Der Traum vom Schloss endet im Zwangsverkauf

Die Immobilienkrise in den USA trifft nun auch die Reichen. Besonders hart zeigt sich dies im Silicon Valley, dem Zentrum der Hightechindustrie.

Wertminderung um mehr als die Hälfte: Das McMansion in den Los Alto Hills, davor Maklerin Melissa Lindt.

Walter Niederberger

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Die erste Welle der Immobilienkrise hatte noch überwiegend Haushalte mit tieferen Einkommen getroffen. Das hat sich geändert. «Wir stecken in einem seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebten Loch fest», sagt Immobilienexpertin Ivy Zelman, die früher als Analystin für die Credit Suisse gearbeitet hat. Gemäss einer Studie der Marktforschungsfirma Corelogic nehmen die Zwangsversteigerungen von hoch belehnten Häusern derzeit etwa doppelt so schnell zu wie von billigeren Immobilien. Jeder siebte Besitzer mit einer hohen Hypothek – über einer Million Dollar – steckt in gravierenden Zahlungsproblemen, zeigt die Untersuchung. Im tieferen Preissegment ist «nur» noch jede zwölfte Hypothek Not leidend.

Besonders stark verschlechtert hat sich die Lage im Silicon Valley. Das Zentrum der Hightechindustrie war nach dem Kollaps der Internetblase vor zehn Jahren in grosse Schwierigkeiten geraten. Es hatte sich aber schnell wieder aufgerappelt und glaubte sich gerade wegen dieser Widerstandskraft diesmal immun gegen eine Immobilienkrise. «Die Stimmung hat sich in den letzten Monaten deutlich eingetrübt», sagtMelissa Lindt bei der Besichtigung mehrerer zum Zwangsverkauf stehender Millionenhäuser. «Viele Besitzer hofften zu lange auf einen Aufschwung, der nicht kam, und büssen nun dafür umso mehr», sagt die vor zehn Jahren aus der Schweiz in die USA gezogene Immobilienmaklerin.

Keine Kunden, leere Läden

Die meisten der nun bedrohten Häuser hatten in der Endphase des Booms zwischen 2004 und 2006 die Hand gewechselt. Oft waren dabei eigentliche Serientäter am Werk. Sie belehnten ihre Häuser nicht nur zu 100 Prozent, sondern nahmen – animiert durch die Kreditinstitute – sofort weitere Kredite auf, um zusätzliche Spekulationskäufe zu tätigen. «Erbarmen mit diesen Leuten wäre fehl am Platz», sagt Lindt.

Das Problem ist nur, dass diese Transaktionen jetzt nicht nur die Eigentümer und Banken belasten, sondern die Nachbarschaft und die Stadt. So steht im Zentrum von Los Altos mindestens ein Dutzend Geschäfte leer, einige waren seit über 40?Jahren als Familienunternehmen mit guter Kundschaft bekannt. Die Auslagen sind fast leer, auch wenn Geschäfte noch geöffnet sind. «Wieso soll ich mir mit dem Schaufenster noch Mühe geben», seufzt Harold Yan, der seit 22 Jahren einen Bijouterieladen an der Main Street führt. «Niemand schaut herein. Hätte ich nicht eine Stammkundschaft, die ihre Schmuckstücke reparieren und reinigen lässt, hätte ich schon schliessen müssen.» Yan befürchtet, dass die Krise schlimmer wird, weil sie erst jetzt die reicheren Regionen erfasst. «Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg», meint der aus China eingewanderte Juwelier, «geht es um das pure Überleben.»

Umzug ins Billighaus

In vielen Fällen geht es weniger ums Überleben als um ein neues Leben in einer weniger schicken Umgebung. Die 7-Schlafzimmer-Villa oben in den Los Alto Hills, wo der mittlere Hauspreis 2009 bei 3,5 Millionen Dollar lag, veranschaulicht Missstände der Boomjahre und die Veränderungen, die den Besitzern bevorstehen. Das Haus mit herrlicher Aussicht auf das Silicon Valley ist ein Sammelsurium an Baustilen. Der Betrachter weiss nicht, ob es ein Schloss oder ein Landhaus sein soll.

Der Eigentümer hatte das McMansion 2004 für 3 Millionen Dollar gekauft, wie ein Geldautomat gebraucht und mit Hypotheken von über 4 Millionen belehnt. «Das ist ein Show-off-Haus. Da wollte jemand ein Leben führen, das er sich nicht wirklich leisten konnte», erklärt Lindt. Käufer in dieser Preisklasse sind heute rar und werden zudem von den hohen Fixkosten und dem billigen Dekor abgeschreckt. Das Prunkstück ist seit fast einem Jahr auf dem Markt, der Preis wurde von 4,5 auf 2,5 Millionen gesenkt. Ohne Erfolg. Nun droht ein Short Sale, ein Verkauf unter dem Einstandspreis. Ironie der Geschichte: Der Besitzer ist nach Stockton umgezogen, in die «Hauptstadt der Zwangsversteigerungen», wahrscheinlich in ein fast wertlos gewordenes Spekulationshaus.

Geändert hat sich das wirtschaftliche Umfeld. In der ersten Phase war es der Häusermarkt, der die Wirtschaft in eine schwere Rezession schickte. Heute ist es umgekehrt der schwache Arbeitsmarkt, der Verlust des zweiten Haushalteinkommens sowie tiefere Löhne, die den Häusermarkt bremsen. Die Ungewissheit über weitere verschärfte Gesetze und Vorschriften sowie absehbar höhere Krankenversicherungskosten belasten kleine und mittelgrosse Firmen. Konsumenten halten sich zurück, weil der Aufschwung aus dem ersten Quartal bereits wieder gebremst wurde. All diese Faktoren lasten auf dem Immobilienmarkt, fasst Lindt zusammen. «Am meisten leidet die untere Hälfte des gehobenen Mittelstands.»

Rettungsverkauf in der Garage

Tragisch erscheint die Lage in jenen Häusern, in denen die Familien noch leben, obwohl eine Zwangsversteigerung bevorsteht. In einem mit 1,9 Millionen belehnten, teuer renovierten Haus, das trotz eines auf 1,3 Millionen Dollar gesenkten Preises noch keine Käufer fand, herrscht ein wirres Durcheinander. Die Eigentümer versuchen, mit einem «Garage Sale» zu retten, was noch zu retten ist. Bügelbrett, Personenwaage, Skiträger, Bürostuhl, Cheminée-Garnitur – an Möbeln und Gerätschaften kleben rosafarbene Zettel mit den Verkaufspreisen. Einige Hundert Dollar dürften so noch zusammenkommen, mehr nicht.

An der Wand hängt das Foto einer asiatischen Familie. «Die Zahl von einer Million Dollar an Hypotheken täuscht eben auch», so Lindt. «Vielfach handelt es sich nicht um wirklich vermögende Familien, sondern um Doppelverdiener, die sich erstmals den Traum vom Eigenheim verwirklichen wollten.»

Profiteure mit genügend Cash

Profitieren vom Rückschlag der andern können anderseits auch wieder neue Einwanderer. Sie lassen sich heute Geld von Verwandten und Bekannten – zum Beispiel in China – schicken. Mit diesen Mitteln erwerben sie die stark verbilligten Häuser und können einen späteren Aufschwung ohne jeden Schuldendruck abwarten.

Dennoch wird es Jahre dauern, bis der Überhang an zu teuren Häusern abgetragen ist. Immobilienmakler im Silicon Valley schätzen, dass der spekulative Markt frühestens ab Ende 2012 zu Ende sein wird. Es wird sicher weitere zehn Jahre dauern, meint Melissa Lindt, bis die Immobilienpreise wieder so stark an Fahrt gewinnen, wie man dies in den guten Zeiten gewohnt war.

Erstellt: 19.08.2010, 22:47 Uhr

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