», titelt die deutsche «Zeit» in ihrer Onlineausgabe. Das ist bemerkenswert, müssten doch gerade die Deutschen als wichtigste Kraft bei der Euro-Rettung alles Interesse an der Besetzung dieses Postens haben. Oder zumindest ein Mitglied eines anderen Euro-Staates. Allerdings nennt der Bericht gleich auch die Probleme der aussichtsreichsten Kandidaten Europas: Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde – die Favoritin – habe den falschen Pass. Der IWF-Chefposten wieder in Händen der Grande Nation, das stosse innerhalb Europas auf Widerstand. Auch andere Namen wie Axel Weber, der frühere Bundesbankchef, Gordon Brown oder Peer Steinbrück werden verworfen.

Was also spricht für Philippe Hildebrand? «Politisch liessen sich durch die Wahl eines Schweizers einige Klippen umschiffen», so «Zeit online» weiter. Die Schweiz sei zwar Teil Europas, aber nicht Mitglied der Währungsunion. Das könnte die Schwellenländer beruhigen, wird gemutmasst. Ähnlich argumentiert Wirtschaftspublizist René Zeyer im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Hildebrand hat Aussenseiterchancen. Kann man sich gegenseitig nicht auf einen Kandidaten einigen, wäre der Schweizer der dritte Mann, quasi die Kompromisslösung.»

«Er ist international respektiert»

Nicht nur Planspiele sprechen für den Schweizer. Hildebrand wird in der Finanzwelt wahrgenommen, auch wenn er aus einem kleinen Land stammt. «Hildebrand hat sich international einen Namen als unabhängiger Nationalbanker gemacht», erklärt Zeyer. Zwar hat der Chef der Schweizerischen Nationalbank in der Frage der Bankenregulierung und der «Too big to fail»-Problematik letztendlich keine Entscheidungsgewalt. Seine Meinung hat er dennoch mehrmals öffentlich kundgetan. Und die hiesigen Banken hatten keine Freude daran, denn Hildebrand ist ein Befürworter strengerer Regeln. «Er ist international respektiert», so Zeyer. Applaus habe dieser zudem nicht nur von Nobelpreisträger Paul Krugmann erhalten.

Gern gesehen hat man in Euroland sicher die milliardenschweren Stützungskäufe für den Euro durch die Schweizerische Nationalbank, erklärt Wirtschaftsprofessor Martin Janssen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das sei dann aber auch der einzige Punkt, der hinsichtlich der Wahlchancen für den IWF-Chefposten für Hildebrand spreche. Ansonsten winkt Janssen ab. «Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich das für unmöglich. Die Schweiz verliert eher den Exekutivposten im Direktorium, als dass Hildebrand IWF-Chef wird.» Und: «Ich halte Hildebrand auch für zu jung für diesen Posten.»

Selber ins Gespräch gebracht?

Zeyer wiederum sieht Probleme für Hildebrands Wahlchancen bezüglich der Euro-Rettung. «Die Euro-Länder brauchen den IWF für die Rettung der Einheitswährung. So gesehen sind sie fast angewiesen auf einen aus ihren Reihen. Gerade aber Hildebrand, der als unabhängig gilt, könnte so für die Euro-Länder zum Problem werden.» Die Krisenländer Griechenland, Portugal und Irland würden noch mehr Geld brauchen, das sei absehbar. «Und wehe, wenn der IWF hier plötzlich nicht mehr mitmachen würde.» Zeyer folgert: «Real gesehen, sind die Chancen für Philippe Hildebrand auf den IWF-Chefposten gewählt zu werden, nicht gross.»

Dass Hildebrand nun als möglicher Strauss-Kahn-Nachfolger im Gespräch ist, könnte aber auch aus der eigenen Küche stammen. Sprich, man hat sich selber ins Spiel gebracht. Zeyer hält dieses Szenario «durchaus» für denkbar. Ob solches aktiv oder passiv geschehen sei, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass ein Treffen mit Notenbankern aus der ganzen Welt im Zürcher Hotel Baur au Lac vor 10 Tagen – mit dabei Hildebrand und Strauss-Kahn – ziemlich öffentlichkeitswirksam gestaltet wurde. Inklusive Pressekonferenz mit dem Schweizer und dem Franzosen. «Sicher konnte Hildebrand mit diesem Treffen auch im eigenen Land punkten», so Zeyer.

Die eigenen Kritiker besänftigen

Wenn auch die Chancen auf den IWF-Chefposten nicht allzu gut stehen, so könnte Hildebrand mit dem internationalen Renommee zumindest seine Kritiker etwas besänftigen. Die Botschaft: Seht her, international bin ich hoch angesehen, selbst als Währungsfondschef im Gespräch. Wie könnt ihr so einen zum Teufel jagen? «Das halte ich für eine mögliche Erklärung», sagt Zeyer.

Erstellt: 20.05.2011, 13:35 Uhr

Stellungnahme von Hildebrand

Nachdem Philippe Hildebrand seit zwei Tagen neben rund einem Dutzend anderer Kandidaten als möglicher Nachfolger für den zurückgetretenen Dominique Strauss-Kahn genannt wird, hat der SNB-Präsident am Freitagnachmittag selber Stellung genommen. Dabei macht der oberste Schweizer Währungshüter klar, dass er sich nicht als Nachfolger Strauss-Kahns auf dem Chefposten des Internationalen Währungsfonds (IWF) sieht.
Hildebrand wolle sich weiterhin voll seinen derzeitigen Pflichten und Aufgaben widmen, teilte die SNB in einem kurzen Communiqué mit. Der 47-jährige Hildebrand ist seit Anfang 2010 Präsident der SNB. Ein weiterer Schweizer, der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, wird ebenfalls aus Strauss-Kahn-Nachfolger gehandelt.

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