Interview

«Der Mindestkurs hat den Absturz verhindert»

SNB-Präsident Thomas Jordan ist trotz anhaltender Krise in Europa vorsichtig optimistisch für die Schweizer Wirtschaft. Er will den Euromindestkurs beibehalten. Auf dem Immobilienmarkt sieht er noch keine Entspannung.

Zuversichtlich, dass die Schweiz nicht in eine Rezession gerät: Nationalbankpräsident Thomas Jordan.

Zuversichtlich, dass die Schweiz nicht in eine Rezession gerät: Nationalbankpräsident Thomas Jordan. Bild: Keystone

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Die Eurozone steckt in der Rezession, für das vierte Quartal sehen die Konjunkturaussichten noch düsterer aus. Drohen da auch der Schweiz rezessive Gefahren?
Auch wenn die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone für die Schweiz ausgesprochen wichtig ist und die dortige Rezession dämpfende Auswirkungen auf uns hat: Wir gehen im Moment nicht davon aus, dass die Schweiz in eine Rezession abgleiten wird. Wohl aber werden wir in den kommenden Quartalen sehr geringe Wachstumsraten haben. Für das Gesamtjahr 2012 erwarten wir nach wie vor 1 Prozent Wachstum.

Die Schweiz hat im zweiten Quartal ein minimes Negativwachstum verzeichnet. Somit erwarten Sie für das dritte Quartal kein Minuszeichen, denn damit wäre ja die Definition für eine Rezession erfüllt.
Aus heutiger Optik sehen wir für das dritte und vierte Quartal schwach positive Wachstumsraten. Die Unsicherheiten sind aber gross und die Risiken derzeit eindeutig nach unten gerichtet.

Welche Erwartungen hegen Sie für die ersten beiden Quartale 2013?
Unsere Prognose für 2013 publizieren wir im Dezember. In der Tendenz rechnen wir aufgrund der globalen Entwicklung mit einer anhaltend schwachen Dynamik hierzulande. Möglicherweise wird sich die Konjunktur aber im weiteren Jahresverlauf etwas verbessern.

Und auch da überwiegen die Abwärtsrisiken?
Dem ist so. Die Entwicklung in Europa wird alles andere als robust verlaufen. Ausgehend von den Peripherieländern, die teils stark negative Wachstumsraten aufweisen, ist die Konjunktur auch in den Kernländern ins Stocken geraten. Ferner haben wir die zurzeit ungeklärten budgetären Verhältnisse in den USA. Die Schwellenländer haben in den vergangenen Quartalen ebenfalls eher zur Schwäche geneigt; allerdings sieht es dort nicht allzu schlecht aus, und es könnte rasch wieder besser werden.

Sollten sich die Abwärtsrisiken bestätigen und auf die Schweizer Wirtschaft durchschlagen, würde die Nationalbank darauf reagieren? Zum Beispiel durch eine Anhebung des Euromindestkurses auf 1.30 Franken?
Der Mindestkurs ist kein Instrument zur Feinsteuerung der Wirtschaft. Er wurde im September 2011 eingeführt, um extrem negative Entwicklungen für unser Land abzuwenden. Genau das hat der Mindestkurs getan: Er hat die deflatorischen Risiken stark vermindert und einen drohenden Absturz der Schweizer Wirtschaft verhindert. Wir haben aber auch stets betont, dass wir zusätzliche Massnahmen nicht ausschliessen, falls dies nötig wäre.

Dennoch: Bei der Einführung des Mindestkurses war die Wirtschaftslage deutlicher besser als gegenwärtig. Ist das kein Grund, über die Neujustierung des Mindestkurses nachzudenken?
Es ist vor allem ein Grund, den Mindestkurs beizubehalten. Die schwache Weltkonjunktur und die schwierige Situation für die dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten Sektoren unserer Wirtschaft bestärken uns darin, dass es absolut notwendig ist, diesen Mindestkurs beizubehalten. Zumal wir keine Inflationsanzeichen in der Schweiz haben.

Die Mindestkurspolitik ist im Ausland vereinzelt kritisiert worden. Rechnen Sie angesichts der noch schwieriger werdenden Wirtschaftslage in den Nachbarländern mit einem Anschwellen der Kritik?
Damit rechne ich nicht, denn unsere Geldpolitik wird international gut verstanden. Mit unserer Mindestkurspolitik legen wir die monetären Bedingungen fest, die für die Schweiz adäquat sind, und wir konnten eine massive Überbewertung des Frankens teilweise korrigieren. Wir waren im Spätsommer 2011 in einer Situation, in der die Nominalzinsen bei null angelangt waren und selbst dann akute deflatorische Risiken bestanden. In dieser Extremlage haben wir den Mindestkurs eingeführt. Hätten wir darauf verzichtet, hätten wir heute eine Deflation, die nicht nur mit einem massiven Konjunktureinbruch, sondern auch mit einer Zerstörung wesentlicher Teile der Schweizer Wirtschaft verbunden gewesen wäre.

Als Antwort auf ihre Kritiker betont die Nationalbank stets, die Anlage der gekauften Devisen möglichst marktschonend vorzunehmen. Ist das bei diesen enormen Summen überhaupt möglich?
Wir setzen all unsere Anlageaktivitäten möglichst marktschonend um. Die Erfahrung der letzten Monate hat gezeigt, dass es uns sehr gut gelungen ist, unsere Devisenreserven in Bezug auf Währungen und Anlageinstrumente so zu diversifizieren, dass es zu keinen Marktverzerrungen gekommen ist.

Aus Gründen der Diversifizierung hat die SNB bisher rund 50 Milliarden Franken in Aktien investiert. Wie werden diese Bestände gegen Kursschwankungen abgesichert?
Einen Teil unserer Währungsreserven legen wir in Aktien an, wobei es sich ausschliesslich um ausländische Titel handelt. Dabei investieren wir passiv, das heisst, wir bilden mit unseren Investments die vorherrschenden Aktienindizes nach. Diese Anlagen werden weder gegen Kurs- noch gegen Währungsrisiken abgesichert.

Sie gehen also gleichsam ein doppeltes Risiko ein?
Das stimmt, aber zur Beurteilung der Risiken müssen Sie unser gesamtes Anlageportefeuille anschauen. Teilweise gleichen sich die verschiedenen Risiken, die wir eingehen, gegenseitig wieder aus. Daher wollen wir mit den Aktienanlagen einen gewissen Teil unserer Währungsreserven in sogenannt reale Aktiven diversifizieren, die ein anderes Risikoprofil aufweisen als nominale Aktiven. Das grundsätzliche Währungsrisiko auf unseren Devisenanlagen können wir aber naturgemäss nicht wegdiversifizieren.

Im Fokus der Nationalbank steht auch der Immobilienmarkt. Teilen Sie jüngste Einschätzungen von Experten, die von einer Beruhigung der Lage sprechen?
So würde ich das nicht sehen. Im zweiten Quartal gab es vereinzelte Hinweise auf eine mögliche Verlangsamung der Dynamik auf diesem Markt. Die Daten aus dem dritten Quartal bestätigen diese Verlangsamung jedoch nicht: Wir verzeichnen weiterhin eine starke Dynamik bei den Hypothekarkrediten. Auch steigen die Preise besonders für Eigentumswohnungen in beachtlichem Tempo.

Die Mitte Jahr in Kraft getretenen Selbstregulierungsmassnahmen der Banken haben also ihre dämpfende Wirkung bisher nicht entfaltet.
Diese Massnahmen bezwecken eine dämpfende Wirkung auf die Immobilienpreis- und Hypothekardynamik. Sie haben jedoch bis anhin nicht zu einem deutlichen Rückgang dieser Dynamik geführt.

Was bereitet Ihnen mehr Sorgen: die Entwicklung der Immobilienpreise oder die Hypothekarkreditvergabe der Banken?
Es ist die Kombination von beidem. Das starke Kreditwachstum, das wir derzeit erleben, bedeutet, dass sich die Haushalte hoch verschulden und die Banken entsprechend exponiert sind. Das müssen wir insbesondere dann genau beobachten, wenn das Kreditvolumen deutlich stärker wächst als das nominelle Bruttoinlandprodukt, also die Verschuldung relativ zum BIP stark zunimmt. Eine solche Entwicklung lässt sich über die letzten Jahre zurückverfolgen. Das ist immer ein Warnsignal ...

... gilt das Warnsignal Ihrer Ansicht nach auch für die Immobilienpreise?
Wenn die Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt nicht mehr durch fundamentale Faktoren zu erklären ist, dann bewegen wir uns in Richtung einer Preisblase, die früher oder später platzen wird. Ich möchte aber betonen: Es geht nicht darum, dass die Immobilienpreise in der Schweiz nicht steigen dürfen.

Ist das Stadium schon erreicht, in dem die Entwicklung der Preise für Immobilien nicht mehr durch fundamentale Faktoren zu begründen ist?
Es ist schwierig, das so absolut zu sagen. In gewissen Segmenten, vorab bei Eigentumswohnungen und in bestimmten Regionen, sind die Preissteigerungen so stark gewesen, dass man sie nicht mehr fundamental erklären kann. Deshalb müssen die zuständigen Behörden die Entwicklung genau verfolgen, besonders im gegenwärtigen Umfeld mit den extrem tiefen Zinsen, die diese Entwicklung begünstigen.

Je näher der Starttermin von Basel III rückt, desto zahlreicher scheinen die Kritiker zu werden. Wie erklären Sie sich die wachsende Skepsis?
Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Banken in gewissen Ländern noch nicht genügend vorbereitet sind, den Schritt hin zu Basel III zu tun. Aus Schweizer Sicht ist es höchst bedauerlich, wenn der Einführungstermin für das neue Regelwerk nun da und dort hinausgeschoben wird. Für die Schweiz macht es gleichwohl absolut Sinn, am Termin – Anfang Januar 2013 – festzuhalten und Basel III wie vorgesehen umzusetzen.

Wie berechtigt sind die Vorwürfe, Basel III sei viel zu komplex?
Jede Regulierung hat ihre Schwachstellen, natürlich auch Basel III, um dessen Einzelheiten lange gerungen wurde. Aber wenn wir jetzt das Ganze verschieben und eine andere Regulierung erarbeiten würden, gibt es auch dort wieder Schwächen. Das grosse Risiko ist doch, dass wir wieder von vorn beginnen – und am Ende gar keine oder eine viel schwächere Regulierung hinbekommen. Nach den Erfahrungen der Finanzkrise sollten wir Basel III möglichst rasch weltweit umsetzen, auch wenn es nicht perfekt ist. Hinzu kommt ein zweiter ganz wichtiger Punkt ...

... und der wäre?
Nicht nur aus regulatorischer Sicht, sondern auch im Interesse der Banken und der Wirtschaft sollten wir rasch über regulatorische Klarheit verfügen. In der gegenwärtig schwierigen weltwirtschaftlichen Lage ist Unsicherheit, wohin die Regulierung geht, Gift für die Entwicklung der Finanzmärkte und für das Bankensystem. Denn solange Ungewissheit bezüglich der regulatorischen Rahmenbedingungen vorherrscht, können Banken ihre volkswirtschaftliche Funktion als Finanzintermediär nur unzureichend wahrnehmen. In Europa, wo vielerorts Kreditknappheit besteht, wären die Folgen besonders fatal.

Dennoch haben die USA den Starttermin von Basel III verschoben. Ist das der Anfang vom Ausstieg der Amerikaner?
Nein, wir gehen fest davon aus, dass die USA Basel III umsetzen werden. Darauf deuten alle Signale hin, die wir von dort bekommen haben.

Basel III kommt verspätet, das «Too big to fail»-Problem ist nach wie vor nicht gelöst, die Standards für die Abwicklung international tätiger Banken stehen in den Sternen – ist das nicht eine erschreckend geringe Ausbeute für die Bankenregulierung nach über vier Jahren Finanzkrise?
Wir sind in der Schweiz auf einem sehr guten Weg. Die Banken haben in den letzten Monaten grosse Fortschritte erzielt, was die Kapitalausstattung angeht. Der Bereich, der sich immer noch äusserst schwierig gestaltet, ist die geordnete Abwicklung gescheiterter Banken mit internationaler Tätigkeit. Hier müssen wir im Verbund mit anderen Ländern nach Lösungsmodellen suchen, weil die Schweiz das nicht alleine regeln kann.

Aber wenn wir nüchtern bewerten, was regulatorisch erreicht worden ist, um Staaten und Steuerzahler aus der Geiselhaft von Grossbanken zu befreien, ist doch bisher herzlich wenig herausgekommen.
Sehr vieles ist noch im Fluss. Es gibt Bereiche, in denen grosse Fortschritte zu verzeichnen sind. Das betrifft zum Beispiel die Kapitalaufschläge. Das Financial Stability Board, also jenes Gremium, das die Bankenregulierung international koordiniert, hat unlängst die Liste der 28 systemrelevanten Banken veröffentlicht. Dort steht auch, welche Kapitalaufschläge als internationales Minimum für diese Banken verlangt werden. Andernorts müssen wir noch intensiv arbeiten, etwa beim ganzen Krisenmanagement, das die Abwicklung systemrelevanter Banken mit einschliesst. Doch auch dort sind Fortschritte erkennbar. Nur geht es in dieser Hinsicht nicht so schnell, weil verschiedene Rechtsräume involviert sind und die gegenseitige Abstimmung eine hochkomplexe Angelegenheit ist.

Erstellt: 22.11.2012, 07:01 Uhr

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