Der Warnschuss der Nationalbank

Vertreter der Nationalbank und des Internationalen Währungsfonds bringen Negativzinsen wieder vermehrt ins Spiel. Das ist ein Zeichen für das anhaltende Risiko für die Euro-Franken-Untergrenze.

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Gemessen an den Äusserungen wichtiger geldpolitischer Institutionen und Exponenten könnte man glauben, die Schweizerische Nationalbank (SNB) stehe kurz davor, Negativzinsen einzuführen. Vor wenigen Tagen hat der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem abschliessenden Bericht zur regelmässigen Länderprüfung geschrieben, Negativzinsen könnten notwendig werden, um einem erneuten Aufwertungsdruck auf den Franken zu begegnen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters am Freitagmorgen berichtet, hat Fritz Zurbrügg, Direktoriumsmitglied der SNB, Negativzinsen aufs Tapet gebracht. Sie würden zu einer ganzen Palette von Massnahmen gehören, mit denen die Notenbank den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro verteidigen könne. In einem Interview von Anfang März hat bereits SNB-Präsident Thomas Jordan diese Massnahme angesprochen.

Wenn im Zusammenhang mit Notenbanken von einem Negativzins die Rede ist, geht es nicht um den Leitsatz, mit dem diese ihre Geldpolitik ausüben. Für den 3-Monats-Libor als Leitzins der Schweiz hat die SNB ein Zielband zwischen 0 und 0,25 Prozent festgesetzt. Faktisch befindet er sich mit 0,02 Prozent schon seit längerem nahe der Tiefstgrenze von null, und tiefer kann er als Marktzins auch nicht fallen. Negativzinsen beziehen sich auf die Einlagen der Banken bei der Notenbank. Sie würden bedeuten, dass diese für die Möglichkeit, dort Mittel zu parken, etwas bezahlen müssten. Eine solche Massnahme würde eine Zufuhr von Geldströmen aus dem Ausland in die Schweiz unattraktiv machen. Das wiederum sorgt für einen geringeren Aufwärtsdruck auf den Franken.

Ungenügende Entspannung in Europa

Dass die SNB in Kürze einen Negativzins einführt, bleibt trotz der jüngsten Wortmeldungen eher unwahrscheinlich. Wie der Ökonom Maxime Botteron von der Credit Suisse in einem Artikel der «Finanz und Wirtschaft» ausgeführt hat, käme diese Massnahme die inländischen Banken teuer zu stehen. Die rund 360 Milliarden Franken, die sie bei der Nationalbank lagern, sind die Konsequenz früherer Devisenankäufe durch die SNB. Die Banken haben praktisch keine Alternative für die Verwendung der Mittel. Sie müssten sie daher bei der Notenbank belassen und die Kosten tragen.

Dass IWF und SNB die Negativzinsen ins Spiel bringen, bedeutet daher vor allem eines: Diese Institutionen sind von einer nachhaltigen Erholung der Lage in Europa und an den Devisenmärkten alles andere als überzeugt. Einen weiteren Ansturm auf den Franken halten sie weiter für wahrscheinlich und die Aufrechterhaltung des Mindestkurses des Frankens gegenüber dem Euro für dringend geboten. Das steht im Widerspruch zu den sich häufenden Berichten von einem sich abzeichnenden Ende der Eurokrise, die den Eindruck entstehen lassen könnten, der Mindestkurs könnte demnächst aufgegeben werden.

Wie Dewet Moser, stellvertretendes Mitglied des SNB-Direktoriums, am Donnerstag in einem Vortrag festhielt, wäre angesichts dieser Positivmeldungen alleine schon zu erwarten gewesen, dass der Franken gegenüber dem Euro schwächer tendiert. Das ist aber nicht passiert. Noch immer klebt der Europreis in der Nähe der 1.20-Untergrenze. Seit Jahresbeginn ist er dieser Grenze sogar noch näher gekommen.

Ukraine, Kreditvergabe und Deflationsangst

Für die anhaltenden Sorgen gibt es mehrere Gründe, die Krise in der Ukraine ist nur der jüngste und aktuellste. Sie droht die europäische Wirtschaft in Mitleidenschaft zu ziehen. Dazu kommt, dass es der Europäischen Zentralbank bis heute nicht gelungen ist, die vorherrschenden Deflationsängste auszuräumen und die Gefahr gänzlich zu bannen, dass die Eurozone einem ähnlichen Drama verfällt wie Japan über zwei Jahrzehnte. Die Kreditvergabe in den krisengeplagten Peripherieländern stockt ebenfalls noch immer.

Ein Zeichen dafür, dass man auch bei der Europäischen Zentralbank die Lage mit grosser Sorge beobachtet, sind Äusserungen von Jens Weidmann, dem Chef der Deutschen Bundesbank, und von Erkki Liikanen, seinem Pendant in Finnland. Beide haben erklärt, dass sie Massnahmen wie den Aufkauf von Anlagen als Instrument der EZB zur Verbesserung der Lage und zur Geldversorgung nicht ausschliessen würden. Auch sie verwiesen zudem explizit auf die Möglichkeit von Negativzinsen auf Bankeinlagen. Das ist insofern überraschend, als die beiden Mitglieder im Entscheidungsgremium der Notenbank bisher als Gegner solcher Massnahmen gegolten haben.

Anhaltendes Dilemma für die SNB

Der Zweck von Negativzinsen bei der EZB würde nicht wie in der Schweiz in erster Linie der Verhinderung einer Währungsaufwertung dienen – obwohl das der EZB angesichts der Bedeutung der Exporte für das Eurozonen-Wachstum ebenfalls entgegenkommen würde. Ziel wäre vielmehr, den Banken einen weiteren Anreiz zu geben, die Mittel als Kredite zu vergeben, statt sie bei der Notenbank zu lagern.

Würde die EZB tatsächlich solche weiter gehenden Massnahmen einführen, könnte das alleine schon den Aufwärtsdruck auf den Franken erhöhen. Kein Wunder hält die Schweizerische Nationalbank eisern an ihrem Mindestwährungskurs gegenüber dem Euro fest und kein Wunder bringt sie Negativzinsen ins Spiel. An eine Erhöhung des Leitzinses in der Schweiz ist unter diesen Voraussetzungen ohnehin noch lange nicht zu denken. Das grösste Problem der Schweiz besteht unter diesen Umständen in der Gefahr eines weiter wachsenden Drucks auf die Immobilienmärkte, dem die Politik bisher nur mit sogenannten makroprudenziellen Massnahmen, wie der Erhöhung des Kapitalpuffers für die Banken, begegnen kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2014, 12:40 Uhr

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