Der Student, der über Nacht weltberühmt wurde

Thomas Herndon war es, der die Harvard-Professoren Ken Rogoff und Carmen Reinhart mit ihrer 90-Prozent-Regel entlarvte. Nun beschreibt er seinen Kampf: «Ich dachte, ich hätte einen groben Fehler gemacht.»

Er traute seinen Augen nicht: Ökonomiestudent Thomas Herndon.

Er traute seinen Augen nicht: Ökonomiestudent Thomas Herndon.

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Als Professor Michael Ash seinen Ökonomiestudenten an der University of Massachusetts den Auftrag erteilte, eine beliebige Fachpublikation zu wählen und deren Befunde nachzurechnen, erfüllte einer seiner Studenten den Auftrag nicht. Dennoch dürfte dieser den Kurs mit der Bestnote abschliessen. Das kam so: Der 28-jährige Thomas Herndon entschied sich für das berühmte Paper «Wachstum in Zeiten der Verschuldung» der beiden Harvard-Professoren Ken Rogoff und Carmen Reinhart. Die aufwendige Studie aus dem Jahr 2010 kam im Kern zu folgendem Schluss: Das Wirtschaftswachstum eines Staates verlangsamt sich dramatisch, wenn die Schulden 90 Prozent des Bruttosozialprodukts übersteigen. Der Befund fand international starke Beachtung und wurde zum Paradigma, das Sparpolitikern wie Ökonomen als Richtschnur in der Austeritätspolitik diente.

Herndon tat sich aber schwer mit der Studie: Egal, wie er die Befunde drehte und wendete, er kam beim Nachrechnen nicht auf dieselben Resultate. «Mein Mut sank. Ich dachte, ich hätte einen groben Fehler gemacht», schildert er gegenüber BBC seine Erfahrungen. Schliesslich habe er es für wahrscheinlicher gehalten, dass er einen Fehler gemacht habe – und nicht die beiden renommierten Harvard-Professoren. Dieser Meinung war auch sein Professor. Er erinnere sich an ein Treffen mit Ash, an dem dieser gesagt habe: «Komm schon, Tom, das ist nicht so schwierig, du musst die Resultate nur richtig ordnen.» «Und Robert Pollin, ein weiterer Professor der University of Massachusetts, erinnert sich gegenüber Reuters: «Zuerst glaubte ich ihm nicht. Ich dachte: ‹Er ist ein Student, er muss sich täuschen.›»

Er traute seinen Augen nicht

Herndon beugte sich also wieder über die Befunde und sortierte und überprüfte und verwarf – und dann war das Semester zu Ende. Erst zu jenem Zeitpunkt merkten auch Herndons Professoren, dass etwas nicht stimmte. «Wir hatten ein Puzzle vor uns und waren unfähig, es zu lösen. Das ging uns wirklich unter die Haut», wird Professor Ash auf der BBC-Website zitiert.

Ash und Pollin ermunterten Herndon, weiter am Projekt zu arbeiten und sich bei den Harvard-Professoren zu melden. Als diese dem Studenten schliesslich die Originaldaten zukommen liessen, traute er seinen Augen nicht: Er sah einen fundamentalen Fehler im Datensatz. Die Harvard-Professoren hatten nur 15 der 20 Staaten, die sie eigentlich untersuchten, in der Berechnung berücksichtigt. Australien, Österreich, Belgien, Kanada und Dänemark fehlten. Diese Auslassung beeinflusste das Resultat wesentlich. Herndon rief seine Freundin an, damit sie ihm seine Beobachtung bestätigen konnte.

Die Professoren und ihr findiger Student stiessen in der Folge noch auf einen weiteren Verfahrensfehler: Von Neuseeland wurden in der Studie nur Daten aus dem Jahr 1951 verwendet. Damals betrug das Wachstum 7,6 Prozent – das verzog die Resultate.

Globale Debatte losgetreten

Die Harvard-Professoren Reinhart und Rogoff machen gemäss Reuters Codierfehler geltend. Methodische Mängel stellen sie dagegen in Abrede. Doch für Ash ist klar: «Die zentrale These wird durch unsere Replik substanziell geschwächt», wie er gegenüber Reuters festhält. Diese publizierten Herndon und die beiden Professoren am 15. April – und traten damit eine Lawine los. Innerhalb von 24 Stunden fanden sie sich in einer globalen Debatte wieder. Denn ihr Befund schwächt jenen des Harvard-Duos ab: Eine hohe Verschuldung korreliert demnach zwar mit niedrigerem Wachstum, aber der Zusammenhang ist schwächer, und es gibt viel mehr Ausnahmen von dieser Regel.

Das relativieren Rogoff und Reinhart in einer Stellungnahme zuhanden der BBC: «Es ist ernüchternd, dass sich so ein Fehler eingeschlichen hat. Wir werden unsere Anstrengungen verstärken, dass das künftig nicht mehr geschehen wird. Wir glauben jedoch nicht, dass dieser Fehler die zentrale Schlussfolgerung stark verändert.»

Trotz des medialen Rummels und der starken wissenschaftlichen Resonanz gibt sich Herndon bescheiden: «Ich fühle mich geehrt, dass ich einen Beitrag zur aktuellen Diskussion leisten konnte.» Und beschwichtigend fügt er an: «Ich wollte nicht böswillig sein.» (rbi)

Erstellt: 23.04.2013, 17:59 Uhr

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