Der Toronto-Gipfel «symbolisiert einen epochalen Wandel»

Vom Resultat her gesehen war der G-20-Gipfel mager. Deutlich aber zeigte das Treffen die Verschiebung im internationalen Machtgefüge.

Debatte auf Augenhöhe: US-Präsident Barack Obama und der saudische König Abdullah.

Debatte auf Augenhöhe: US-Präsident Barack Obama und der saudische König Abdullah.

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Manchmal kündigen sich Verschiebungen im internationalen Machtgefüge mit Getöse an. Kriege, Revolutionen und der Kollaps von Imperien läuten ein neues Zeitalter ein. Manchmal vollziehen sich Machtverschiebungen auch schleichend, die globalen Kräfte tarieren sich leise neu aus. Das Ergebnis eines solchen Prozesses war auf dem Gipfel der G20 zu beobachten, der in der Nacht zu Montag in Toronto zu Ende ging. Die Industrieländer haben ihre Dominanz in der Weltwirtschaft verloren, Schwellenländer lassen ihre erstarkten Muskeln spielen.

Das Treffen in Toronto war der erste Weltwirtschaftsgipfel, nachdem die Gruppe der grössten Industrie- und Schwellenländer (G20) im September in Pittsburgh offiziell die Federführung vom exklusiven Zirkel der reichen Industrieländer (G8) übernommen hatte.

Ihre Gestaltungskraft über das reine Krisenmanagement für die Weltwirtschaft hinaus muss die G20 erst noch unter Beweis stellen. Sie spiegelt aber jetzt schon den Aufstieg von Staaten in Asien und Lateinamerika in die erste Liga der Wirtschaftsmächte wider. Konjunkturmassnahmen, Haushaltssanierung, Wachstumsstrategien – die Schwellenländer reden mit.

Nicht einfacher

Der Gipfel in Toronto «symbolisiert einen epochalen Wandel von einer Ära westlicher Dominanz hin zu einer neuen Ära mit vielen Machtzentren», analysiert Stewart Patrick vom Council on Foreign Relations in Washington. Der Politikexperte sieht die G20 als «die grösste Innovation in der Weltpolitik seit dem Ende des Kalten Kriegs». Zwar müsse sie ihre Rolle erst noch finden, doch habe sie als «einziges Forum, bei dem sich Schwellen- und Industrieländer auf höchster Regierungsebene auf Augenhöhe treffen», eine grosse Zukunft, glaubt Patrick.

Die Entscheidungsfindung wird durch das Hinzuziehen neuer Mitglieder nicht einfacher. Mit am Tisch sassen in Toronto nun unter anderem Vertreter der saudischen Königsdynastie, Argentiniens extravagante Präsidentin Cristina Kirchner und die Chefs der selbstbewussten Aufsteigerstaaten China, Indien und Brasilien. Die Macht der Neuen zeigte sich darin, dass Wirtschafts-Supermächte wie die USA oder die Europäer ihren Wunsch nach einer Sonderabgabe für Banken nicht durchsetzen konnten.

Offene Debatten bei der G8

In der einheitlicheren G8-Gruppe war manches einfacher. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel jedenfalls möchte parallel zu den grossen 20 das intime Achter-Format nicht missen. Sie schätzt es, dass die Runde klein und vertraut genug ist, um «dicht und offen und sehr intensiv» über Probleme sprechen zu können.

Im Gegensatz zu den strengen Gipfelformaten, wo oft nur vorbereitete Reden verlesen werden, ist es am G8-Tisch möglich, eine echte Diskussion zu führen. Die Absprachen im Rahmen der G20 seien teilweise noch schwierig, meinte Merkel.

Industriestaaten spielen die zweite Geige

Dass die Wirtschaftsprobleme der Welt ohne Länder wie China, Indien und Brasilien nicht mehr zu lösen sind, ist auch den G8 klar. China ist inzwischen das grösste Exportland der Welt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für China 2010 ein Wachstum von 10 Prozent, für Indien 8,8 Prozent, für Brasilien 5,5 Prozent – und für die Eurozone nur 1 Prozent. Diese Entwicklung ist das Ergebnis eines Strukturwandels in den vergangenen 20 Jahren.

«Das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft hat sich von den Industrieländern zu den aufstrebenden Volkswirtschaften verlagert», schrieb die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor dem G20-Gipfel in einem Bericht. «Das neue Kräfteverhältnis (...) bedeutet, dass die reichen Länder die Agenda nicht mehr alleine bestimmen können.»

Erstellt: 28.06.2010, 09:50 Uhr

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