Der verärgerte Vorsitzende der Verschwörungs-GmbH

Gefälschte Interviews und manipulierte Computerprogramme: Der frühere General-Electric-Chef Jack Welch hat sich mit unbewiesenen Vorwürfen in den US-Wahlkampf eingeschaltet.

«Etwas stinkt»: Der frühere GE-Chef Jack Welch.

«Etwas stinkt»: Der frühere GE-Chef Jack Welch. Bild: Reuters

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Wenn Jack Welch recht hätte, so erleben die USA dieser Tage den grössten Schwindel seit der fiktiven Mondlandung der Nasa. Wenn er recht hätte, dann haben sich mehrere Tausend Beamte des Arbeitsmarktbüros zu einer Verschwörung gegen Mitt Romney zusammengetan, haben Hunderttausende von Interviews mit Arbeitssuchenden verfälscht und Computerprogramme so manipuliert, dass die Arbeitslosenzahl unter die kritische Marke von 8 Prozent absinkt. Alles in der klaren Absicht, Obama die Wiederwahl zu sichern.

Aber niemand hat diesen immensen Skandal bemerkt, ausser Jack Welch natürlich. «Unglaubliche Arbeitszahlen. Diese Chicago Guys tun alles. Können nicht debattieren, ändern also Zahlen.» So zwitscherte Welch Ende letzter Woche auf seinem Twitter-Konto – und entfachte einen perfekten politischen Sturm. Beweise für seinen Manipulationsvorwurf legte Welch nie vor, ausser seinem «Gefühl», dass «etwas stinkt».

«Wie in Sowjet-Russland»

Auch mit einem Gastbeitrag im «Wall Street Journal» von gestern trug der frühere General-Electric-Chef nichts zur Klärung bei. Ganz im Gegenteil: Welch behauptete erneut, die Zahlen von letzter Woche seien «nicht plausibel» und entbehrten jeder Logik. Und zündelte gleich weiter: Wenn einer wie er die «herrschenden Autoritäten» infrage zu stellen wage, dann müsse er im Amerika von heute gewärtigen, wie im «kommunistischen China» oder in «Sowjet-Russland» mundtot gemacht zu werden.

Der 76-Jährige reiht sich damit in die Reihe der Verschwörungstheoretiker ein, die hinter allem, was Präsident Barack Obama unternimmt, unlautere Motive und böse Absichten vermuten. Schon vor einem Monat etwa behauptete Rick Santelli, der für den Wirtschaftssender CNBC arbeitet, die Regierung werde die Arbeitslosenzahl vor den Wahlen auf unter 8 Prozent drücken. Darauf schliesse er jede Wette ab. Es ist der gleiche Santelli, der 2009 mit einem Betrugsvorwurf an die Regierung bekannt wurde und daraufhin von der Tea Party als ihr geistiger Übervater in Beschlag genommen wurde.

In der Optik dieser Zweifler ist die Regierung immer und überall die Wurzel allen Übels. Eine solche Regierung verfälsche dann eben die Arbeitsmarktzahlen und baue die Sozialwerke aus, um das Land klammheimlich zu einem sozialistischen Ungeheuer zu machen. Aus dieser Optik sei die Forderung, politische Spendengelder transparent zu machen, ein frecher Angriff auf die Wirtschaft. Umfragen seien dann gefälscht, solange sie Obama im Vorsprung sehen. Und die 47 Prozent der Amerikaner, die Sozialleistungen beziehen, seien arbeitsunwillige Blutsauger.

Welch weiss, wovon er spricht

Das Wirtschaftsmagazin «Fortune» und die Nachrichtenagentur Reuters stellten Welch jetzt vor die Tür: Sie kündeten seine Mitarbeit als Kolumnist auf, nachdem er auch von Ökonomen hüben und drüben lächerlich gemacht worden war. «Fortune» schob diese Woche gar einen Artikel nach und rief in Erinnerung, dass General Electric unter Welchs Führung mehr als 100'000 Arbeitsstellen vernichtet hatte.

Zudem weiss Welch selber am besten, was eine echte Manipulation ausmacht. GE war bekannt dafür, die Quartalsresultate stets so zuzubereiten, dass sie den Erwartungen der Analysten perfekt entsprachen. Unter Welch nahm der Gewinn um 385 Prozent zu, aber der Marktwert von GE explodierte um 4000 Prozent. Möglich war dies, weil Welch den Finanzarm GE Capital dazu brauchte, die Gewinn- und Verlustzahlen zu glätten. Der Verdacht, dass er so die Bücher manipulierte, lag auf der Hand, beweisen konnte dies die Börsenaufsicht SEC erst nach seinem Abgang 2003. Nach einer langen Untersuchung, die GE mehr als 200 Millionen Dollar kostete, kam die Börsenaufsicht zum Schluss, dass GE tatsächlich Bilanzbetrug begangen und die Investoren in die Irre geführt hatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 21:50 Uhr

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