Das verzweifelte Hoffen an den Märkten

Seit kurzem steigen an den Weltbörsen trotz Krisenängsten wieder die Kurse. Die Gründe dafür bieten keinen Anlass zur Entwarnung.

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Noch vor wenigen Tagen überschlugen sich die Meldungen, dass die Welt – und insbesondere Europa – nahe dran sei, in eine neue Finanz- und Wirtschaftskrise zu geraten. In einem seltsamen Kontrast dazu haben aber in den letzten Tagen die Aktienmärkte weltweit deutlich zugelegt: Über die letzten Tage sind es beim SMI rund 2,5 Prozent, der amerikanische Dow Jones und der europaweite Euro Stoxx 50 haben sogar rund 4 Prozent zugelegt. Noch eindrücklicher ist die Zunahme der Banktitel. Allein gemessen am entsprechenden europäischen Branchenindex sind die Aktien der Geldinstitute in den letzten 5 Tagen um 9 Prozent angestiegen.

Was aber hat der zwischenzeitliche Aufwärtstrieb an der Börse zu bedeuten? Ist er ein Anzeichen dafür, dass die Gefahren für die Wirtschaft und die Finanzbranche doch nicht so gross sind, wie viele befürchtet haben? Dafür gibt es genau besehen keinen Hinweis. Der wichtigste Grund für den Auftrieb der Börsen und insbesondere der Finanztitel war nichts weiter als die Hoffnung, dass Europas Politiker demnächst Massnahmen ergreifen werden, um gefährdete Banken und Länder mit deutlich mehr Geld stützen zu können, als das mit dem bisher geplanten Rettungsschirm «European Financial Stability Facility» (EFSF) möglich ist.

Der Hebel solls richten

Genährt wurde diese Hoffnung durch die Alarmstimmung und die Debatten am Herbsttreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington vom vergangenen Wochenende. So wurden Aussagen von Politikern dort so interpretiert, dass man in der Eurozone daran arbeite, für den EFSF-Rettungsfonds eine Struktur zu schaffen, die ihm eine sehr viel grössere Potenz verleihen würde. Nach den bisherigen Plänen ist er auf 440 Milliarden Euro beschränkt. Das wäre zu wenig, um dem Europäischen Finanzsystem und gefährdeten grossen Ländern wie Italien mit Notfinanzierungen zur Seite zu stehen.

In der Öffentlichkeit wurden gleich mehrere Varianten diskutiert, wie diese Summe vervielfacht werden kann, ohne dass der Fonds selber mehr Geld aufnehmen muss. Sie laufen mehr oder weniger alle darauf hinaus, dass die 440 Milliarden nicht mehr unmittelbar für Ausleihungen verwendet würden, sondern – wie im Fall einer Bank – nur als «Eigenkapital» dienen sollen, als Sicherheit für Mittel anderer Geldgeber mit einer tieferen Tasche. Als solcher weiterer Geldgeber hatte man vor allem die Europäische Zentralbank im Blick. Damit würde der Fonds gleich doppelt gehebelt. Denn schon die 440 Milliarden Euro zahlen die Euroländer nicht aus ihren Staatskassen ein, sondern nehmen sie auf den Kapitalmärkten auf – ihre eigene Leistung besteht zum grössten Teil darin, die so aufgenommenen Beträge zu garantieren.

Die kapitale Hoffnung

Dass eine solche «Lösung» die Märkte beruhigen würde, ist wenig überraschend. Wenn für alle Fälle genügend Kapital bereit steht, hätte selbst der ohnehin unausweichliche Staatsbankrott Griechenlands weniger dramatische Konsequenzen für Europa und die internationalen Finanzmärkte. Sollte er geordnet vonstatten gehen, werden die Kosten für die Banken wegen Abschreibern auf gegen 200 Milliarden Euro geschätzt. Doch wenn genügend Rettungsgeld bereitsteht, hätten die Gläubiger der Banken keinen Anlass, panikartig ihr Geld zurückziehen. Die in solchen Fällen typische Kettenreaktion, die in eine schwere Finanzkrisen mündet, würde ausbleiben. Ist genug Kapital vorhanden, können auch grundsätzlich solvente Länder wie Italien vom Teufelskreis mit immer höheren Zinsen und dadurch verschlimmerter Finanzlage befreit werden.

Dass die Börsen allein auf diese Gerüchte und Überlegungen hin mit Ausschlägen nach oben reagiert haben, ist kein gutes Zeichen. Es zeugt vielmehr von der Nervosität und der schieren Verzweiflung an den Märkten, wo man offenbar jeden Strohhalm aufgreift, der Besserung versprechen könnte. Viel mehr scheinen die Überlegungen zu einem gehebelten Ausbau des Rettungsschirms tatsächlich nicht zu sein.

Deutscher Widerstand

Denn während bereits über einen solch gewaltigen Ausbau spekuliert wird, ist noch nicht einmal gesichert, ob die im Vergleich dazu weit bescheideneren Anwendungsmöglichkeiten für den EFSF – die die Eurominister im Juli an einem Krisentreffen vorgesehen haben – auch tatsächlich eingeführt werden. Denn die bisher gültigen Regeln erlauben dem Fonds noch nicht, Staatsanleihen von gefährdeten Staaten aufzukaufen oder direkt Banken mit Kapital zu stützen – ganz zu schweigen von einer Hebelung. Erst wenn die Parlamente der Euroländer dies ausdrücklich erlauben, hat der Fonds diese Möglichkeit. Wie die deutschen Parlamentarier morgen dazu Stellung nehmen, ist dabei von besonderem Interesse. Denn selbst von den Parteien ihrer eigenen Regierungskoalition droht Kanzlerin Angela Merkel Widerstand.

Die neuen Möglichkeiten wollten die Euro-Staatschefs dem EFSF verschaffen, damit er die Europäische Zentralbank EZB von der Aufgabe entlastet, mit eigenem Geld Staatsanleihen aufzukaufen und Banken zu stützen. Die erwähnten «Hebel-Gerüchte», wonach die EZB eben doch wieder mit eigenem Geld – wenn auch versehen mit Garantien des EFSF – massiv Staatsanleihen kaufen oder Banken stützen könnte, widersprechen der erklärten Absicht, die EZB zu entlasten. Deshalb wird die EZB zu einem solchen Deal kaum Hand bieten, zu sehr wird sie für die Stützungsaktivitäten kritisiert, die sie bereits vornimmt.

Standard & Poor's warnt

Ebenfalls eine Absage an eine gehebelte Form des EFSF kam von der Ratingagentur Standard & Poor’s: Die Umsetzung solcher Pläne könnte zu einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit selbst von Deutschland führen. Die Begründung dafür ist nicht schwer zu erkennen. Selbst wenn die Euroländer anfänglich nicht viel Geld in die Hand nehmen müssten, so hätten sie doch in letzter Konsequenz für die eingegangenen Risiken geradezustehen. Die Aussicht auf massive weitere Verpflichtungen allein schon im Rahmen des EFSF stösst daher auch in Deutschland auf entschiedene Ablehnung.

Das heisst, die Erlösung von der Krise steht nicht an. Der Kursanstieg an den Börsen ist nichts weiter als ein weiterer Ausschlag nach oben auf einem insgesamt sehr tiefen Niveau – wie es sie auch in jüngster Zeit immer wieder gab. Die grosse Frage der nächsten Tage und Wochen bleibt, ob Griechenland noch einmal Geld erhält oder bereits jetzt Bankrott geht. Momentan stehen die Chancen gut, dass das Land die nächste Tranche von 8 Milliarden Euro aus dem ersten Rettungsfonds von 110 Milliarden Euro erhält.

Griechenland bleibt chancenlos

Doch wenn das Geld ausbezahlt ist, könnte es die letzte solche Zahlung gewesen sein, die das Land erhält. Dafür sprechen nicht nur die sich häufenden Aussagen von Politikern, die Griechenland fallen lassen wollen, und die immer verzweifelter anmutenden Durchhalteparolen der Griechen selbst. Gemessen an den Prämien für die Kreditausfallversicherung (CDS) steht ein Bankrott des Landes bevor. Sie belaufen sich mittlerweile auf mehr als 60 Prozent. Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2010, zu Beginn der Krise, lag diese Prämie unter 10 Prozent und man hielt das für ein sehr gefährliches Signal. Selbst zu Beginn dieses Monats notierte sie erst bei 16 Prozent. Gut möglich, dass die Europolitiker die ausgedehnten Möglichkeiten des bestehenden Eurorettungsschirms EFSF erst ins Trockene bringen wollen, um damit die Folgen eines griechischen Bankrotts wenigstens ein wenig besser unter Kontrolle zu haben.

Die Risiken in der Eurozone haben daher nicht abgenommen, eine echte Lösung ist nicht in Sicht und die Gefahr einer bevorstehenden Finanzkrise besteht unvermindert fort.

Erstellt: 28.09.2011, 14:06 Uhr

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