Der Wahnsinn und Thomas Jordan

Der Nationalbankchef Thomas Jordan hat den Mindestkurs gekappt. Und ist damit eine Wette eingegangen, die er nur gewinnt, wenn er sie verliert. Denn er ist ein solider Mann in einer paradoxen Welt.

Ein Nationalbanker bei der Arbeit: Je grösser die Kanone, je stärker der Knall, desto stärker die Wirkung. Foto: Imago

Ein Nationalbanker bei der Arbeit: Je grösser die Kanone, je stärker der Knall, desto stärker die Wirkung. Foto: Imago

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«Aber ich will nicht unter Verrückten leben», sagte Alice.
«Da kann dir niemand helfen», sagte die Katze. «Wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt.»
«Woher weisst du, dass ich verrückt bin?», fragte Alice.
«Du musst verrückt sein», sagte die Katze. «Sonst wärst du nicht hier.»

Nationalbankchef Thomas Jordan hat Eigenschaften, Kenntnisse, einen Charakter. Nur spielt das keine Rolle.

Jordan ist, so seine Beobachter, vor allem Nationalbanker. Trotz dem Körper eines Wandschranks bleibt er unauffällig. Sein Lebenslauf ist gradlinig: Er heiratete die Schulfreundin, machte den Doktor in Geldpolitik und ging zur Nationalbank. Er ist ein Profi ohne Ablenkung. Die Hobbys sind klassische Musik und Hodler. Er hasst Gesten und jedes Theater. Das einzige Spezielle an ihm ist das Schlusslächeln. Bei jedem Auftritt erscheint es auf seinem Gesicht, pünktlich nach der letzten Frage. Es ist das Lächeln der Erleichterung, nichts gesagt zu haben.

Doch wer Thomas Jordan ist, ist egal. Er hasst Aufsehen – sein Entschluss zur Beendigung des Mindestkurses ging um die Welt. Er gilt als bescheiden – und entpuppte sich als mächtigster Mann des Landes. Er ist konservativ – und bricht mehrere Traditionen seiner Zunft. Er ist verlässlich – und schwor noch Tage vor dem Entschluss, am Mindeskurs festzuhalten. Er ist Patriot – und versetzte der Schweizer Wirtschaft den härtesten Schlag seit Jahrzehnten.

Kurz: Thomas Jordan ist ein grundsolider Mann. Nur in einer verrückten Zeit.

Die Punschbowle

Bis vor kurzem gab es wenig Unspektakuläreres als Notenbanken. Sie galten nicht zuletzt als intellektuelle Forschungszentralen: helle Köpfe für kluge Papiere. Als Folgerung ihrer Studien bedienten diese Köpfe nur einen einzigen Hebel: Sie konnten den Leitzins runter- oder raufsetzen. Damit bestimmten sie, ob Kredite billiger oder teurer wurden – ein grobes Gas- oder Bremspedal für die Wirtschaft.

Als wichtigste Aufgabe galt, wie einst ein Notenbankchef sagte, «die Punschbowle wegzunehmen, bevor die Party richtig losgeht». Also beim Boom die Zinsen zu erhöhen. Erstens, um die Inflation, zweitens um die Spekulation zu bekämpfen. Das konnte gut oder schiefgehen. Als Held galt etwa der US-Notenbankchef Paul Volcker, der in den 80er- Jahren eine zweistellige Inflation besiegte, indem er die Zinsen bis zu 20 Prozent hochschraubte. Wenn auch zum Preis einer Rezession und der eigenen Entlassung. Als Versager galt der Schweizer Nationalbankchef Markus Lusser, der in der Krise der 90er-Jahre durch hohe Zinsen zwar eine kleine Inflation bekämpfte. Aber dafür sorgte, dass die Schweiz stagnierte, zwei Jahre länger als der Rest von Europa.

Wie viel Macht wirklich in dem Amt steckte, bewies erst der oberste Notenbanker der USA, Alan Greenspan. Er war berühmt für kryptische Zitate. Etwa: «Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar erscheinen, müssen Sie mich missverstanden haben.» Doch das war Unfug. In den entscheidenden Fragen wurde Greenspan sehr deutlich. Er befürwortete die Aufhebung der Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken, er erklärte die Internetblase für «fundamental gerechtfertigt» (nachdem er zunächst gewarnt hatte), er stellte später zum Boom der Derivate fest: «Sie haben die Weltwirtschaft sicherer gemacht.»

Und er senkte im Zweifel immer die Zinsen. Nicht zuletzt, als 2001 die New-Economy-Blase platzte. Kurz: Greenspan sorgte für Stimmung und Punsch. Und liess die grösste Finanzparty steigen, die der Planet je gesehen hatte.

Die Feuerwehr

Im Sommer 2007 gingen ein paar kleine Hedge-Fonds pleite. Und etwas Gespenstisches passierte: Der Kreditmarkt fror ein. Die Banken liehen sich kein Geld mehr. Jahr für Jahr hatten sie Rekordgewinne gemacht, nun hielten sie sich für pleite.

Ein Jahr später war es so weit. Lehman crashte. Und riss fast das gesamte Finanzsystem mit sich. Denn die deregulierten Banken hatten kaum mehr Eigenkapital, dafür tonnenweise Kreuz-undQuer-Kredite, gehebelt durch Derivate.

Die Party war aus. Und die Experimente begannen. In den 30er-Jahren hatte man auf einen ähnlichen Crash mit Nichtstun reagiert: Die Folge waren eine Weltwirtschaftskrise, politischer Extremismus, der Weltkrieg. Dieses Mal wusste man, dass man handeln musste. Und die einzigen Akteure, die dazu fähig waren, sassen in den Notenbanken. Die Banker waren bankrott, die Politiker hatten über Jahre gute Wirtschaftspolitik als keine Wirtschaftspolitik gesehen. Die Notenbanken hatten als Einzige noch Köpfe, Ideen – und Geld. Sie konnten es ja drucken.

Über Nacht wurden Dinge getan, die vorher nicht einmal gedacht worden waren. Banken wurden geteilt, fusioniert, verstaatlicht. Riesige Summen wurden verschoben, garantiert, in Bad Banks ausgeklammert. Und die Notenbanken druckten eine Flut von Geld.

Die neue Welt

Zwar hatten auch die Notenbanken die Krise nicht kommen sehen. Aber das interessierte niemanden: Sie waren schlicht die letzte Hoffnung. Sie bekamen alles: Macht, Verantwortung, Aufmerksamkeit. Das Einzige, was sie nicht hatten, war ihr traditionelles Steuerungsinstrument: der Zinshebel. Denn die Leitzinsen standen auf praktisch null.

Das hiess: Geld floss gratis. Doch das Problem war, dass es niemand wollte. Normalerweise leiht eine Notenbank den Banken das Geld zu einem gewissen Zinssatz, darauf verleihen die Banken es zu einem leicht höheren Zins an die Firmen. Die investieren. Und – wumm – die Wirtschaft läuft.

Doch diesmal nicht. Denn die kranken Banken brauchten das Gratisgeld als Liquiditätspolster gegen ihre Risiken. Und verliehen es kaum weiter. Und die Unternehmen blockierten in der Krise ihre Investitionen. Die Zentralbanken, ehemals Experten fürs Punschbowle-Wegnehmen, hatten nur das Problem, dass sie hektoliterweise Schnaps anboten. Den aber niemand trank.

Dazu kam, dass nicht nur die Banken pleite waren. Eine Menge Staaten hatten Milliarden für die Bankenrettung ausgegeben. Nun, in der Krise, mit wenig Steuern, hohen Ausgaben, misstrauischen Investoren stieg ihre Verschuldung ins Gigantische. Auch viele Privatleute waren pleite. Das Rezept einer Nationalbank gegen Verschuldung war ausgerechnet Inflation: Je wertloser das Geld, desto leichter die Schulden.

Ausgerechnet. Denn Inflation war traditionell der Hauptfeind der Notenbanken. Fast alle Modelle galten ihrer Bekämpfung. Nun versuchten die Notenbanken sie zu erzeugen – mit riesigen Geldströmen. Und sie kam nicht. Die Ströme blieben in den Tresoren der Banken stecken.

Wahnsinn als Methode

Kurz: Notenbanken waren vom beobachtenden Kontrolleur zum operativen Notfallarzt der Wirtschaft geworden. Und damit hatte sich alles wie in einem wilden Traum um 180 Grad gekehrt: Ziele und Rolle, Probleme und Instrumente, Tugenden und Laster. Die Zeit der Unauffälligkeit war vorbei.

Denn, was konnte die Notenbank für die Wirtschaft tun? Das Hauptproblem war, das Vertrauen wiederherzustellen. Und die beste Lösung war: Die Notenbanker, die traditionell leisen Akteure des Finanzsystems, mussten als Verrückte auftreten.

Und zwar mit so verrückten Ankündigungen, dass die Anleger gar nicht anders konnten, als ihnen zu glauben. Ben Bernanke tat das, als er in den USA vier riesige Geldspritzenprogramme durchzog: Die US-Notenbank kaufte für ungeheure Summen Staats- und Unternehmenspapiere. Der Chef der EZB Mario Draghi tat es, als er in der hellsten Panik um den Euro sagte, er würde die Währung retten, und zwar «mit was immer es braucht». Philipp Hildebrand tat es, als er mitten im rasanten Absturz des Euros einen Mindestkurs festlegte.

Je glaubwürdiger die Verrücktheit, desto billiger war sie. Als Draghi sagte, man kaufe Staatsanleihen, als Hildebrand sagte, man werde notfalls Milliarden ins Feuer werfen, um den Frankenkurs zu schwächen, kostete es unter dem Strich: nichts. Denn die Finanzwelt fürchtete die potenziell endlos tiefen Taschen der Notenbank und richtete sich danach. Die Eurokrise war fürs Erste passé. Und der Franken hüpfte wie durch Geisterhand über 1.20 Euro.

Kurz: Notenbanker agierten plötzlich wie Westernhelden: mit Klappe und Kanone. Und dazu experimentierten sie mit neuen, unerprobten Instumenten: Kauften Staatspapiere. Finanzierten Börsen-Haussen. Mischten sich in die Bankenregulierung ein. Legten den Leitzins plötzlich auf Jahre fest. Experimentierten etwa in der Schweiz mit Strafpuffern gegen den Immobilienboom. Oder mit Negativzinsen.

Kein Tabu, das nicht gebrochen wurde: Die japanische Nationalbank gab sogar ihre Unabhängigkeit auf und finanzierte offiziell einen Boom für die konservative Regierung.

Hildebrand vs. Jordan

Die Frage im Fall Thomas Jordan ist, ob er an einem Mangel an Verrücktheit leidet. Es gibt zwei starke Indizien dafür. Denn zweimal musste die Nationalbank im grossen Umfang Euros kaufen: das erste Mal, als Jordan sagte, ein Mindestkurs von 1.25 käme nicht infrage. Das zweite Mal, als er einen Monat im Voraus einen zwar exotischen, aber milden Negativzins ankündigte: Beide Male rochen die Märkte Schwäche und spekulierten gegen den Franken. Bei der zweiten Welle brach die Nationalbank ein.

Jordans Vorgänger, Philipp Hildebrand, hatte man den Mindeskurs von 1.25 zugetraut. Und vielleicht auch den Irrsinn, ein Meer aus Euros auszutrinken. Hildebrand war der perfekte Nationalbanker dafür: Weil er keiner war. Sondern ein Dandy, ein Fighter und ein Spezialist für Premieren. Zu Anfang seiner kurzen, wilden Karriere wurde die UBS gerettet. Dann folgte der Showdown mit den Banken um härtere Regeln, schliesslich der Coup mit dem Mindestkurs.

Die grosse Frage hinter Hildebrand und Jordan ist, ob die Nationalbanken das Wirtschaftssystem retten können. Deshalb, weil die Politik fehlt. Der Euro etwa hat die Wirtschaftspolitiker Europas zu Wirtschaftspolitikerdarstellern gemacht. Davor hatte ein Land drei Instrumente, seine Wirtschaft zu steuern: Auf- oder Abwertung der Währung, Zinsen, Geld ausgeben. Heute (mit der Schuldenbremse) ist an Steuern nicht übrig. Kein Wunder, ist der Zentralbankenchef Mario Draghi der mächtigste Mann Europas: Er ist der Einzige, der handeln kann. Und kein Wunder, handelte er: Mit einer Flutung Europas mit 1000 Milliarde Euro bis 2016.

Aus Angst vor dieser Flut kappte sein Kollege Jordan den Mindestkurs: Um die Nationalbank nicht in Euros ertrinken zu lassen. Und klare Verhältnisse herzustellen.

Nur: Die Welt ist nicht klar. Der Franken bleibt vom Euro abhängig. So musste die Nationalbank weiterhin Milliarden Euros kaufen, um einen Kurs zu verhindern, der grosse Teile der Exportwirtschaft vernichten würde. Nur tut sie es jetzt ohne den Mindeskurs: ohne Damm, gebaut aus Verrücktheit.

Das Problem ist paradox: Gerade die Stärke der Schweiz – ihre Solidität – ist nun ihr Feind: Weil gigantische Gelder im Franken Sicherheit suchen.

Und auch Jordans Schicksal ist ein Paradox. Durch seine Befreiung vom Euro ist es nun komplett abhängig von ihm. Und ein Happy End gibt es nur, wenn der Euro steigt, an dessen Aufschwung er nicht glaubt. Jordan gewinnt seine Wette nur, wenn er sie verliert.

Kurz, Thomas Jordan ist ein solider Mann. Aber in einer nicht soliden Zeit. Er hat sich entschieden: Gegen die alte für eine neue Verrücktheit. Und mit ihm steht oder fällt das halbe Land.

Erstellt: 03.02.2015, 23:46 Uhr

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