Hintergrund

«Der Häuserverkauf hat sich verändert»

Die Immobilienpreise in Zürich explodieren – auch, weil Verkäufer heute anders vorgehen. Braucht es jetzt neue Gesetze?

Beliebt bei Investoren: Künftige Fussgängerzone Weststrasse in Zürich.

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2,7 Prozent in nur drei Monaten: Im ersten Quartal 2011 sind die Preise für Wohneigentum in der Region Zürich noch einmal kräftig angestiegen. Das zeigt der Immobilienbarometer der Zürcher Kantonalbank. Gegenüber den ersten drei Monaten des Vorjahres sind es gar 5,8 Prozent.

Dabei verkaufen sich manche Objekte inzwischen zu «Fantasiepreisen», die mit dem wahren Substanzwert einer Liegenschaft nichts mehr zu tun haben, wie Notare einer Reporterin des «Tages-Anzeigers» bestätigten.

Grössere Chancen auf hohen Preis

Ein Grund dafür ist der Verkaufsprozess, der heute vermehrt einer gut besuchten Auktion ähnelt, bei der sich die Bietenden mit ihren Angeboten gegenseitig hochschaukeln. «Heute hat ein Verkäufer deutlich grössere Chancen, einen hohen Preis zu erzielen als vor 15 Jahren», sagt Experte Urs Hausmann von Wüest und Partner. Die Verkaufskultur habe sich verändert.

Früher habe sich ein Verkäufer überlegt, wer in seinem Bekanntenkreis Interesse an seinem Objekt haben könnte, und dann eine Handvoll potenzieller Käufer direkt angefragt. «Das war das gängige Modell.» Heute erstelle ein Verkäufer oder sein Vertreter ein Dossier, rufe öffentlich zu einer ersten unverbindlichen und danach zu einer zweiten verbindlichen Angebotsrunde auf. «Der ganze Prozess ist professionalisierter, mit dem Ergebnis, dass höhere Preise erzielt werden.»

Dem Markt überlassen

Die Stadt Zürich hat wenig Möglichkeiten, die «Fantasiepreise» zu deckeln. Sie müsse es dem Markt überlassen, welche Preise Käufer und Verkäufer aushandeln, sagt Alex Martinovits von der Stadtentwicklung. «Unsere Möglichkeiten sind äusserst beschränkt, solange die Verträge formell legal abgeschlossen werden», sagt Martinovits.

Einfluss nehmen kann die Stadt über den politischen Entscheid, ein Viertel der Wohnungen in gemeinnütziger Hand zu halten – sei es direkt bei der Stadt, bei Stiftungen oder Genossenschaften. Doch auch die Stadt muss im rasanten Wettbewerb mitbieten: Weil sie nur noch wenige unverbaute Flächen besitzt, muss sie verdichten – und ist auf bezahlbare Gelegenheitsangebote angewiesen.

Doch selbst der Kanton ist nicht verpflichtet, seine Immobilien auf Stadtzürcher Gebiet prioritär an die Stadt zu vergeben – er darf grundsätzlich wie ein Privater an den Meistbietenden verkaufen. Ein Postulat der SP-Gemeinderätin Jacqueline Badran, das der Stadt ein Vorkaufsrecht einräumen will, liegt seit Dezember 2010 beim Stadtrat.

Höhere Steuern?

Eingriffe in den Markt könnten allenfalls auf höherer, also auf kantonaler Ebene erfolgen. Doch bevor Massnahmen beschlossen würden, müsse die Gesellschaft sich über ihre Prioritäten klar werden, sagt Immobilien-Experte Hausmann: «Die Politik muss sich entscheiden, was ihr Ziel ist.» Dabei stünden sich verschiedene Interessen gegenüber – so etwa die aus ökologischer Sicht sinnvolle Forderung nach Sanierungen und der Wunsch nach möglichst tiefen Mieten.

Badran schlägt als Gegenmassnahmen eine Unterstellung der Immobilien unter das Geldwäschereigesetz vor, eine Verschärfung der Lex Koller und eine Verpflichtung von Eigentümern der öffentlichen Hand – etwa der SBB, der Swisscom, der ETH oder der Kantag – zur Gemeinnützigkeit. «Die Mietzinsentwicklung ist nicht einfach ein soziales Problem», sagt Badran, «sie ist ein volkswirtschaftliches Desaster.» Hohe Mieten beschränkten das für Konsum verfügbare Geld.

Immer wieder gefordert werden ausserdem eine höhere Grundstücksgewinnsteuer oder höhere Steuern auf nicht selber bewohntem Eigentum. Gegner der Massnahmen – etwa der Hauseigentümerverband – führen an, dass zusätzliche Steuern oder Regulatorien die Immobilienpreise weiter in die Höhe treiben würden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2011, 14:23 Uhr

Umfrage

Soll der Staat Eigentümer der öffentlichen Hand zu einer Mietzinsbeschränkung verpflichten?

Ja

 
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Weiss nicht

 
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1166 Stimmen


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