Analyse

Der weltweite Sparwahnsinn

In den USA soll der Regierung der Geldhahn zugedreht werden, in Europa werden die Defizitländer in eine jahrelange Depression geprügelt. Der Hintergrund, warum wie schon in den 30er-Jahren ein unsinniger Sparwahn die Welt erfasst hat.

«Liquidieren Sie alles, Arbeiter, Aktien, Bauern und Immobilien»: Der damalige US-Finanzminister Andrew Mellon führte sein Land in die Grosse Depression. Machen es ihm Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Barack Obama (v.l.) nach?

«Liquidieren Sie alles, Arbeiter, Aktien, Bauern und Immobilien»: Der damalige US-Finanzminister Andrew Mellon führte sein Land in die Grosse Depression. Machen es ihm Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Barack Obama (v.l.) nach? Bild: Keystone

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In Washington tobt derzeit ein bizarrer Budgetkrieg. Es ist ein bisschen wie in der Stadt Zürich in den letzten Wochen. Im Zürcher Gemeinderat hat bekanntlich eine von der SVP angeführte Allianz ein Sparprogramm durchgeboxt, das rein gar nichts bringt, ausser dass es unfair gegenüber Staatsangestellten ist und die Fussballfans noch länger auf ein richtiges Stadion warten lässt. Was sich im US-Kongress derzeit abspielt, ist allerdings noch weit grotesker und vor allem weit gefährlicher. Dort geht es nicht um Millionen, sondern um Milliarden, die über Nacht eingespart werden sollen. Anderenfalls droht das von den Republikanern dominierte Abgeordnetenhaus, der Regierung den Geldhahn zuzudrehen. Damit soll das Sparen erzwungen werden.

Es geht dabei nicht um die Sache, es geht um Ideologie. Selbst wenn sich die Republikaner durchsetzen sollten, werden US-Soldaten nicht aufhören zu kämpfen und die Altersrenten werden weiterhin ausbezahlt. Es wird einfach alles ein bisschen komplizierter. Die republikanischen Hardliner wollen der Regierung eine Lektion erteilen; und diese Hardliner sind christlich-libertäre Taliban. Verglichen mit ihnen sind Mauro Tuena und Co. harmlose Pfadfinder.

Das Offensichtliche nicht anerkannt

Auf unserer Seite des Atlantiks sieht es nicht besser aus. Im Gegenteil: Der alte Kontinent ist noch heftiger vom Sparwahn infiziert als die USA. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben in Euroland ein Rettungspaket durchgeboxt, das bei Ökonomen Kopfschütteln auslöst. Der «Economist» spricht gar von einer Mischung aus «Verwirrung und Flop». Nach wie vor wird das Offensichtliche nicht anerkannt: dass Länder wie Griechenland, Irland und wahrscheinlich auch Portugal bankrott und ohne Umschuldung nicht zu sanieren sind.

Diese Tatsache wird unter den Teppich gekehrt, weil es bedeuten würde, dass französische und vor allem deutsche Banken gewaltige Abschreiber machen und ihrerseits saniert werden müssten. Das will man dem Steuerzahler nicht zumuten. Stattdessen mutet man den Griechen, Iren und Portugiesen Sparprogramme zu, die nicht nur unmenschlich sind, sondern auch kontraproduktiv. «Die Sparpolitik wird das Wachstum beeinträchtigen», schreibt der «Economist». «Das wird ihre Schulden – in Griechenland wird eine Staatschuld von 160 Prozent des Bruttoinlandprodukts erwartet, in Irland 125 Prozent und in Portugal 100 Prozent – noch unbezahlbarer machen und die Zinsen auf ihren Staatsanleihen noch weiter in die Höhe treiben. Das Resultat ist eine Abwärtsspirale.»

Die kopflose Sparpolitik

Während die Defizitsünder von Merkel und Sarkozy ins Elend geprügelt werden, machen die Briten das freiwillig. Die konservativ-liberale Regierung von David Cameron hält an einem sehr harten Sparprogramm fest, obwohl sich der Misserfolg deutlich abzeichnet. Das Wirtschaftswachstum dümpelt vor sich hin, das Vertrauen fällt und die politischen Spannungen steigen. Letzte Woche haben Hunderttausende in London demonstriert, vorläufig noch friedlich.

Deprimierend an dieser Entwicklung ist die Tatsache, dass bestens bekannt ist, wohin eine kopflose Sparpolitik zwangsläufig führen wird. Die USA haben es zu Beginn der 30er-Jahre vorgemacht. Als nach dem Börsencrash auch ein Bankensterben einsetzte, griffen weder die Regierung noch die Notenbank helfend ein. Stattdessen setzte man rigoros auf Sparen und ein ausgeglichenes Budget. Andrew Mellon war damals US-Finanzminister. Er war ein unnahbarer und wohlhabender Mann, der sich primär nur für seine Kunstsammlung interessierte. Das Schicksal der gewöhnlichen Leute liess ihn kalt. Dem damaligen Präsidenten Herbert Hoover erteilte er deshalb den inzwischen legendären Ratschlag, wie die Krise zu bekämpfen sei: «Liquidieren Sie alles, Arbeiter, Aktien, Bauern und Immobilien.» Das Resultat dieser Politik war die Grosse Depression. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2011, 12:04 Uhr

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