Der Madoff unter den Amischen

Ein 77-jähriger Finanzbetrüger soll mit einem Schneeballsystem seine Glaubensgemeinschaft um Millionen gebracht haben. Das Geld investierte er in einen Bereich, der vielen Amischen nicht geheuer ist: In Technik.

Hunderte ihrer Glaubensbrüder gingen Finanzbetrüger Monroe Beachy auf den Leim: drei Amische in Pennsylvania.

Hunderte ihrer Glaubensbrüder gingen Finanzbetrüger Monroe Beachy auf den Leim: drei Amische in Pennsylvania. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Monroe L. Beachy ist ein alter Mann, der in einem amischen Dorf in Ohio lebt. Er besitzt ein Pferd, einen Wagen – und er soll in den letzten 25 Jahren 2600 Investoren um 33 Millionen Dollar gebracht haben. Seit der Vorfall publik wurde, gilt Beachy als Bernard Madoff unter den Amischen, der täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft in den USA. Der Mann, schreibt die «Washington Post», habe bedeutend mehr mit dem Finanzbetrüger gemeinsam als mit seiner Gemeinschaft in Sugarcreek, die spartanisch lebt und auf Errungenschaften der modernen Gesellschaft – etwa das Auto – weitgehend verzichtet.

Die amerikanische Bundesbörsenaufsichtsbehörde, die Securities and Exchange Commission (SEC), klagte den Mann diesen Dienstag an – denn bereits die Hälfte des Geldes ist verschwunden. Natürlich habe er die Summe nicht absichtlich in den Sand gesetzt, verteidigte sich Beachy gegenüber der «Washington Post». Mehr wollte er nicht sagen, der Anwalt habe ihm geraten, sich nicht mehr zu äussern. Beachys Sicht auf die Dinge bleibt somit unbekannt, und so lässt sich der mutmassliche Finanzbetrug nur anhand der Anklage der SEC rekonstruieren.

Das Ende kam mit dem Platzen der Internetblase

Laut der Aufsichtsbehörde begann Beachy 1986 damit, im grossen Stil Geld aufzutreiben. Den Investoren gab er an, sie könnten mit sicheren Staatsanleihen ein Vermögen verdienen. Der Amische bediente sich eines ähnlichen Schneeballsystems wie Madoff. Seine Opfer suchte er vor allem unter seinesgleichen. Er ergatterte zudem den Posten des Schatzmeisters des Amish Helping Fund, welcher sich für den Erhalt der amischen Tradition einsetzt. Die Nonprofit-Organisation vergibt Darlehen an Amische, die sich ein Haus kaufen wollen. Beachy ging geschickt vor: Zunächst investierte er etwas Geld in die Organisation, später aber nahm er von ihr 2,6 Millionen Dollar entgegen. Und auch hunderte Privatpersonen in den USA, insbesondere in Ohio und Pennsylvania, vertrauten ihm ihr Geld an.

Was weder die Verantwortlichen des Amish Helping Fund noch die übrigen Investoren wussten: Schon 1998 war Beachy insolvent, doch sein Schneeballsystem trieb er dennoch weiter. Er nahm Geld von neuen Investoren entgegen, um früheren Zinsen bezahlen zu können. Und obwohl viele Amische nichts mit modernen Technologien zu tun haben wollen, pumpte Beachy Geld in eine Dotcom-Firma, die nach dem Platzen der Internetblase einging.

Gemeinschaft sorgt sich um Gesichtsverlust

Die Amischen tragen es Beachy nach, dass er schliesslich entgegen ihrer Gebote Insolvenz anmeldete, statt mit der Glaubensgemeinschaft das Gespräch zu suchen und die Angelegenheit zu regeln. Glaubt man den Geschädigten, schmerzt sie weniger der Verlust des Geldes als der Gesichtsverlust. Emery Miller, ein 51-jähriger Farmer, ist besorgt darüber, welches Licht der Finanzskandal auf die Gemeinschaft wirft. «Es tut mir weh, dass unsere Kirche befleckt wurde», sagt er gegenüber der «Washington Post». Es sei eine Schande, dass niemand in der Gemeinschaft realisiert habe, was vor sich gehe. (miw)

Erstellt: 17.02.2011, 18:48 Uhr

Artikel zum Thema

Der Grossbetrüger und seine Mittäter

Bernard Madoff wirft den Banken vor, seinen Betrug durchschaut und trotzdem mitgespielt zu haben, um am Gewinn teilzuhaben. Mehr...

Madoff-Konkursverwalter: Banken nahmen bewusst an Betrug teil

Irving Picard, der Konkursverwalter von Bernard Madoff, hat den Banken vorgeworfen, am Milliardenbetrug wissend beteiligt gewesen zu sein. Dabei nimmt er ein Finanzinstitut ins Visier. Mehr...

Die Hausbank von Madoff gerät in Erklärungsnot

JP Morgan Chase steht für ihre engen Geschäftsbeziehungen zu Bernard Madoff am Pranger. Die US-Grossbank habe mehrere Hinweise auf die illegalen Tätigkeiten des Milliardenbetrügers ignoriert. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Der Herbst ist da: Ein Mann entfernt in St. Petersburg Laub von seinem Auto. (23. Oktober 2019)
(Bild: Anton Vaganov) Mehr...