Der grosse Umbruch

Paul Gilding war ein führender Kopf von Greenpeace und berät heute CEOs und Staatspräsidenten. In seinem neuen Buch schreibt er über die Grenzen der Wirtschaft und Klimakatastrophen.

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Paul Gilding war als Student ein politischer Aktivist, wurde danach einer der führenden Köpfe bei Greenpeace und schliesslich ein gern gesehener Gast bei hoch dotierten Konferenzen wie dem WEF in Davos. Dort berät der Australier die CEOs von führenden Konzernen und Politiker der mächtigsten Staaten in Umweltfragen. Sein Rat kommt den wenigsten gelegen. «Wir steuern auf einen sozialen und ökonomischen Hurrikan zu, der riesigen Schaden verursachen wird, den grössten Teil der bestehenden Wirtschaft hinwegfegen und unsere Annahmen über die Zukunft zerstören wird», schreibt er in seinem kürzlich erschienen Buch «The Great Disruption».

Für Gilding sind Diskussionen darüber, ob es eine Klimaerwärmung überhaupt gibt, lächerlich geworden. Schliesslich ist sattsam bekannt, dass die Menschheit bereits jetzt mehr verbraucht, als sie zur Verfügung hat, nämlich rund 1,5 Planeten. Kommt dazu, dass sich dieses Verhältnis in den nächsten Jahrzehnten noch drastisch verschlechtern wird: Erstens, weil die Zahl der Menschen wächst, und zweitens, weil der Wohlstand von Hunderten von Millionen in den aufstrebenden Schwellenländern wächst. Wollen wir den aktuellen Lebensstil beibehalten, dann brauchen wir Mitte dieses Jahrhunderts rund fünf Planeten.

«Das lernt jedes Kind in der Sekundarschule»

Jedes Kind sieht ein, dass dies nicht möglich ist. «Wer mehr Bäume verbraucht als nachwachsen, der hat irgendwann keine Bäume mehr», stellt Gilding fest. «Wenn du die Erde mit einer CO2-Decke umhüllst, dann wird sie wärmer. Und wenn du viele dieser Dinge gleichzeitig tust, dann veränderst du die Art und Weise, wie der Planet Erde sich verhält, mit allen sozialen, ökonomischen und ökologischen Folgen. Das ist keine Spekulation. Das lernt jedes Kind in der Sekundarschule.»

Die Finanzkrise ist für Gilding ein Zeichen der Überforderung des Systems, aber auch die Natur spielt nicht mehr mit. Schliesslich gilt: «Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum könne in einer endlichen Welt unendlich weitergehen, ist entweder verrückt – oder ein Ökonom.»

«Wenn unsere Modelle stimmen...»

Die letztjährigen Überschwemmungen in Pakistan oder die Waldbrände in Russland deuten darauf hin, dass der grosse Umbruch bereits begonnen hat. Auch die aktuelle Hitze und Dürre in den USA passen in dieses Schema. Was die amerikanischen Südstaaten derzeit erleben, ist weit mehr als eine Hitzewelle. Gemäss eines Reports des United States Drougth Monitor vom 12. Juli sind fast 30 Prozent des Gebietes der Vereinigten Staaten (ohne Alaska und Hawaii) von dieser Dürre betroffen, für 12 Prozent ist es bereits jetzt eine «aussergewöhnliche» Dürre. Seit Menschengedenken sind Texas und New Mexico noch nie so trocken gewesen. Richard Seager, Klimaexperte an der Columbia University, schliesst nicht mehr aus, dass diese Gebiete im Begriff sind, sich in Wüsten zu verwandeln. «Wenn unsere Modelle stimmen», sagt er, «dann wird der Südwesten austrocknen.»

Waldbrände sind eine weitere Erscheinung der grossen Dürre (allein Florida verzeichnet seit Beginn des Jahres beinahe 4000 Brände). Fallende Erträge der Bauern ebenfalls. Die Farmer in Texas rechnen damit, dass ihre Getreideernte dieses Jahr höchstens halb so hoch ausfallen wird wie in einem durchschnittlichen Jahr. Die Märkte haben bereits darauf reagiert. Weizen ist zu Beginn des Sommers mehr als ein Drittel teurer geworden als normal.

«Bloss von historischem Interesse»

Das Hungerdrama in Ostafrika führt drastisch vor Augen, welche Konsequenzen die Klimakatastrophe bereits heute hat. Seit 60 Jahren hat es nie so wenig Niederschlag gegeben. Rund zwölf Millionen Menschen sind vom Hungertod bedroht. Massenelend und Massenflucht sind die Folgen. «Die Folgen der Klimakatastrophe bedrohen nicht unsere Kinder oder Enkel», stellt Gilding fest, «sondern uns.»

Der «grosse Umbruch» hat begonnen. «Wir wissen mit einem hohen Grad von Gewissheit, wie sich ein System verhält, wenn es an seine Grenzen stösst», stellt Gilding fest. «Aufgrund dieser Analyse sind wird zum Schluss gekommen, dass diese Grenzen bereits 2008 erreicht worden sind. (….) Was wir wissen, weil wir es mit einfacher Mathematik und Physik beweisen können, ist, dass die globale Wirtschaft die Dimensionen des Planeten Erde übersteigt, und das bedeutet, dass die Wirtschaft an einem bestimmten Punkt aufhören wird zu wachsen. Ob dies 2012 oder 2015 geschehen wird, ist bloss von historischem Interesse.»

Erstellt: 17.08.2011, 15:57 Uhr

Video

Fokus auf die Wirtschaft: Buchcover für den Verkauf in der EU (Paul Gilding, «The Great Disruption», Bloomsbury, London, 2011).

Fokus auf die Dürre: Buchcover für den Verkauf in den USA.

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