Poträt

Der Saubermann mit den heiklen Daten

Der frühere Banker steht diese Woche wegen der Nebenwirkungen seiner Enthüllungen vor Gericht. Zugleich will er weitere Daten-CDs weitergeben – an die Enthüllungsplattform Wikileaks.

Zwielichtige Lichtgestalt: Rudolf Elmer gilt als erster Whistleblower aus dem Bankenmilieu.

Zwielichtige Lichtgestalt: Rudolf Elmer gilt als erster Whistleblower aus dem Bankenmilieu. Bild: Marco Urban

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Der Zürcher Rudolf Elmer, 56, ist ein gefragter Mann. Die internationale Presse klopft gern bei ihm an, von der «Zeit» bis zur «Süddeutschen» haben alle über ihn geschrieben. Über den «ersten Whistleblower» aus dem Bankenmilieu («Die Zeit»). Den «ethischen Dissidenten» («Süddeutsche Zeitung»). Den Mann, der von sich sage, er wolle, «dass die Schweizer Finanzwelt ehrlicher, moralischer und ethischer wird» («Spiegel»).

Elmers Aufstieg zur prominenten Figur erfolgte Anfang 2008 dank Wikileaks. Auf der damals wenig bekannten Internetseite deponierte Elmer grosse Mengen von Kundendaten, die aus der Zeit stammten, als er bis 2002 Angestellter der Niederlassung von Julius Bär auf den Cayman Islands war. Ein GAU für die angesehene Zürcher Privatbank. Deren Juristen konnten vor Gericht durchsetzen, dass Wikileaks die Daten vom Netz nehmen musste. Der ungewöhnliche Schritt erwies sich, anders als das wohl die Bär-Manager gedacht hatten, als medialer Verstärker: Elmer und sein Kampf gegen die Bank wurden zum Ereignis.

Schützenhilfe von Assange

Am Mittwoch folgt die nächste Runde: Dann wird der Fall Elmer vor dem Bezirksgericht Zürich verhandelt. Die Sympathien sind verteilt: Hier die Schweiz und ihre Banken, die ein dickes Geschäft mit Steuerhinterziehern machen, dort der mutige Banker, der das Gebaren anprangert und vor den Richter muss. Das hören und schreiben ausländische Medien gerne. «Der Schweizer Branche droht eine weitere Blamage», schrieb «Die Zeit» in einer Vorschau.

Auch Wikileaks-Gründer Julian Assange hat sich in Stellung gebracht. Er will Elmer heute per Videoschaltung an einer Pressekonferenz in London seine Unterstützung zusichern. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. So soll sich Assange 2008 beim ersten Treffen mit Elmer vor allem für dessen Know-how im Offshore-Banking in Hinblick auf die Finanzierung von Wikileaks interessiert haben. Elmer wiederum beklagte sich Mitte Dezember im TA, die Enthüllungsseite wolle kein Material mehr von ihm publizieren. Bei Assange drehe sich alles nur noch um Politik und Amerika.

Mehrfache Nötigung und Drohung vorgeworfen

Was Elmer nicht sagte: Wikileaks musste sich bei einigen Bär-Kunden entschuldigen, nachdem sich die Unterlagen als gefälscht erwiesen hatten. Heute will Elmer dem Enthüllungsportal erneut zwei CDs mit Daten von 2000 Kunden mindestens dreier Finanzinstitute übergeben. Viel Arbeit für die Portalbetreiber, wollen sie nicht noch einmal falschen (keine Steuerhinterziehung) oder gefälschten Daten aufsitzen.

Gerade Letzteres macht es nicht einfach, in Elmer nur eine Lichtgestalt im Kampf gegen Steuerhinterziehung zu sehen. Die 20-seitige Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland wirft ihm neben der Verletzung des Bankgeheimnisses mehrfache Nötigung und mehrfache schwere Drohung vor. Elmer, ein frustrierter und rachsüchtiger Mann, weil er nach 8 Jahren bei der Bank Bär auf den Cayman Islands – zuletzt als Geschäftsführer – die Kündigung und sofortige Freistellung erhielt?

So stellt es die Bank dar. Auf ihrem Intranet heisst es laut «SonntagsZeitung», Elmer habe «frustriert über nicht erfüllte Karrierehoffnungen» eine persönliche «Droh- und Hetzkampagne» gestartet, um Bank und Kunden «öffentlich zu diskreditieren». Die Anklageschrift listet mehrere Fälle auf zwischen Mai 2004 und September 2007. Erst versuchte Elmer, Daten für 50'000 Dollar an seinen früheren Vorgesetzten zu verkaufen. Als das nicht klappte, schickte er Mails mit Todesdrohungen an zwei Bank-Bär-Angestellte. Über die Eingabemaske der TA-Webseite verschickte er überdies eine Bombendrohung an die Bank.

Strafmass: 8 Monate bedingt

Im März 2005 stellte er der Eidgenössischen Steuerverwaltung eine CD mit Bankkundendaten zu. Die Anklageschrift nennt einige der Betroffenen, so den Financier Adriano Agosti und Vigier Management, eine Tochter des Zementkonzerns Vigier. Peter Sollberger, Vigier-Verwaltungsrat und Finanzchef, sagt auf Anfrage, die Berner und Solothurner Steuerbehörden hätten daraufhin die Firma unter die Lupe genommen. «Weil sie nichts gefunden haben, wurde der Fall ad acta gelegt», so Sollberger. Das Gleiche sagt Adriano Agosti.

Mit einer anonymen CD wurde auch das Kantonale Steueramt Zürich bedient. Laut Anklageschrift kam es in mindestens einem Fall zu einem Nachsteuer- und Bussverfahren.

Elmer bezeichnet die ihm vorgeworfenen Handlungen als Fehler. Sollte er verurteilt werden, droht ihm eine bedingte Haftstrafe von acht Monaten. Der Strafrahmen ist vergleichsweises eng, weil für die Verletzung des Bankgeheimnisses noch das alte Bankgesetz gilt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2011, 20:26 Uhr

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