«Denkt an den Ausstieg»

Bertrand Badré, Finanzchef der Weltbank, über expansive Geldpolitik und die Chancen der Entwicklungsländer

Sorgt sich um brutale Anpassungen: Laut Betrand Badré hat die Weltbank ihre Politik geändert. Foto: Dominik Plüss

Sorgt sich um brutale Anpassungen: Laut Betrand Badré hat die Weltbank ihre Politik geändert. Foto: Dominik Plüss

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Bertrand Badré, Finanzchef der Weltbank, ist ein Reisender in Sachen Entwicklungshilfe. Er steht am Donnerstag Morgen neben seinem gepackten Koffer in der Lobby des Hotels Schweizerhof. Am Abend fliegt er nach Washington zurück, doch zuvor nimmt er an einer Konferenz in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) teil. Die Bank der Zentralbanken warnt regelmässig ihre Mitglieder vor deren ultralockeren Geldpolitik. Wirkung haben die Warnungen bisher wenig gezeigt, am Nachmittag wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Kurs öffentlich bestätigen

Die US-Notenbank, die EZB und die Bank of England halten die Geldschleusen weiter geöffnet. Machen sie das Richtige?
Ich glaube, das tun sie. Ziehen wir die Krise der 1930er-Jahre als Vergleich heran. Damals wurden einige Fehler gemacht: Banken liess man bankrottgehen, Amerika allein verlor 50 Prozent seines Bankensektors. Die Länder betrieben Protektionismus und schlitterten in die Deflation. Es kam zur Grossen Depression. In der aktuellen Krise vermied man diese Fehler.

Mission erfüllt?
Es ist natürlich noch nicht alles getan. Banken wurden im grossen Stil gerettet, jetzt muss man dafür sorgen, dass sie gesund werden. Viele Länder haben sich nicht abgeschottet, sie haben zusammengearbeitet. Eine zweite Grosse Depression wurde durch Konjunkturprogramme und Zentralbankhilfen abgewendet. Doch gleichzeitig wurden die öffentlichen Schulden in die Höhe getrieben, die jetzt wieder abgebaut werden müssen. Das braucht Zeit, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung.

Welche Rolle spielen Sie in diesem Prozess und was machen Sie bei der BIZ? Die Weltbank ist keine Zentralbank.
Das ist richtig. Wir sind auch nicht Teil der BIZ, um die Zentralbanken, in dem, was sie tun, herauszufordern. Wir sind hier, um sicherzustellen, dass die Währungshüter auch an die Entwicklungs- und Schwellenländer denken. Welche Massnahmen auch immer wegen der Krise in Europa oder den USA getroffen werden, diese dürfen keine unerwünschten Konsequenzen für unsere Partner haben.

Aber das hatten sie doch bereits, als die US-Zentralbank vergangenes Jahr zaghaft begann, die Geldpolitik zu straffen.
Als der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke, Vorgänger von Janet Yellen, 2013 ankündigte, die expansive Geldpolitik langsam zurückzufahren, kam es zu einem regelrechten Ausraster an den Märkten. Das ist das grosse Risiko: Eine Umkehrung der Kapitalströme. Wenn die Zinsen in den USA und Europa steigen und es den Wirtschaften wieder besser geht, wird Geld aus den Entwicklungs- und Schwellenländern dorthin abgezogen. Das wird passieren, wir müssen allerdings verhindern, dass es in einem zu grossen Masse geschieht.

Wie wollen Sie das verhindern?
Dieser Ausraster war eine Generalprobe, die auch schon vieles, was bei einem Ausstieg passiert, vorweggenommen hat. Die Märkte sind also besser auf die Konsequenzen vorbereitet. Dennoch müssen wir Sorge tragen, dass es nicht zu brutalen Anpassungen kommt. Hier ist die Kommunikation der Zentralbanken entscheidend. Sie müssen die Märkte schrittweise darauf vorbereiten.

Machen sie dabei einen guten Job?
Ja, ich bin zum Beispiel ziemlich beeindruckt von Janet Yellens Art, zu kommunizieren. Sie ist sich bewusst, was ihre Handlungen auch ausserhalb der USA bewirken. Das ist eine der grossen Lehren der vergangenen Jahre: Staaten können nicht nur für sich Entscheidungen treffen, sie müssen an den Rest der Welt denken.

Kommt so viel Geld im System nicht auch der Entwicklungshilfe zugute?
Ja und nein. Entwicklung ist ein langfristiger Prozess, in dem ein Land Institutionen, Infrastruktur, soziale Netze aufbauen muss. Dinge ändern sich nicht nur, weil jemand für ein paar Jahre Geld in ein Land steckt. Dennoch muss man sagen, dass die Geldpolitik der Zentralbanken den Schwellen- und Entwicklungsländern geholfen hat. Viel Kapital ist in diese Länder geflossen.

Die Finanzkrise ist also keine globale Krise?
Ein Minister eines grossen G-20-Mitgliedstaats, dessen Volkswirtschaft nicht hoch entwickelt ist, sagte kürzlich zu mir: «Wenn es eine Krise in den USA oder Europa gibt, dann nennt ihr es eine globale Krise, wenn es eine Krise bei uns gibt, nennt ihr es eine asiatische, afrikanische oder südamerikanische Krise.» Die Krise brach in den USA aus, wurde nach Europa exportiert und betraf vor allem das westliche Bankensystem. Die Entwicklungsländer waren nicht so sehr davon betroffen.

Die Weltbank hat also ein Interesse daran, dass die Zentralbanken an ihrem expansiven Kurs festhalten?
Unser Interesse ist, dass wir zu einem System zurückkehren, das vernünftig arbeitet. Die Zentralbanken haben in der Finanzkrise ein aussergewöhnliches Umfeld geschaffen. Damit haben sie den Kollaps des Systems verhindert, aber benutzen dazu Instrumente, die sie davor nie eingesetzt haben. Sie müssen das Ende ihrer Politik im Blick haben. Die USA bewegen sich in diese Richtung und auch in Grossbritannien werden die Zinsen bald steigen.

Die EZB fängt doch aber erst so richtig an, ihre Instrumente zu nutzen.
Aber auch diese Massnahmen werden nicht für immer sein. Darum sagen wir den Zentralbanken, denkt an den Ausstieg und was ihr danach machen wollt. Dazu haben wir in der BIZ begonnen, das System zu reparieren, indem wir neue Eigenkapital- und Liquiditätsregeln für Banken gesetzt haben. Damit ist das Bankensystem sicherer. Aber wir müssen auch das Finanzsystem als Ganzes betrachten. Die Banken, die Versicherungen, Pensionskassen und das, was man Schattenbanksystem nennt.

Geht das nicht über die Kompetenzen der Weltbank hinaus?
Wir müssen aufpassen, dass die Leute, die die Finanzstandards dieser Welt setzen – zum Beispiel in der BIZ in Basel –, damit nicht den Menschen den Zugang zum Finanzsystem versperren. Heute diskutieren wir in Basel unter Vorsitz von Königin Maxima der Niederlande das Thema Finanzinklusion. Zwei Milliarden Erwachsene auf der Welt haben keinen Zugang zu einem Bankkonto. Um Armut auszumerzen, ist aber der Zugang zum Finanzsystem wichtig.

Der Weltbank wurde in der Vergangenheit vorgeworfen, durch strikte Auflagen für ihre Hilfsmittel Armut in den Entwicklungsländern zu verschlimmern.
Die Arbeit der Weltbank hat sich sehr geändert. Die Schwellen- und Entwicklungsländer sind unsere Partner. Es wäre illusorisch zu glauben, wir könnten China oder Brasilien unilateral Vorschriften machen.

Der sogenannte Washington Consensus – Privatisierung, Deregulierung und die Verkleinerung des öffentlichen Sektors – ist nicht mehr Ihre Arbeitsgrundlage?
Der Washington Consensus war ein ungewöhnlicher Moment in der Geschichte. Heute ist die Weltbank eine Bank, die individuelle Lösungen finden, nicht Vorschriften machen will. Wir diktieren nichts, wir erklären, wie es gemacht werden kann. Wir zeigen auf, wie man einen vernünftigen Regulierungsrahmen schafft und in welche Sektoren der Wirtschaft man investieren kann, um Wachstum und Arbeit zu schaffen. In manchen Ländern ist Privatisierung nützlich, in anderen nicht. Wir sind keine Ideologen, in vielem sind wir skeptischer geworden.

Dennoch wenden sich einige Länder von Ihnen ab und gründen wie in Südamerika eigene Entwicklungsbanken.
Schon davor gab es Entwicklungsbanken in Lateinamerika. Das ist nur natürlich, wenn Leute versuchen, regionale Probleme regional zu lösen. Auch Europa hat solche Institutionen. Das ist kein Problem, denn am Ende kooperieren wir sowieso mit allen. Heute kann niemand mehr isoliert für sich arbeiten. Sollte es eine Krise in Lateinamerika geben, ginge das jeden an, nicht nur die Südamerikaner. Es wäre falsch, in eine Blockbildung zurückzufallen.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 03.10.2014, 15:39 Uhr

Von der Gross- zur Weltbank

Ein Elsässer in Washington

Bertrand Badré (46) ist seit März 2013 Chief Financial Officer der Weltbank-Gruppe. Die internationale Organisation mit Sitz in Washington stellt Finanzierungs­instrumente für langfristige Entwicklungs- und Aufbauprojekte zur Verfügung. Als Vertreter der Weltbank nimmt Badré an den G-20-Treffen und den Sitzungen des «Financial Stability Boards» der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel teil.

Zuvor war Badré unter anderem Finanzchef der französischen Grossbanken Société Générale und Crédit Agricole. 2003 war er Mitarbeiter des französischen Präsidenten Jacques Chirac und bereitete den G-8-Gipfel in Evian vor.

Badré studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie Geschichte und Betriebswirtschaft in Paris. Seine Familie stammt ursprünglich aus dem elsässischen Oberbruck, wo er nach eigenem Bekunden regelmässig seine Ferien verbringt. Badré ist seit 1995 mit Vanessa Badré verheiratet und hat mit ihr vier Kinder. (ade)

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