Porträt

Der Discount-König zahlt Lehrgeld

Philippe Gaydoul hat sich für viel Geld in die Glitzerwelt von Mode und Lifestyle eingekauft. Der Umbau von vier Edelmarken wird für den Ex-Denner-Chef jedoch zum Kraftakt. Porträt einer Ambivalenz.

Siezt auch nahe Mitarbeiter, hat eine misstrauische Seite und Angst vor Nähe: Philippe Gaydoul ist kein Chef zum Anfassen. Foto: Sophie Stieger

Siezt auch nahe Mitarbeiter, hat eine misstrauische Seite und Angst vor Nähe: Philippe Gaydoul ist kein Chef zum Anfassen. Foto: Sophie Stieger

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Begonnen hat der Flirt des früheren Denner-Chefs Philippe Gaydoul mit der Welt der Mode im Sommer 2008. Nach dem Verkauf ihrer Anteile an Denner hatte Gaydoul mit Mutter Denise eine Beteiligungsfirma gegründet. Als ersten Zukauf präsentierte die Gaydoul Group den Zürcher Schuh- und Accessoirehersteller Navyboot – laut Präsentation eine «Trouvaille mit grossem Potenzial» im Segment «demokratischer Luxus».

Unterdessen ist aus dem Flirt eine intensive Beziehung geworden. Der frühere Tiefpreishändler hat weitere Modelabels eingekauft: die Strumpfwarenkette Fogal, das Wintersport-Edellabel Jet Set, die Uhrenmarke Hanhart. An Superlativen fehlte es bei der Präsentation nie: Einmal war es eine «kleine Weltmarke», dann eine «bestetablierte Kultmarke», schliesslich «ein Juwel unter den Uhrenherstellern».

Die Flitterwochen sind längst vorbei, der Alltag hat Einzug gehalten. Und der ist für den 39-jährigen Vater eines sechsjährigen Sohns derzeit alles andere als rosig – nicht nur wegen der kürzlich erfolgten Scheidung von seiner Frau.

Bei Navyboot gab der Unternehmer zu, auf unschöne Überraschungen gestossen zu sein. Im Klartext: Der frühere Preisdrücker hat für die «Trouvaille» zu viel bezahlt. Dass Jet Set heruntergewirtschaftet war, wusste Gaydoul schon vor dem Kauf. Nach der abrupten Trennung vom langjährigen Geschäftsführer und Mitinhaber Peter Kappler Anfang Juli ist nun der italienische Sanierer Massimo Suppancig am Werk.

Ambivalenz zu Scheinwelt Mode

Bei Fogal kam es zu Änderungskündigungen mit Lohneinbussen. «Aus Gründen der Vereinheitlichung innerhalb der Gruppe», bestätigt Gaydoul Recherchen des TA. Einzig bei Hanhart ist es derzeit ruhig. Einiges habe er richtig gemacht, anderes falsch eingeschätzt, zieht Gaydoul nach drei Jahren Bilanz. Bewusst habe er Unternehmen gekauft, bei denen Handlungsbedarf bestanden habe. Und dass es bei einem Umbau zu personellen Wechseln komme, liege auf der Hand.

Dennoch: Wie geht es dem Menschen Gaydoul in der für ihn neuen Welt der Mode? Was reizt den Unternehmer an der High Society? Was bedeuten ihm die teuren Marken? Wie tickt der Mann?

Im mit Türcode gesicherten Sitzungszimmer in der Zürcher City spricht der frühere Discount-König über Marken, Märkte und Mechanismen. «Mich fasziniert, wie es einer Marke gelingt, von einem Tag auf den andern hip zu werden. Das will ich verstehen.» Dazu müsse er nicht in die Welt der Mode eintauchen. «Ich muss und will nicht an jede Party. Das ist nicht meine Welt, wird es auch nie sein.» Die Menschen in dieser Scheinwelt, darunter viele Diven und selbstverliebte Figuren, kümmerten ihn nicht gross. Er stehe jeweils abseits und nehme amüsiert zur Kenntnis, wie jeder grösser sein wolle als der andere.

Nie der Mann für Cüpli-Abende

Anders als etwa Migros-Chef Herbert Bolliger, der kaum eine Party auslässt, war Gaydoul nie der Mann für Cüpli-Abende. Einzig am Ball des Kinderspitals, das er finanziell unterstützt, sieht man ihn regelmässig. Beobachter sagen, Gaydoul sei stolz darauf, nicht zu diesen mondänen Kreisen zu gehören. Andererseits geniesse er den Zugang – über Navyboot- und Jet-Set-Werbebotschafter Michael Schumacher und den für Navyboot engagierten Starfotografen Michel Comte. Im persönlichen Kontakt bleibe der Multimillionär skeptisch und frage sich: «Findet der mich jetzt echt cool, oder tut er das, weil ich Geld habe?»

Dazu passt, dass Gaydoul auch nahe Mitarbeitende siezt – und damit Distanz schafft. Grossvater und Denner-Gründer Karl Schweri habe ihn da geprägt, sagt Gaydoul. «Bin ich mit jemandem per Du, ist es schwieriger, ihm deutsch und deutlich zu sagen, was ich denke.» Wegbegleiter bestätigen, Gaydoul sei aber auch selbst offen für fundierte Kritik.

Nicht nur im Geschäftsleben ist der Manager konsequent, auch im Sport ist er nicht mit Hinz und Kunz per Du. Das ist mit ein Grund, weshalb er als Präsident des Schweizer Eishockeyverbandes auch nach zwei Jahren in diesen Kreisen noch nicht richtig angekommen ist. Unlängst fuhr Gaydoul mit zwei Dutzend Verbandsleuten Gokart, zeigte Ehrgeiz und wurde Zweiter.

Selbst bei geselligem Beisammensein siezt er die meisten. «Da schauen mich die Eishockeyaner natürlich schräg an», sagt Gaydoul. «Aber ich bin vom Führungsmodell nach wie vor überzeugt.» Das Hemdsärmlige gehe ihm völlig ab, heisst es in Eishockeykreisen.

Holt sich Rat, entscheidet selbst

Dabei ist der feingliedrige Mann vom Detailhandel her einen groben Umgang durchaus gewohnt. Wer am Arbeitsplatz näher mit ihm zu tun hat, lernt auch seine misstrauische Seite kennen, seine Angst vor zu viel Nähe. Diese legt er kaum ab, auch bei den vielen Beratern nicht, die er oft und gerne um Rat fragt. Schliesslich hat er selber nur eine kaufmännische Lehre, eine private Handelsschule und einige Managementseminare in St. Gallen absolviert. «Ich war immer ein Mensch, der gerne andere Meinungen einholt, um eine eigene zu bilden», sagt Gaydoul. Aber die Entscheide, die nehme einem niemand ab.

Den Kreativen lässt Gaydoul grossen Spielraum, will aber über jedes Detail informiert werden. Eigenes Design ist ihm wichtig, deshalb hat er den Walliser Adrian Josef Margelist vom Accessoire- und Taschenspezialisten MCM als Chefdesigner zu Navyboot geholt. «Jetzt sehen wir die ersten Früchte, das Design der ganzen Herbstkollektion ist von uns», sagt Gaydoul. Bis anhin habe man alles nur eingekauft.

Navyboot: Qualität steigern

Mit dem Design soll die Qualität besser werden, bisher hielt diese mit dem hohen Preis nicht immer Schritt. Gaydoul dauert der Umbau der ganzen Wertschöpfungskette viel zu lange, vom Handel ist er kürzere Reaktionszeiten gewohnt. «Aber das sind Gesetzmässigkeiten, die kann ich nicht ändern.»

Da Frauen mehr Schuhe kaufen als Männer, setzt Navyboot neu primär auf sie. Dass der Name Navyboot aber klar männlich besetzt ist, ist für den Ästheten Gaydoul «überhaupt kein Problem». Dafür könne man ihn weltweit gut aussprechen, verteidigt er ihn. In Modekreisen gilt der Name dennoch als klares Handicap für die Frauenstrategie. Abhilfe schaffen könnte eine Ausdehnung auf «Navyboot Donna» oder so.

Vielleicht bekommt Gaydoul mit seiner «No problem»-Haltung doch recht. Als er vor zwei Jahren begann, im krisengeschüttelten Deutschland Filialen von Navyboot zu eröffnen, fanden ihn alle verrückt. «Schon Ende Jahr schreiben wohl alle zwölf schwarz», sagt Gaydoul. Formel-1-Pilot Michael Schumacher habe mitgeholfen, die Marke in Deutschland bekannt zu machen. Auch in Asien, wo Navyboot hin will, funktioniere er als Werbeträger sehr gut. «Was noch fehlt, ist eine ähnlich bekannte Frau als Botschafterin.» Laufen die Kosten nicht davon, Herr Gaydoul? Nein, aber eine Marke zu internationalisieren, sei finanziell aufwendig. Die Businesspläne liefen über fünf bis zehn Jahre.

Positiv verläuft eine Kooperation, die bei der Übernahme von Navyboot durch Gaydoul auf den Prüfstand kam: die Vergabe der Lizenz für Navyboot-Kleider an das Modehaus Schild. Der Vertrag wurde unlängst bis 2019 verlängert.

Auch Immobilien und Banking

In der öffentlichen Diskussion um die Gaydoul Group dreht sich alles um die Beteiligungen an Unternehmen. Diese sind indes nur eines von drei Standbeinen. Der Bereich Real Estate bündelt die umfangreichen Immobilienanlagen der Gruppe, darunter als Ertragsperle das Franz-Carl-Weber-Haus an der Bahnhofstrasse. Der Bereich Asset Management hält unter anderem 9,5 Prozent an der Neuen Helvetischen Bank von Ex-Swissfirst-Chef Thomas Matter. Matter ist Verwaltungsrat in Gaydouls Gruppe. Er spielte auch beim Kauf von Hanhart eine Rolle – der Banker ist seit 2007 Verwaltungsrat der Uhrenmanufaktur.

Philippe Gaydoul ist optimistisch: «Wir sind heute viel breiter aufgestellt als früher, als sich alles um Discount drehte.» In der Tat: Heute dreht sich alles um Luxus und um sehr viel Geld.

Erstellt: 08.08.2011, 10:35 Uhr

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