Der Black Friday ist nicht for Future

Ein Konsumwahn wie am Schnäppchen-Tag Black Friday schadet Klima und Umwelt mehr, als wir denken.

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Nächste Woche lockt der Black Friday wieder mit unschlagbaren Angeboten zum Konsumrausch. Der Tag ist ein Import aus den USA, wo stets am Freitag nach dem Erntedankfest die Kunden wegen der Rabatte die Geschäfte stürmen.

Der Schnäppchen-Tag ist auch in der Schweiz ein rasant wachsender Erfolg. Dabei ist der absurde Anreiz, ungezügelt billige Waren zu kaufen, nicht mehr zeitgemäss. Der Black Friday steht im krassen Gegensatz zu den Friday-for-Future-Protesten von Jugendlichen, die für Klima- und Umweltschutz auf die Strasse gehen, zu Diskussionen, den überbordenden Plastikmüll einzudämmen, zu Flugscham und Fleischverzicht. Wie steht es also um das Shoppen?

Jedes Jahr kaufen mehr Schweizer am Black Friday ein, und zwar so viel, dass Kreditkarteninstitute frühzeitig anbieten, die Kreditlimite zu erhöhen. Im Einkaufssack oder dem online bestellten Paket landen meist Kleidungsstücke und Elektroartikel.

Aber genau diese Konsumgüter haben eine besonders schlechte Umweltbilanz. So setzt die Textilindustrie mehr Kohlendioxid-Äquivalente pro Jahr frei als sämtliche internationalen Flüge und der marine Schiffsverkehr zusammen. Geradezu verheerend ist dabei das Phänomen Fast Fashion: Die Kleiderkollektionen wechseln immer schneller. Was heute in ist, ist morgen überholt. Der durchschnittliche Konsument ersteht im Vergleich zum Jahr 2000 inzwischen über 60 Prozent mehr Kleidungsstücke – nutzt sie aber nur noch halb so lange wie früher.

«Handys sind die eigentlichen Klimasünder unter den Elektrogeräten. Sie werden viel zu kurz genutzt.»

Ein weiteres Beispiel gefällig? Da wäre der Wasserverbrauch bei der Produktion von Kleidungsstücken.So wird für ein einziges Baumwoll-T-Shirt so viel Wasser eingesetzt, wie ein Mensch während zweieinhalb Jahren trinkt: 1700 Liter.

Steigt also der Konsum von Kleidungsstücken und anderen Verbrauchsgütern so rapide weiter an wie bisher, werden wir dafür bis zum Jahr 2050 dreimal so viele Ressourcen benötigen wie im Jahr 2000.

Ist es das wert, sich nächste Woche Berge von neuen Klamotten anzuschaffen, die dann nach ein paar Monaten bestenfalls im Kleider­sammelsack landen?

Beim Kauf von Elektrogeräten sieht es nicht besser aus. Auch hier ist die Halbwertszeit kürzer geworden. Während die Waschmaschine unserer Grosseltern jahrzehntelang hielt, lohnt es sich heute oft nicht einmal nach wenigen Jahren, ein kaputtes Exem­plar zu reparieren. Je kleiner die Geräte sind, desto kürzer ist die Verwendungsdauer.

Das weiss, wer einmal versucht hat, einen schwächelnden Staubsauger wieder in Gang zu bringen. Und Kleingeräte wie Haarföhn oder Toaster landen schon bei minimalen Macken im Müll. Doch immerhin hat die Europäische Union das Problem erkannt und Anfang Oktober angekündigt, der Wegwerfmentalität einen Riegel vorzuschieben. Ab 2021 müssen Hersteller von Elektrogeräten sicherstellen, dass für defekte Fernseher, Kühlschränke oder Geschirrspüler auch Jahre nach dem Kauf Ersatzteile zur Verfügung stehen sowie Anleitungen für Handwerker, wie sie die Geräte reparieren können. Es ist anzu­nehmen, dass die Schweiz die EU-­Regelungen übernehmen wird.

«Den Black Friday zu kopieren, ist grotesk.»

In den EU-Richtlinien wird explizit die Kohlendioxid-Reduktion als Ziel betont. Ein wichtiges Zeichen. Konsumentenschützer sprechen gar von einem «Systemwechsel». Sie betonen aber auch, dass diese Richtlinien erst ein Anfang seien. Bisher nicht berücksichtigt sind nämlich Elektrogeräte wie Personalcomputer, Tablets – und vor allem Smartphones. Die Handys sind sowieso die hauptsächlichen Klimasünder unter den Elektrogeräten. Wie bei der Kleidung ist auch beim Smartphone die Nutzungsdauer viel zu kurz. In Europa erneuern die Konsumenten ihre Mobiltelefone in der Regel nach drei Jahren – oft lange bevor die Geräte zum Gebrauch untauglich sind.

Dabei hätte bereits eine vergleichsweise kleine Verlängerung der Nutzungsdauer einen grossen Effekt: Würde in Europa jeder Handybesitzer den Kauf eines neuen Geräts um nur ein Jahr hinauszögern, so könnte dadurch so viel Kohlendioxid eingespart werden, wie wenn man mehr als 1 Million Autos von den Strassen verbannen würde.

Den Black Friday zu kopieren, ist grotesk. Wenn alle Menschen auf der Welt ein Jahr lang so viel konsumieren würden wie die US-Amerikaner, würde die Erde vier Jahre lang benötigen, um die verbrauchten Rohstoffe zu regenerieren und die weggeworfenen Mengen aufzunehmen. Statt eines Black Friday brauchen wir einen «weissen Mittwoch» oder einen «fünf vor zwölf»-Tag.

Am besten wären sowieso gleich mehrere Tage, an denen wir ganz auf Konsum verzichten.

Erstellt: 29.11.2019, 09:01 Uhr

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