Ökonomen-Streit

Der grosse Ökonomen-Streit: Wie verhindert man den Kollaps?

Deutsche und angelsächsische Ökonomen haben eine komplett unterschiedliche Sicht auf die aktuelle Wirtschaftskrise. Beide Seiten haben allerdings etwas gemeinsam.

Als lebten sie auf zwei verschiedenen Planeten: Nouriel Roubini (l.) und Thilo Sarrazin.

Als lebten sie auf zwei verschiedenen Planeten: Nouriel Roubini (l.) und Thilo Sarrazin. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Eurokrise mag jeden Tag bedrohlicher, die Lage der Weltwirtschaft immer prekärer werden, für den Mainstream der deutschen Ökonomen ist das höchstens ein vorübergehendes Problem. «Die Chancen, dass es uns 2030 deutlich besser gehen wird als heute, sind weit grösser als das Risiko, unter die Räder der Globalisierungsmaschine zu geraten», stellt Bert Rürup in seinem Buch «Fette Jahre» fest, das er zusammen mit Dirk Heilmann verfasst hat. Rürup gehört zur ersten Garde der deutschen Ökonomen. Er gibt sogar noch einen drauf: «Ja, wir gehen sogar so weit zu sagen, dass Deutschland beim Pro-Kopf-Einkommen in den nächsten 20 Jahren nicht nur Frankreich und Grossbritannien, sondern auch die USA und Japan abhängen wird.»

Der Grund für Rürups Zuversicht liegt darin, dass Deutschland sich nicht vom angelsächsischen Kapitalismus hat einlullen lassen. «Deutschland hat nicht krampfhaft versucht, seine Wirtschaftsstruktur an die in den USA ausgerufene New Economy anzupassen, sondern ist seinen Weg des nachhaltigen Wachstums weitergegangen», stellt er fest und stellt klar: «Die jüngste Weltwirtschaftskrise zeigte zu deutlich die Schattenseiten des angelsächsischen Konzepts.»

Der Wohlstand der USA – eine Illusion?

Thilo Sarrazin rechnet in seinem jüngsten Buch nicht nur mit dem Euro, sondern auch mit dem Dollar ab. Der Wohlstand der USA ist in seinen Augen eine Illusion und beruht darauf, dass die Amerikaner nach wie vor grün bedruckte Scheine gegen reale Waren eintauschen können. «Das Ganze ist, solange sich das Ausland mit der Bezahlung in weiteren Dollar-Guthaben anstelle von Bezahlung in realen Werten zufriedengibt, eine scheinbar unbegrenzte Wohlstandsmaschine», stellt Sarrazin fest. Die Wirtschaftskrise ist jedoch im Begriff, diese Illusion endgültig zu entlarven.

Auf der angelsächsischen Seite hingegen wundert man sich über die Ignoranz der Deutschen. Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson und Crash-Prophet Nouriel Roubini schreiben in einem Essay, das gleichzeitig im «Spiegel» und der «Financial Times» veröffentlicht wurde: «Wir finden es aussergewöhnlich, dass ausgerechnet Deutschland nicht aus der Geschichte lernt. Fixiert auf die nur eingebildete Gefahr einer Inflation, scheinen die Deutschen heute dem Jahr 1923 (Jahr der Hyperinflation) mehr Bedeutung beizumessen als dem Jahr 1933 (Tod der Demokratie).» Aus dieser Perspektive hat die Weltwirtschaftskrise zwar mit der amerikanischen Subprimekrise begonnen. Die USA haben jedoch ihr Bankensystem inzwischen stabilisiert, während die Eurokrise im Begriff ist, das europäische Bankensystem zu zerstören und damit die Weltwirtschaft in den Abgrund zu treiben.

Unlösbare strukturelle Probleme in Europa

Die Angelsachsen sagen kurz zusammengefasst: Die USA sind zwar derzeit in einer schlechten Verfassung und haben zu viele Schulden. Diese Probleme jedoch sind lösbar, sobald die derzeit Amok laufende Politik wieder zu Sinnen kommt. Europa hingegen hat unlösbare strukturelle Probleme, und gerade die deutsche Weigerung, dies endlich anzuerkennen und etwas dagegen zu unternehmen, ist zur tödlichen Gefahr geworden.

Diese beiden Sichtweisen haben sich inzwischen so weit voneinander entfernt, dass man glauben könnte, deutsche und angelsächsische Ökonomen würden auf zwei verschiedenen Planeten leben. Gemeinsam hingegen ist beiden Seiten, dass sie die politischen Aspekte grosszügig beiseiteschieben. Obwohl sich inzwischen die ganze Welt gegen Deutschland einschiesst, empfiehlt etwa Sarrazin weiterhin Gelassenheit und fordert eindringlich auf, auf gar keinen Fall vom eingeschlagenen harten Kurs der Austeritätspolitik abzuweichen. Die angelsächsischen Kritiker Deutschlands hingegen übersehen, dass auch Angela Merkel nicht ganz einfache Probleme zu lösen hat. Wie soll sie beispielsweise einem gemeinsamen Auffangnetz für Banken oder Eurobonds zustimmen, wenn Franzosen mit 60 und Deutsche mit 67 in Rente gehen?

Erstellt: 13.06.2012, 13:35 Uhr

Artikel zum Thema

«Das führt zum totalen Zusammenbruch»

Der US-Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini warnt vor dem Ende der Eurozone. Noch beunruhigender: IWF-Chefin Christine Lagarde sagt, es bleiben nur noch drei Monate zur Lösung der Krise. Mehr...

«Um euren Finanzplatz mache ich mir keine Sorgen»

Interview Griechenland wird laut Star-Ökonom Nouriel Roubini nicht das einzige Land sein, das die Eurozone verlassen wird. Weshalb er für die Schweiz deshalb kaum Gefahr sieht, erklärt er im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Mehr...

Roubini gibt der Eurozone noch fünf Jahre

Die Eurozone wird nach Ansicht des New Yorker Ökonomen Nouriel Roubini in wenigen Jahren vor dem endgültigen Zusammenbruch stehen. Mehr...

Bildstrecke

Chronologie der Eurokrise

Chronologie der Eurokrise Europas Wirtschaft weht noch immer ein rauher Wind entgegen. Ausser Deutschland sind bereits alle grossen EU-Länder in den Sog der Schuldenkrise geraten.

Wie der Bundesrat die Krise managte. (Video: Keystone )

Kommentare

Blogs

Geldblog So riskant ist die Osram-Übernahme für AMS
Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...