Hintergrund

Der Prozess wird für Hoeness zum Leidensweg

Die Zahl steigt und steigt: Der FC-Bayern-Chef soll noch mehr Steuern hinterzogen haben als bekannt. Vor Gericht macht er zunehmend einen verlorenen Eindruck.

Gequältes Lächeln: Ueli Hoeness und seine Verteidiger zu Beginn des zweiten Prozesstages. (Bild: Michael Dalder, Reuters)

Gequältes Lächeln: Ueli Hoeness und seine Verteidiger zu Beginn des zweiten Prozesstages. (Bild: Michael Dalder, Reuters)

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Es ist der zweite Prozesstag in München, gegen 14 Uhr. Seit gut drei Stunden sagt die Zeugin Gabriele H. aus. Sie ist die Steuerfahnderin, die das Dossier Hoeness betreut. Eine zierliche Frau im schwarzen Hosenanzug. Sachlich bis zur Trockenheit breitet sie Zahlen aus. Wie viel Hoeness verdient hat, wie viel Steuern er bezahlt und wie viel er laut seiner eigenen Selbstanzeige hinterzogen hat. Dann jedoch packt Gabriele H. ihren Ordner und geht zum Pult des Richters. Sie will ihre aktuellste Berechnung erklären. Vor wenigen Tagen erst erhielt die Fahnderin ein umfangreiches Datenpaket über Honess’ Börsengeschäfte bei der Zürcher Bank Vontobel.

Auch die anderen Prozessbeteiligten versammeln sich um den Tisch des Vorsitzenden. Die Schöffen, die Verteidiger, der Staatsanwalt. Menschen in schwarzen Roben beugen sich über Papiere. Nur einer bleibt auf seinem Stuhl: der Angeklagte, allein, einsam. Regungslos sitzt Uli Hoeness da, starrt leer in den Saal, die Kiefer in Bewegung vor Anspannung. Einmal greift er sich ins Gesicht, reibt sich die Augen, als wäre er den Tränen nahe.

Und was Gabriele H. berichtet, ist tatsächlich zum Heulen für einen Mann, der früher stets im Mittelpunkt stand, umjubelt von den Fans des FC Bayern, hofiert von der Münchner Elite, selbst im politischen Berlin angesehen. Auf 23,7 Millionen Euro beziffern sie die hinterzogenen Steuern allein aus den Börsengeschäften. Dazu kommen 3,5 Millionen, die bereits in der Anklage stehen. Unglaubliche 27 Millionen Euro stehen nun im Raum. So viel soll Hoeness am Fiskus vorbeigeschleust haben.

Geld hatte er doch genug

Der Prozess gegen den Fussballmanager wird zum Leidensweg – für den Angeklagten, aber auch für alle Beobachter. Wie kann es sein, dass ein erfolgreicher Mann seinen Ruf und seine Freiheit so leichtfertig aufs Spiel setzt? Am Geld kann es nicht gelegen haben. Davon hatte Hoeness genug, wie die Fahnderin berichtet. Über 10 Millionen Euro verdiente er in manchen Jahren. Auch an Naivität mag man nicht glauben. Ausgerechnet einer, der eine Wurstfabrik und den FC Bayern aufgebaut hat, soll überfordert sein mit seiner Steuererklärung?

Und es kommt noch dicker für Uli Hoeness. In ihrer Aussage hegt Gabriele H. Zweifel, dass Hoeness tatsächlich um Aufklärung bemüht war. Akribisch schildert sie, wie die Behörden nach der Selbstanzeige vor gut einem Jahr mehrfach die fehlenden Unterlagen einforderten. Die Geduld mit dem prominenten Verdächtigen zahlte sich nicht aus. Erst am 27. Februar dieses Jahres lieferten dessen Anwälte USB-Sticks mit umfangreichen Datenpaketen. Die Dateien waren aber in einem maschinell nicht-lesbaren Format. Die Beamten hätten jede der 52'000 Seiten manuell prüfen müssen. Eine nachgebesserte Version erreichte die Fahnder schliesslich am 5. März – wenige Tage vor Prozessbeginn.

Ein schiefes Licht auf Hoeness’ Verhalten wirft auch eine weitere Information der Zeugin. Demnach sind einige der entscheidenden Dateien bereits im Januar 2013 erstellt worden. Hielt der FC-Bayern-Chef etwa, so der implizite Verdacht, über ein Jahr lang Daten zurück? Die Verteidigung bestreitet das vehement. Sie sieht die Verantwortung für die schleppende Aufklärung bei der Bank Vontobel. Schweizer Banken hätten keine ausreichenden Dokumentationen gehabt über die Finanzströme ihrer Kunden, erklärt einer der Anwälte.

Verteidigung setzt auf Selbstanzeige

Banken-Kenner halten diese Aussage für wenig plausibel. Die Zweifel an Hoeness’ Kooperationsbereitschaft erschüttern ohnehin die Strategie der Verteidigung. Das Team um Hanns Feigen, einen der renommiertesten Strafrechtler der Republik, setzt ganz auf die Selbstanzeige. Diese soll, wenn nicht strafbefreiend, so doch strafmildernd wirken. Am Rande des Prozesses, bestürmt von Reportern, hielt Feigen auch gestern an der Linie fest. Nicht die Höhe der hinterzogenen Summe sei entscheidend, sagte er sinngemäss, sondern die Tatsache, dass sich Hoeness selbst dem Fiskus offenbarte.

Weitere Erkenntnisse könnte ein EDV-Spezialist der Steuerfahndung liefern. Er ist für heute als Zeuge geladen und soll das Rätsel der ein Jahr alten Dateien lösen. Ebenfalls aussagen wird ein Beamter, der gewöhnlich die Steuererklärungen von Hoeness prüft.

Das Urteil könnte – trotz der ausufernden Vorwürfe – bereits am Donnerstag fallen. Dass es nur eine Bewährungsstrafe gibt, glaubt inzwischen kaum mehr jemand. Bei Steuerhinterziehung in besonders schweren Fällen drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Erstellt: 11.03.2014, 23:44 Uhr

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Der Prozess gegen Uli Hoeness

Der Prozess gegen Uli Hoeness Uli Hoeness, deutsche Fussballlegende und FC-Bayern-Präsident, wurde in München verurteilt.

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