Der deutsche Nachfrage-Staubsauger

Mit ihrer exportorientierten Wirtschaftspolitik saugen die Deutschen Nachfrage aus den anderen Ländern ab. Das bringt jetzt selbst die europäischen Nachbarn auf die Palme.

Dieses Produkt wird nach Südkorea exportiert: Ein Angestellter der Mecklenburg Metallguss GmbH arbeitet an einer Schiffsschraube. (Archiv)

Dieses Produkt wird nach Südkorea exportiert: Ein Angestellter der Mecklenburg Metallguss GmbH arbeitet an einer Schiffsschraube. (Archiv) Bild: Bern Wüstneck/Keystone

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Die deutschen Exportüberschüsse wachsen und wachsen. Im laufenden Jahr dürften sie gemäss Schätzungen des Internationalen Währungsfonds auf 215 Milliarden Dollar klettern. Das sind mehr als 6 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Selbst EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn, allgemein als Hardliner und Befürworter der Austeritätspolitik bekannt, platzt nun der Kragen. Er will die deutsche Exportpolitik in der wöchentlichen Kommissionssitzung zur Sprache bringen. Worum geht es?

Der internationale Handel basiert auf der Theorie des komparativen Wettbewerbsvorteils, einem makroökonomischen Gesetz, das Samuelson, einer der bedeutendsten Ökonomen des letzten Jahrhunderts, einst gleichzeitig als banal und komplex bezeichnet hat. Der Streit um die Exportstärke Deutschlands illustriert, wie aktuell diese Aussage Samuelsons geblieben ist. Die Antwort auf die Frage, ob deutsche Exporte Europa und der Weltwirtschaft schaden oder nicht, hängt nämlich davon ab, was man unter dem komparativen Wettbewerbsvorteil versteht. Dabei gibt es zwei völlig verschiedene Sichtweisen.

Verteilung und Grösse des Kuchens

Die Vertreter der deutschen Position setzen Länder mit Unternehmen gleich. Sie machen keinen Unterschied zwischen Betriebs- und Volkswirtschaft. So wie Migros und Coop oder Coca-Cola und Pepsi sich um Marktanteile balgen, streiten sich Deutschland, Frankreich, die USA, China etc. um ein Stück vom Kuchen namens Welthandel. Aus dieser Perspektive macht es keinen Sinn, Deutschland aufzufordern, weniger zu exportieren. «Was nützt es Portugal, Italien oder Spanien, wenn wir weniger wettbewerbsfähig werden, dann springen Chinesen oder Japaner in die Bresche», lautet das Standardargument gegen die Kritik an Deutschland, verbunden in der Regel mit der Aufforderung, endlich die Ärmel hochzukrempeln und für Remedur zu sorgen. Exporterfolge werden in dieser Sicht gleichgesetzt mit wirtschaftlicher Potenz. Wer nicht exportieren kann, ist ein Weichei.

Ganz anders die Sicht der Kritiker der deutschen Wirtschaftspolitik. Sie unterscheiden zwischen Betriebs- und Volkswirtschaft. Beim Gesetz des komparativen Wettbewerbvorteils geht es daher nicht darum, wer mehr exportieren kann, sondern darum, dass der internationale Handel so organisiert wird, dass der Kuchen insgesamt grösser wird und alle davon profitieren. Die Formel «Mehr Wohlstand für alle dank internationalem Handel» funktioniert nur dann, wenn sich alle an die Spielregeln halten; will heissen, wenn sich die Leistungsbilanzen der beteiligten Länder über die Zeit mehr oder weniger ausgleichen. Sonst verkommt der komparative Wettbewerbsvorteil zu einem betriebswirtschaftlichen Wettbewerb um Marktanteile, der letztlich alle ärmer macht. Genau das ist der Vorwurf an die Deutschen.

Auf Kosten des Nachbarn

Mit ihren Exportüberschüssen importieren die Deutschen zwangsläufig Nachfrage aus dem Ausland. Solange auf dem Weltmarkt ein Überschuss an Nachfrage herrscht, ist dies nicht weiter schlimm. Genau dies war bis zum Ausbruch der Finanzkrise der Fall. Die europäischen Peripherieländer boomten und kauften deutsche Autos und Maschinen, als gäbe es kein Morgen.

Seit der Krise hat sich die Situation fundamental geändert. Schuldenberge und Austeritätspolitik haben dazu geführt, dass Länder wie Spanien ihr Heil ebenfalls im Export suchen und gleichzeitig die Importe zurückgefahren haben. Es entsteht so eine Situation, die man in den 1930er-Jahren mit «beggar thy neighbour» bezeichnet hat. Das bedeutet: Jeder will sich auf Kosten seines Nachbars gesundstossen.

Mehr Elend für alle

Gemäss Adam Riese kann diese Rechung nicht aufgehen. Importe und Exporte müssen sich letztlich ausgleichen. Wird dieses Gleichgewicht zerstört, entsteht statt mehr Wohlstand mehr Elend für alle: Das ist aktuell in Europa der Fall. Die gesamte Wirtschaftsleistung in der Eurozone lag im zweiten Halbjahr 2013 3,1 Prozent unter dem Höchststand vor der Krise und 1,1 Prozent tiefer als vor zwei Jahren.

Nicht nur die Europäer leiden darunter, dass das Export-Import-Gleichgewicht aus den Fugen geraten ist. Der Nachfrage-Staubsauger Deutschland hat die Wirtschaft der ganzen Einheitszone in ein Exportmonster verwandelt. Der IWF schätzt, dass Euroland zwischen 2008 und 2015 einen Leistungsbilanzüberschuss in der Höhe von 3,3 Prozent des BIP aufweisen wird. Das verärgert wiederum die Amerikaner. Sie fordern die Deutschen daher seit längerem zu einem Kurswechsel auf.

Insgesamt sind die deutschen Exporterfolge in dieser Sicht kein Leistungsausweis, sondern schlicht Dummheit. Martin Wolf beschreibt das Resultat in der «Financial Times» wie folgt: «Schleichende Deflation, Massenarbeitslosigkeit, das Einpendeln eines neuen Gleichgewichts wird verhindert und die Abhängigkeit von der Nachfrage aus dem Ausland nimmt zu.» Mit blossem Ärmelhochkrempeln ist es daher nicht getan. Der internationale Handel muss wieder so organisiert werden, dass alle davon profitieren.

Erstellt: 12.11.2013, 21:01 Uhr

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