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Der ökonomische Sündenfall

Den fünften Teil unserer Serie «Ökonomie in der Krise» bestreitet der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Seine Streitschrift rüttelt an den Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften.

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Jeder, der sich heute professionell mit dem Wirtschaften beschäftigt, sei es als Führungskraft in einem Unternehmen oder als Berater der Wirtschaftspolitik, durchläuft ein Ökonomiestudium. Dort werden ihm bestimmte Botschaften über richtiges Wirtschaften beigebracht, ja eine ganze Weltsicht wird vermittelt. Das Wirtschaftsstudium ist eine Schule der Ökonomisierung des Denkens und damit letztlich der Welt.

Ökonomisierung des Denkens

Im Ökonomiestudium lernt man etwa, dass Nutzenmaximierung als «rational» zu gelten hat. Jede Abweichung davon und damit jeder Verzicht darauf, alles herauszuholen, was sich herausholen lässt, muss folglich als irrational gelten. «Vernünftig ist, was rentiert», so hatte Max Frisch diese Botschaft sarkastisch auf den Punkt gebracht. Und entsprechend lernt man im BWL-Studium nichts anderes als Rezepte darüber, wie die Gewinne zu maximieren sind. Wozu alles, was dem entgegensteht, zu eliminieren ist.

Zu hohe Gewinne kann es da eigentlich nicht geben, allenfalls Scheingewinne oder zu hohe Risiken. Je höher die Gewinne, desto mehr Erfolg. Folglich gelten die Investoren, denen die Gewinne ja zufliessen, als «Prinzipale», denen alle Vorrechte zustehen. Man selbst ist «Agent» ebendieser Prinzipale, das heisst des Kapitals. Und da alle Menschen, wenn sie rational sind, unbändig nach eigenen Vorteilen streben, sind die Agenten, ist das Management, durch Boni dazu anzureizen, den Investoren höchstmögliche Gewinne zu verschaffen.

Dass dies alles legitim ist, wird dann in den VWL-Vorlesungen bestätigt. Dort lernt man, dass aus dem Zusammenspiel der auf ihren eigenen Vorteil bedachten Homines oeconomici, von Ausnahmen abgesehen, ein wunderbares Ganzes entsteht. Nämlich der Wohlstand aller, der so nicht nur geschaffen, sondern auch noch ständig gesteigert werde. Dies wird dann «Effizienz» genannt.

Ökonomik ist Ethik – aber eine falsche

Die Wirtschaftswissenschaften sind eine normative, eine ethische Theorie. Es ist eine Theorie der Rechtfertigung der Marktlogik. «Die Ökonomen», die von sich als einer Gruppe Gleichdenkender sprechen, «sind die konsequentesten Fürsprecher des Marktes». So hat dies einmal der Konstanzer Volkswirt Friedrich Breyer formuliert, übrigens knapp vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Dass diese Fürsprache für die Marktlogik normativ und darin ethisch höchst fragwürdig ist, kommt den allermeisten Ökonomen gar nicht in den Sinn. Denn sie glauben, sie betrieben eine rein empirische, eine «positive», sprich «wertfreie» Wissenschaft. Damit entlasten sie sich von unangenehmen Fragen, die das ganze Lehrgebäude zum Einsturz bringen könnten. So sind, wie Breyer weiter festhält, praktisch alle Ökonomen von der – angeblich! – «wohltuenden Wirkung des Marktes» überzeugt. «Im Rest der Bevölkerung» werde dies «aber eher skeptisch gesehen».

Warum wohl? Natürlich weil der Rest der Bevölkerung den Wettbewerbsdruck und die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse am eigenen Leibe zu spüren bekommt. Weil die Leute mit einem zunehmend radikaler auftretenden Management konfrontiert sind, welches für seine Skrupellosigkeit bei der Steigerung des Shareholder-Value auch noch fürstlich entlohnt wird. Weil sie mit ansehen müssen, wie die Agenten und die Prinzipale der Banken sie als Steuerzahler in Geiselhaft nehmen und die Normalbürger damit dazu verdonnern konnten, Kapitaldienst in bislang ungeahnten Dimensionen zu leisten. Indirekt passiert dies auch durch die gegenwärtig überall durchgesetzten neoliberalen Austeritätsprogramme, die der Deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn ganz richtig prognostiziert hatte: Überall in Europa müsse es nun «Rosskuren» geben.

Nur ein eingebetteter Markt ist ein guter Markt

Gerne spielt der Ökonomismus die Karte aus, es könne da nur «den Markt» oder gar keinen Markt geben. Dies ist der eigentliche Sündenfall der Ökonomik. Ihr fehlt jede Idee der Mässigung und Relativierung. Und dabei ist es doch so einfach: Der Markt muss in gesellschaftliche Wertgesichtspunkte der Sinnhaftigkeit und Fairness eingebettet werden. Ansonsten gilt das Recht des Stärkeren, nämlich des Zahlungskräftigeren und Wettbewerbsfähigeren. Dies ist eine individuell handlungsbezogene Aufgabe und eine übergreifende politische Aufgabe. Und da der demokratische Souverän im Zuge der Globalisierung seine politische Freiheit zu guten Teilen verloren hat – alles dreht sich doch nur noch um die «Wettbewerbsfähigkeit» der zu Standorten degradierten Gesellschaften –, ist dies heute die Aufgabe einer global koordinierten Weltordnungspolitik.

Und dann können wir uns endlich zwei Fragen stellen, die wirtschafts- und gesellschaftspolitisch von allergrösster Relevanz sind: Lohnt sich der Stress noch, den der wachsende Wettbewerbsdruck erzeugt? Und sind die Marktverhältnisse fair gestaltet? Die erste Frage, die Frage nach dem guten Leben – auch nach guter Arbeit übrigens –, lässt sich nicht individuell beantworten, weil der globale Wettbewerb, in dem das Kapital das Sagen hat, denjenigen, der dies versucht, sogleich auf die Verliererstrasse setzt. Darauf verweisen Ökonomen ja gerne triumphierend, was sich etwa in den Diskussionen um die angebliche Notwendigkeit neoliberaler Reformen zeigt. Und letztlich ist dies ja auch eine Gerechtigkeits- beziehungsweise Fairnessfrage. Diese drängt sich den Bürgern nur darum nicht sofort auf, weil sich die «Täter» des wachsenden Wettbewerbsdrucks, und dies sind wir alle, wenn auch in unterschiedlichem Ausmass, hinter der unsichtbaren Hand der komplexen Marktmachtverhältnisse verbergen.

Ökonomik als ein ethisch-kritisches Geschäft

Wir brauchen eine Ökonomik, die nicht von vornherein gegenüber dem Marktprinzip voreingenommenen ist, die nicht für den Markt in allen Lebenslagen plädiert, was sie gerne als «Liberalisierung» verbrämt, obwohl damit doch auch ein Verlust an Freiheit einhergeht, weil es danach ja beinahe nur noch um die Sicherung oder Steigerung der viel beschworenen Wettbewerbsfähigkeit geht – sei es von Individuen, Unternehmen oder ganzen Staaten. Zu den Aufgaben einer solchen Ökonomik würde es gehören, die komplexen Arten und Weisen, wie wir Menschen uns durch Markt und Wettbewerb ins Verhältnis setzen, ethisch zu erhellen – um sie zur Diskussion zu stellen.

Vermutlich käme man dabei ziemlich rasch zu dem Ergebnis, dass sich da eine gigantische Kapitalblase gebildet hat, die zu bedienen den Rest der Bevölkerung überfordert. Darum ist es ja eine Blase. Sie zu bedienen, ist auch als höchst unfair zu beurteilen, und hat wenig mit Leistungsgerechtigkeit zu tun. Man werfe dazu einen Blick auf die Einkommensstatistiken vor allem im Hinblick auf die Superreichen. Diese Blase ist das Ergebnis der marktgläubigen «Hofierung» (Hans-Werner Sinn) des Kapitals.

Die Welt muss weg von der Hofierung hin zur Bändigung des Kapitals. Die Schlüsselfrage dabei lautet: Wie ist die Blase abzubauen, ohne dass es zu einer Katastrophe kommt? Die Beantwortung dieser Frage erfordert ökonomische Sachkompetenz und zugleich eine Abkehr von der ökonomistischen Voreingenommenheit gegenüber dem Marktprinzip. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.04.2012, 15:56 Uhr

Serie «Ökonomie in der Krise»

Die Ökonomie steht in der Kritik: Zu marktgläubig, zu dogmatisch, zu imperialistisch sei die Disziplin. Nach der Wirtschaftskrise wird ein Neubeginn erwartet. Wie stehen Fachvertreter zu diesen Vorwürfen? Tagesanzeiger.ch/Newsnet lässt Schweizer Ökonomen in einer Serie zu Wort kommen.

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Zum Autor

Ulrich Thielemann ist Direktor des Thinktanks Me'M – Denkfabrik für Wirtschaftsethik und Privatdozent an der Universität St. Gallen. 2001 bis 2010 war er Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen.

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