Der Schweizer Wirtschaft droht ein wilder Ritt

Das Vertrauen in Prognosen für 2020 ist momentan so gering wie noch selten. Dafür gibt es gute Gründe.

Angesichts hoher Bewertungen und grosser Risiken droht an den Börsen eine Korrektur: Händler an der Börse in New York. Foto: Reuters

Angesichts hoher Bewertungen und grosser Risiken droht an den Börsen eine Korrektur: Händler an der Börse in New York. Foto: Reuters

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Von einem Sturm, der sich über der Schweiz zusammenbraut, schrieb Anfang Oktober der UBS-Ökonom Alessandro Bee mit Blick auf die weiteren Aussichten der hiesigen Wirtschaft. Solche Sturmsorgen gibt es offenbar weltweit, wie eine Umfrage der UBS unter ihren Kunden im Anlagebereich deutlich macht.

So sagen rund 80 Prozent der Befragten, sie würden künftig mit grösseren Ausschlägen an den Märkten rechnen. Mit 55 Prozent erwartet mehr als die Hälfte noch vor Ende 2020 einen deutlichen Einbruch an den Börsen. Mit 52 Prozent zweifelt angesichts dieser Erwartungen wenig überraschend ebenfalls eine knappe Mehrheit daran, dass jetzt der Moment günstig sei, um in Kapitalmärkte zu investieren.

Die UBS hat diese Umfrage im Rahmen ihrer generellen Einschätzungen zur Wirtschaftsentwicklung im nächsten Jahr publiziert. Diese Prognosen sind für sich genommen nicht besonders dramatisch. Das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr veranschlagen die UBS-Ökonomen auf 0,9 Prozent nach bereits tiefen 0,7 Prozent 2019.

Ohne internationale Sportanlässe, deren Einnahmen angesichts der Präsenz von Verbänden wie der Fifa und dem Internationalen Olympischen Komitee der Schweiz zugerechnet werden und auf die hiesige Konjunkturlage kaum Einfluss haben, soll das Wachstum 2020 bei 0,7 Prozent liegen.

Diese Prognose liegt am unteren Rand der bisher publizierten Erwartungen anderer Institute. Die Organisation der Industrieländer OECD rechnet für die Schweiz im nächsten Jahr zum Beispiel mit einem Wachstum von 1,4, wie sie in ihrem am Donnerstag erschienen Wirtschaftsausblick festhielt. Die höhere Erwartung im Vergleich zu 2019 liegt aber hauptsächlich an den internationalen Sportanlässen.

Alle Institute rechnen mit einer deutlichen Abschwächung der Schweizer Wirtschaft im Vergleich zum Boomjahr 2018, als die Schweizer Wirtschaft um 2,8 Prozent zugelegt hat. Aber eine Rezession – im Sinne einer Wirtschaftskrise – ist das nicht und so etwas sagt bisher keine inländische oder internationale Institution voraus.

Geringe Prognosesicherheit

Wie die Umfrage unter Investoren aber zeigt, ist das Vertrauen in die Prognosen gegenwärtig so gering wie noch selten – auch bei den Prognostikern selbst. Zu viele Risiken stehen im Raum, die in der nächsten Zeit das wirtschaftliche Bild weltweit und damit auch in der Schweiz sehr viel stärker als erwartet trüben können.

Die grösste betrifft den vom US-Präsidenten Donald Trump losgetretenen Handelskrieg zwischen den USA und China. Je nachdem, was Trump dazu gerade per Twitter oder über andere Kanäle verkündet, reagieren die Börsen und weitere Erwartungsbarometer zur Wirtschaftsentwicklung.

Seit die beiden wirtschaftlichen Grossmächte über einen als Phase I bezeichneten Zwischendeal verhandeln, der Mitte Dezember besiegelt werden soll, ist der Optimismus wieder etwas gewachsen. Das dürfte laut UBS-Ökonom Alessandro Bee ein wichtiger Grund dafür sein, dass zum Beispiel der sogenannte Einkaufsmanagerindex für die Schweizer Industrie (PMI) sich Anfang November von seinem Tiefstand im Oktober wieder entfernt hat und aktuell mit 49,4 Punkten nur noch knapp unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten notiert. Jeder Wert darunter steht für pessimistische Erwartungen.

Eine erneute Enttäuschung zu einer Lösung des Handelskonflikts kann die Aussichten genauso rasch wieder eintrüben, wie sie sich jüngst aufgehellt haben. Schliesslich sah es in den letzten beiden Jahren immer wieder nach einer Entspannung aus, und dann kam es im Gegensatz dennoch zu einer weiteren Verschärfung der Zölle.

Aktuell sieht es auch danach aus, dass der Handelskonflikt auf China und die USA vorerst beschränkt bleibt und die angedrohten Zölle auf europäische Fahrzeuge vorerst ausbleiben – die sich auch auf die Schweiz negativ ausgewirkt hätten. Trump liess kürzlich eine wichtige Frist für die Einführung solcher Zölle ungenutzt verstreichen. Doch ohne dass geklärt ist, was in dieser Auseinandersetzung noch kommt und kommen kann, bleibt ihre wichtigste negative Folge für jene Volkswirtschaften bestehen, die nur am Rande von höheren Zöllen betroffen sind: Die Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück. Das drückt auf das Wachstum der Weltwirtschaft und besonders auf das Geschäft der Industrie.

Ein Strauss an Sorgenfaktoren

Der Handelskrieg ist zudem nicht der einzige internationale Faktor, der die Zurückhaltung bei den Investitionen begründet und für Unruhe an den Börsen und Kapitalmärkten führen kann: Da sind etwa die kommende Parlamentswahl in Grossbritannien, die mehr Klärung zum Brexit bringen soll, und die Präsidentschaftswahl in den USA. Selbst wenn der erratische Donald Trump verlieren sollte, sorgt man sich an den Kapitalmärkten vor einem Linksrutsch in der US-Politik, der zu deutlich höheren Steuern führen könnte.

Für Unsicherheit sorgen ausserdem die Geldpolitik und das weltweit extrem tiefe Zinsniveau. Ausdruck für die damit verbundenen Probleme ist der Finanzstabilitätsbericht, den die Europäische Zentralbank (EZB) am Mittwoch veröffentlicht hat. Einige der aufgeführten negativen Folgen des Tiefzinsniveaus zeigen sich auch in der Schweiz. So steigt in der Eurozone die Verschuldung deutlich an, und Investoren gehen immer höhere Risiken ein. Das Paradebeispiel ist der Immobilienmarkt, wo sich vielerorts bereits Überbewertungen zeigen. Und die EZB warnt vor einem Einbruch der Kapitalmärkte – vor allem im Bereich der extrem hoch bewerteten Anleihen.

Die Möglichkeiten der Schweizer Wirtschaft, all diesen Unsicherheitsfaktoren auszuweichen, sind gering. Nicht nur, weil die Nationalbank im Fahrwasser der Europäischen Zentralbanken die Zinsen ebenfalls extrem tief hält, um eine Aufwertung des Frankens zu verhindern. Ein geringeres Wachstum der Weltwirtschaft und Verwerfungen auf den Kapitalmärkten treffen die hiesige Wirtschaft auch unabhängig vom Frankenkurs. Als länderspezifische Unsicherheitsfaktoren nennen Fachleute zudem auch das ungeklärte Verhältnis zur EU, das im nächsten Jahr im Zusammenhang mit dem Rahmenvertrag wieder vermehrt aufs Tapet geraten dürfte.

Erstellt: 21.11.2019, 21:21 Uhr

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