Analyse

Deutsche Massarbeit zum Hungerlohn

Ob Amazon, Mercedes oder die Fleischindustrie: Die deutsche Wirtschaft hat Lohnskandale im Wochentakt. Kritiker sprechen bereits von einer neuen Form von Sklaverei.

Billig, flexibel und genügsam müssen die Arbeiter sein: Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld (D).

Billig, flexibel und genügsam müssen die Arbeiter sein: Amazon-Logistikzentrum in Bad Hersfeld (D). Bild: Uwe Zucchi/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In deutschen Schlachthäusern schuften Leiharbeiter aus Bulgarien und Rumänien zu Hungerlöhnen (drei Euro pro Stunde) unter menschenunwürdigen Bedingungen. Das wurde am Sonntagabend in der Talksendung von Günther Jauch berichtet. Wirklich erstaunt hat das niemanden. Vor kurzem wurden ähnliche Skandale bei Amazon enthüllt. Selbst der renommierte Autohersteller Mercedes lässt seine B-Klasse teilweise von unterbezahlten Leiharbeitern zusammensetzen. Bis zur Jahrtausendwende war Deutschland bekannt für gute Löhne und grosszügige Sozialleistungen. Wird es nun allmählich zum Billiglohnland?

Die Entwicklung begann vor rund 15 Jahren. Die Kosten der Wiedervereinigung drohten aus dem Ruder zu laufen, in den Oststaaten setzten billigere Konkurrenten den Deutschen zu, und China machte sich auf den Weg zur wirtschaftlichen Supermacht – für die Deutschen sah es zu Beginn dieses Jahrhunderts bedrohlich aus. Ausgerechnet die rot-grüne Regierung von Gerhard Schröder verlor die Nerven und peitschte die härteste Reform des Arbeitsmarktes in der Nachkriegszeit durchs Parlament, die Agenda 2010. Sie kürzte nicht nur Sozialleistungen drastisch, sie ermöglichte vor allem neue Formen der Beschäftigung. Eine davon sind die Werksverträge. Sie erlauben es Unternehmen, ganze Arbeitsbereiche auszulagern und an externe Firmen zu vergeben. Diese wiederum offerierten Dumpingpreise, weil sie Leiharbeiter aus dem Osten zu Hungerlöhnen beschäftigen. Damit setzen sie eine Lohn-Verelendungsspirale in Gang.

Schäbige Unterkünfte, überrissene Miete

Am Anfang waren es nur Einzelfälle, doch inzwischen wurde es zur Methode. In deutschen Schlachthäusern sind praktisch nur noch miserabel bezahlte Arbeitskräfte aus dem Osten beschäftigt. Um Kosten zu sparen, karren daher selbst die Belgier und die Dänen ihre Schweine zum Schlachten über die Grenze nach Deutschland. Das Modell wird inzwischen immer häufiger kopiert. Kein Wunder: Die mit Werkverträgen beschäftigten Arbeitnehmer aus dem Osten sind nicht nur billig, sie haben auch keinerlei Rechte, nehmen unregelmässige Arbeitszeiten in Kauf und bezahlen für schäbige Unterkünfte überrissene Mietpreise. Die Zustände auf dem prekären Arbeitsmarkt gleichen heute jenen in Entwicklungsländern. Kritiker sprechen bereits von Sklavenarbeit.

Dank der Agenda 2010 hat die deutsche Wirtschaft ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder erlangt. Mehr noch: Sie ist zur heiligen Kuh geworden. So wie die Schweizer den Verstand ausschalten, wenn das Bankgeheimnis kritisiert wird, werden die Deutschen irrational, wenn ihre Rolle als Exportweltmeister infrage gestellt wird. Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass diese allein der Lohn ihres Fleisses ist, und lehnen jede Diskussion an ihrem Modell ab.

Geiz-ist-geil-Mentalität

Doch inzwischen wird die Kritik am deutschen Exportwahn nicht nur lauter, sie wird auch an bisher ungewohnter Stelle geäussert. Auf der in der Regel erzkonservativen Meinungsseite des «Wall Street Journal» wurde Deutschland kürzlich dafür gerügt, dass es Investitionen in die eigene Infrastruktur und die Bildung zugunsten der Exporte jahrelang vernachlässigt hat. «Indem sie sich selbst aushungern, hungern die Deutschen auch ihre Nachbarn aus», stellte das Blatt fest und forderte höhere Löhne für den Mittelstand. Auch der «Economist» hat die deutsche Geiz-ist-geil-Mentalität kürzlich in einer Titelstory aufgegriffen, verbunden mit der Aufforderung, endlich nicht nur Worte, sondern auch Taten für eine wachstumsfördernde Europapolitik zu liefern.

An Deutschland jedoch prallt diese Kritik ab. So wendet sich etwa der einflussreiche Ökonom Hans-Werner Sinn in seinem kürzlich veröffentlichten Pamphlet «Verspielt nicht eure Zukunft!» gegen jede Form von Lohnerhöhung und Mindestlöhnen. Wer solches im Schilde führe, schreibt Sinn, «gefährdet den Niedriglohnsektor, der Deutschland in den letzten Jahren so viel wirtschaftliche Dynamik gebracht hat». Es lebe die Sklaverei!

Erstellt: 24.06.2013, 12:32 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Artikel zum Thema

Shitstorm nach Schock-Dokumentation

Schlecht bezahlte Wanderarbeiter, die von rechtsradikalen Sicherheitskräften bewacht werden: Im Internet wird nach einer ARD-Reportage zum Amazon-Boykott aufgerufen. Mehr...

Amazon kündigt umstrittenem Sicherheitsdienst

Eine Reportage über die Arbeitsbedingungen in einem Logistikzentrum von Amazon sorgte letzte Woche für heftige Diskussionen. Als Reaktion hat die Firma nun die Kooperation mit mehreren Unternehmen beendet. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...