Datendieb Kieber: Seine Wahrheit

Er ist Pionier seines Fachs: Im Februar 2008 verkaufte der Liechtensteiner Deutschland Daten aus dem Haus der Fürstenbank. Statt still die gelösten Euros zu geniessen, sucht Kieber Aufmerksamkeit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Der Fürst. Der Dieb. Die Daten.» Das ist der Titel des Buchs, das Heinrich Kieber vor wenigen Tagen ins Internet gestellt hat. 648 Seiten später, gegen Schluss des Werks, erfährt der Leser, dass der Titel anders lauten müsste: «Der Fürst, der Dieb! Die Daten.»

Das Buch ist eine Abrechnung mit Fürst Hans Adam von und zu Liechtenstein. Kieber bestreitet zwar nicht, als Angestellter in der Bank des Fürstenhauses Daten gestohlen zu haben. Er bezichtigt Hans Adam aber weit schlimmerer Taten: «Wie die Geschichte gezeigt hatte, war ich zwar ein Dieb. Er ist aber in meinen Augen der tausendmal grössere Dieb, weil er sich auf Kosten der Heimatländer seiner Kunden bereichert.»

In der Pampa eingekerkert

Das Buch ist vor allem eine Klageschrift über das ihm angetane und ungesühnte Unrecht. Unrecht, das ihm in der argentinischen Pampa widerfahren ist: «Ich hörte mehrere Personen, Schritte, und zu meiner völligen, unglaublichen Überraschung stand da – verdammt noch mal – dieser Verbrecher Helmut Roegele mit seiner Frau Salud Hidalgo und zwei Wächtern mit gezogenen Revolvern und Pistole vor mir im Raum.» Dem Deutschen Roegele ist Kieber zuvor in Spanien begegnet.

Das Argentinienabenteurer hat direkt nichts mit dem späteren Datendiebstahl zu tun. Bei näherem Hinsehen ist es aber die Narbe in Kiebers Seele, die ihn zur späteren Tat getrieben hat. Nach Kiebers «Tatsachenbericht» hat er seinem spanischen Freund Mariano 240'000 Franken geliehen – Geld, das dieser mit 12 Prozent zu verzinsen versprach. Vier lange Jahre flossen weder Zins noch Rückzahlungen. Im März 1997 lud der Spanier Kieber aber auf seine argentinische Hacienda ein mit dem Versprechen, ihm dort das Geld zu übergeben. Dort eingetroffen, wurde Kieber überwältigt und in einem Wasserturm angekettet. Anstatt ihm Geld auszuhändigen, versuchten Mariano und Roegele, Hand an sein ganzes Vermögen zu legen.

Eine andere Version der Geschichte

Es gibt Leute, welche die Tatsachen etwas anders sehen. Zum Beispiel der Filmemacher Sebastian Frommelt und der Journalist Sigvard Wohlwend. In ihrem Dokumentarfilm «Heinrich Kieber – Datendieb», der im Mai im Fürstentum für Furore sorgte, zeigen sie, dass Kieber Roegele in Spanien über den Tisch gezogen hat. Mit ungedeckten Checks soll er ihm eine Stadtwohnung abgeluchst und diese weiterverkauft haben. Roegele liess ihn mit internationalem Haftbefehl suchen, nachdem es Kieber nach seiner Freilassung in Argentinien in letzter Minute gelungen war, die zuvor ausgelöste Zahlung an Roegele und Mariano zu stoppen. Kieber wurde in Vaduz im Oktober 2001 erstinstanzlich verurteilt.

Die Versicherung ausgetrickst

Frommelt sagt: «Kieber ist ein schlauer Mensch mit krimineller Energie.» Der Filmer beruft sich dabei auch auf einen Versicherungsbetrug in Australien. Ein in Deutschland gemietetes Expeditionsfahrzeug habe Kieber in Neuseeland als abgebrannt gemeldet und die Versicherungssumme kassiert. Das gleiche Auto habe er später in Australien auch noch als gestohlen zur Anzeige gebracht.

Nach Lektüre des Buchs sagt Frommelt, Kieber sei «erstaunlich genau im Rekonstruieren von Ereignisketten». Aber: «Gewisse Dinge blendet er einfach aus.» Im Buch fehlt jeder Hinweis auf die spanische Immobilien- oder die australische Autogeschichte. Dafür erfährt der Leser in makabrem Detaillierungsgrad, wie er sich im Wasserturm mit einer Rasierklinge Unterarme und Hals aufschlitzte. Oder auch, wie ein LGT-Kunde aus Angst vor deutschen Steuerfahndern sein Auto auf der Schweizer Seite des Rheins zu parken pflegte, mit dem Linienbus nach Vaduz fuhr, um dort seinem Bankberater das Geld «vor der Toilettentüre im unteren Stockwerk des Restaurants Amann, gleich neben der Apotheke Hasler» zu übergeben.

Selbst in die Opferrolle getrieben

Kieber kennt eine Wahrheit, seine Wahrheit. Er ist beseelt von der Idee, zu seinem Recht zu kommen. Die liechtensteinischen Richter versetzten ihn also ins Unrecht. Das kann, das will er nicht akzeptieren. «Er ist getrieben von der Idee, sich immer als Opfer darzustellen», sagt Frommelt. Weil Kieber nicht zu seinem Recht kam, schritt er zur Rache. Die Fürstenbank-Tochter LGT Treuhand spielte ihm das Instrument in die Hand, indem sie es ihm einfach machte, an Bankkundendaten heranzukommen. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Im Februar 2008 verkaufte Kieber die Daten für 5 Millionen Euro an den Deutschen Bundesnachrichtendienst.

Erstellt: 14.08.2010, 12:32 Uhr

Der Datendieb geht unter die Autoren: Heinrich Kieber. (Landespolizei Liechtenstein (Keystone))

Artikel zum Thema

Ein Dokumentarfilm sorgt für rote Köpfe in Liechtenstein

Der Grund ist ein mit öffentlichen Geldern geförderter Dokumentarfilm über Datendieb Heinrich Kieber, der den Finanzplatz in die grösste Krise seiner Geschichte stürzte. Mehr...

Datendieb packt aus: 46 Politiker in Steuer-Affäre verwickelt

Steuer-Affäre Hamburg/Vaduz Die Steuer-Affäre um den früheren deutschen Post-Chef Klaus Zumwinkel hat nach Angaben des Liechtensteiner Datendiebes Heinrich Kieber grössere Ausmasse als bisher wahrgenommen. Mehr...

«Sie sperrten mich zwölf Tage in einen Wasserturm»

Er verkaufte Liechtensteiner Kontodaten für Millionen. Der Datendieb Heinrich Kieber inszeniert sich im ersten grossen Interview als Gerechtigkeitsfanatiker. Doch an seiner Heldenrolle darf gezweifelt werden. Mehr...

Dossiers

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...