Der Rubel rollt ungebremst talwärts

Der Übergang zum freien Floating hat der russischen Währung nur für kurze Zeit Halt gegeben. Die Notenbank sieht sich mit schrumpfenden Devisenreserven und einem ausgereizten Leitzins konfrontiert.

Wie weiter mit dem Rubel? Wladimir Putin und Notenbankchefin Elwira Nabiullina. Foto: Ivan Sekretarev (Keystone)

Wie weiter mit dem Rubel? Wladimir Putin und Notenbankchefin Elwira Nabiullina. Foto: Ivan Sekretarev (Keystone)

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Die Atempause dauerte nur kurz, und so befand sich der Rubel bereits am Dienstag wieder auf der Rutschbahn. Bis gestern Mittag stieg der Dollar gegenüber der russischen Währung auf 46.71 Rubel – ein Plus von 2,4 Prozent. Am Montag hatte es noch den Anschein gemacht, als ob die von der russischen Notenbank ergriffenen Massnahmen zur Stützung ihrer Valuta die erhoffte Wirkung zeitigen würden: Der Dollar hatte um 3,8 Prozent nachgegeben.

Überraschend hatte sich Notenbankchefin Elwira Nabiullina zu Wochenbeginn entschlossen, den bisherigen Zielkorridor für den Rubelkurs aufzuheben und die Währung dem freien Spiel der Marktkräfte zu überlassen. Darüber hinaus beabsichtigt die Notenbank, die Versorgung der Banken in Russland mit Rubeln vorübergehend zu begrenzen. Denn die Geschäftsbanken hätten, wie Nabiullina ausführte, dieses Geld nicht nur zur Kreditvergabe an die Wirtschaft genutzt, sondern auch, «um am Devisenmarkt zu ‹spielen›».

Einladung zur Spekulation

Seit Anfang des Jahres hat der Rubel gegenüber dem Dollar rund 40 Prozent seines Wertes eingebüsst – einzig der argentinische Peso weist eine noch schlechtere Kursentwicklung auf. Drückten zunächst vor allem die westlichen Sanktionen gegen Russland auf den Rubel, sind mittlerweile eine Reihe weiterer belastender Gründe hinzugekommen: der gesunkene Ölpreis – Russland ist nach Saudiarabien der wichtigste Ölexporteur –, der wirtschaftliche Stillstand im Land, die Kapitalflucht und die Finanzierungsprobleme russischer Firmen mit Hartwährungen als Folge der Sanktionen.

Hinzu kam, dass die Investoren ein relativ leichtes Spiel hatten, auf einen fallenden Rubel zu spekulieren. Das rigide Wechselkursregime der russischen Währungshüter sorgte dafür, dass ihre Reaktionen weitgehend voraussehbar waren: Immer wenn der Rubelkurs den Rand seines Zielkorridors erreichte, intervenierte die Notenbank mit 350 Millionen Dollar im Devisenmarkt und passte anschliessend den Korridor dem Wechselkurs an – um aufs Neue einzugreifen, sobald der Kurs wieder am Rand anstiess. Auf diese Weise gingen die täglichen Interventionen zeitweise in die Milliarden, ohne dass sie den Fall des Rubels zu stoppen vermochten.

Mitte letzter Woche setzte Notenbankchefin Nabiullina diesem Spiel ein Ende, indem sie die tägliche Interventionssumme ihres Hauses auf 350 Millionen Dollar begrenzte. Damit liess sich der Zielkorridor selbstredend nicht mehr glaubwürdig verteidigen; umgekehrt behielt sich die Notenbank vor, in unbeschränktem Umfang zu intervenieren, falls dies aus Stabilitätsgründen angezeigt ist. Die russischen Währungshüter wurden unter diesen Vorzeichen unberechenbar(er) – entsprechend grösser ist das Risiko für Investoren, gegen den Rubel zu wetten. Der Übergang zum freien Floating des Rubels zu Wochenbeginn – der eigentlich erst für Anfang 2015 vorgesehen war – ist mithin der nächste logische Schritt für die Notenbank, um die volle Handlungsfreiheit zu erlangen.

Keine Besserung in Sicht

Ausschlaggebend dafür, das seit 1999 bestehende Wechselkursregime über Bord zu werfen, dürfte wohl die Erosion der russischen Währungsreserven gewesen sein. Im Zuge der andauernden Aufkäufe von Rubeln am Markt sind diese von gut 510 Milliarden Dollar zum Jahresanfang auf knapp 440 Milliarden per Ende Oktober geschmolzen; bis Ende 2014 erwarten die Notenbanker einen weiteren Rückgang auf 422 Milliarden Dollar. Im Oktober allein haben sie rund 30 Milliarden Dollar «verbrannt». Klammert man von Russlands Devisenschatz jene rund 167 Milliarden Dollar aus, die nicht für Devisenmarktinterventionen zur Verfügung stehen, reichen die Reserven laut dem früheren russischen Finanzminister Alexei Kudrin nicht mehr aus, um die Einfuhren des Landes für sechs Monate zu decken.

Neben Marktinterventionen verbleibt Elwira Nabiullina noch das Zinsinstrument, um den Rubelzerfall aufzuhalten. Ende Oktober erhöhte sie den Hauptfinanzierungssatz gleich von 8 auf 9,5 Prozent. Sie riskiert damit jedoch, die Wirtschaft vollends in die Rezession zu stürzen – erst recht im Verbund mit der angekündigten Limitierung der Rubelversorgung, die es für Firmen noch schwieriger macht, sich zu finanzieren. Experten hegen Zweifel, ob sich Russlands Währung auf diese Weise stabilisieren lässt. Dafür könnte aus ihrer Sicht nur ein steigender Ölpreis oder eine Deeskalation der Lage in der Ukraine sorgen. Beides ist derzeit nicht absehbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2014, 18:30 Uhr

Der russischen Währung geht es schlecht

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