Der Fleischberg wächst

Der weltweite Fleischkonsum wird in den nächsten Jahrzehnten massiv steigen, weil in Ländern wie China der Wohlstand zunimmt. Experten sagen, was die Schweizer dagegen tun können.

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«Alles andere ist Beilage», lautet der Werbeslogan von Schweizer Fleisch. «Eigentlich müsste Fleisch mit ‹Die Beilage› beworben werden», findet der Agronom Fritz Schneider von der Berner Fachhochschule. Schneider beobachtet die Entwicklung des Fleischkonsums mit Sorge. Bis 2050 soll die Nachfrage nach Fleisch weltweit um 73 Prozent gegenüber dem Jahr 2010 steigen, wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen errechnet hat. Vor allem in China, Indien, Südamerika und Afrika soll der Fleischkonsum steigen, weil nicht nur die Bevölkerung zunimmt, sondern auch der Wohlstand wegen der Verstädterung und höherer Einkommen.

«Vor 100 Jahren war Fleisch in der Schweiz noch ein Luxusgut, das man nur sonntags oder zu besonderen Anlässen ass», sagt Bernd Wilke von Swiss Re, der sich als Top Topic Manager Food Security mit der Ernährungssicherheit befasst. In vielen Ländern sei das heute noch so, während sich bei uns auch weniger gut Betuchte Fleisch leisten könnten. In China, wo der Mittelstand besonders stark wachse, steige der Fleischkonsum rasant.

Zu den Folgen der damit steigenden Fleischproduktion gehört laut Wilke etwa, dass für die Menschen wichtige Nahrungsmittel wie Getreide und Mais teurer werden, weil diese den zu schlachtenden Tieren verfüttert werden. «Der Wasserverbrauch und die Nutzung von Ackerland für die Tierhaltung sind andere Aspekte, die in vielen Ländern dieser Welt zur Übernutzung von Ressourcen führen können», so der Experte für Ernährungssicherheit. Diese Probleme würden sich verschärfen, wenn die Weltbevölkerung bis 2050 tatsächlich auf über 9 Milliarden steigen sollte.

«Ohne Fleisch fehlt etwas»

Damit in 36 Jahren nicht, wie prognostiziert, über 70 Prozent mehr Fleisch konsumiert wird, müssen laut Agronomiefachmann Fritz Schneider auch die westlichen Länder ihren Fleischverbrauch drosseln – darunter die Schweiz. «Ich erlebe immer wieder, wie hierzulande zu jeder Mahlzeit Fleisch serviert wird. In unserer Kultur ist fest verankert, dass Fleisch zu einer Mahlzeit gehört, sonst fehlt etwas.» Diese Kultur müsse früh im Elternhaus und in der Schule infrage gestellt werden. Schneider begrüsst es, dass immer mehr Kantinen dem Trend zur Fleischreduktion folgen, indem sie mehr vegetarische Menus anbieten.

Um den Fleischverbrauch in den Griff zu bekommen, muss Schneider zufolge weniger Fleisch gegessen und die Nahrungsverschwendung, der sogenannte Food-Waste, reduziert werden. «Die Leute kaufen viel zu viel Essen ein, und dann landet fast ein Drittel im Abfall.» Lieber würden sie im Megastore kiloweise Fleisch kaufen, weil grosse Mengen hochgerechnet günstiger sind als kleinere – und dann würden sie es doch wegwerfen, so Schneider. Die Anreize, grosse Mengen zu kaufen, müssten reduziert werden. «Wir bezahlen heute zu wenig für Fleisch.»

Zweitens müsse die Produktion nachhaltiger werden: zum einen mit artgerechter Tierhaltung. Der Konsument muss Schneider zufolge bereit sein, die Mehrkosten dafür zu bezahlen. Zum anderen müsse man möglichst oft Gras als Futtermittel verwenden und dafür den Menschen Getreide und Soja überlassen. «Falls diese Nahrungsmittel dennoch an Tiere verfüttert werden, dann nicht an Wiederkäuer, sondern an Schweine und Hühner. Diese verbrauchen diese Ressourcen effizienter als Kühe.»

Kein Tropfen auf den heissen Stein

Apropos Ressourcen: Wenn in der Schweiz nur Fleisch aus landeseigenen Futtermitteln produziert würde, könnten immer noch 50 Prozent des heutigen Konsums von 50 Kilogramm pro Person und Jahr gedeckt werden, wie Schneider eine Studie der Erklärung von Bern (EVB) von 2011 zitiert. Der Agronomie-Experte ist der Meinung, es stelle keine Komforteinbusse dar, nur halb so viel Fleisch wie heute zu verzehren. «Das ist ohnehin besser für die Volksgesundheit.»

Laut Schneider könnte der weltweite Fleischkonsum bis 2050 vielleicht um rund 55 statt 73 Prozent steigen, wenn allein die westlichen Länder besagte Massnahmen umsetzen würden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.10.2014, 18:15 Uhr

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