Deutsche verschärfen die Lage der Griechen

Auch nach dem offiziellen Hilferuf Griechenlands entwickeln sich die Märkte dramatisch gegen das Land. Die Deutschen zieren sich weiter. Aus eigenen Interessen werden sie am Ende dennoch helfen.

Christo Komarnitski/Cagle

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Ein Aspekt der griechischen Tragödie besteht darin, dass immer dann, wenn sich die Lage eigentlich entspannen sollte, die Katastrophe noch grösser wird. So war es, als die anderen Länder des Euroraums erstmals, wenn auch noch unkonkret, Hilfe zugesagt hatten. So war es, als sie etwas konkreter wurden und so war es erneut, als am letzten Mittwoch bereits eine Delegation der EU und des Internationalen Währungsfonds in Athen um die Zahlungsmodalitäten zu verhandeln begann. Nach einer nur kurzen Beruhigung an den Märkten stiegen die Kosten für die griechische Verschuldung auf neue Rekordwerte.

Die Griechen wollten die Märkte damit beruhigen, indem sie bisher erklärt haben, die Hilfe gar nicht nachzufragen. Am Freitag haben sie diese Haltung aufgegeben und doch um Unterstützung ersucht. Jetzt, so hätte man meinen können, müsste auf den Märkten endlich Ruhe einkehren, denn die EU-Länder haben im Prinzip ja bereits erklärt, die aktuell dringend benötigten Mittel zu sprechen.

Die deutsche Reaktion verschärft die Lage

Doch auch diesmal hat sich das Drama in der gewohnten Art fortgesetzt. Die Schuldzinsen stiegen weiter an und die CDS-Prämien zur Absicherung fünfjähriger Anleihen haben mittlerweile die gigantische Höhe von 7,13 Prozent erreicht. Das impliziert, dass auf den Märkten eher mit einem Staatsbankrott von Griechenland gerechnet wird, als beim ebenfalls krisengeschüttelten Landes Pakistan. Nur die Schulden von Venezuela unter dem eigenwilligen Hugo Chavez und von Argentinien – das noch immer unter der Staatspleite von 2001 leidet, müssen noch teurer versichert werden. Der Marktzins zweijähriger Anleihen beträgt noch immer mehr als 10 Prozent.

Als wichtigste Ursache für die neuerliche Verschärfung der Krise gilt laut der internationalen Finanzpresse die Reaktion der Deutschen. In Deutschland sind Finanzspritzen für Griechenland extrem unbeliebt. Immerhin haben die Griechen ihr Schlamassel selbst verursacht und wie alle anderen Länder auch haben die Deutschen schon selbst genug Finanzprobleme. Doch sie müssten nach dem Verteilschlüssel der Hilfe den Hauptharst des Kredits an Griechenland bezahlen: 8,4 Milliarden Euro.

Griechenlandhilfe als politischer Selbstmord

Wie wohl alle haben auch die Deutschen bisher vor allem darauf gehofft, dass die Zahlung gar nicht nötig wird und allein die Hilfszusage die Risikozuschläge für Griechenland zum sinken bringt. Doch an den Märkten hat man das durchschaut, ebenso die Klausel, dass bei einer konkreten Hilfe jedes Land ein Vetorecht hat. Jetzt steht die Sorge im Raum, dass die Deutschen darauf zurückkommen könnten. Die Regierung unter Angela Merkel ist angeschlagen und es stehen wichtige Wahlen an. Wenn sie, die bis vor kurzem Zahlungen noch kategorisch abgelehnt hat, nun doch für die Griechen in die Tasche greift, könnte ihre Partei dafür an der Urne abgestraft werden.

Erschwert wird die Unterstützung für die Griechen zusätzlich dadurch, dass die deutsche Regierung Gelder nur genügend rasch zur Auszahlung bringen kann, wenn alle Parteien sich für die Unterstützung aussprechen. Angesichts der kommenden Wahlen will sich damit aber auch da niemand die Finger verbrennen. Die damit einhergehende Unsicherheit zum Zeitpunkt der Hilfszahlungen führen zu weiter steigenden Risikozuschlägen für die Griechen.

Ein zweiter Fall «Lehman Brothers»

Dennoch wird auch Deutschland am Ende nachgeben. Heute Nachmittag hat Kanzlerin Angela Merkel erklärt, ihr Land werde zahlen, wenn die Griechen bereit seien, «auch harte Massnahmen zu akzeptieren und nicht nur für ein Jahr, sondern für mehrere Jahre.» Bis zum Wochenende soll für Griechenland ein Sparprogramm stehen. Bis zum 7. Mai sollte dann der Bundesrat und der Bundestag über das Paket abstimmen können. Am 19. Mai muss Griechenland über eine nächste Anleihe Geld aufnehmen. Eine weitere Verzögerung wäre für das Land daher gefährlich. Deshalb stehen die Deutschen auch unter Druck des IWF und anderer europäischer Regierungen.

Die Deutschen zahlen am Ende weder wegen diesem Druck, noch aus Nächstenliebe, sondern vielmehr, weil die Rechnung sonst noch teurer ausfallen könnte. Ein Staatsbankrott der Griechen hätte in Europa mit grosser Wahrscheinlichkeit eine weitere Bankenkrise zur Folge. Zwischen 62 und 121 Milliarden Euro soll der Anteil der griechischen Schulden sein, der laut dem britischen Finanzblatt «Economist» in den Händen von Banken der Eurozone liegt. Bei Banken insgesamt könnten es bis zu 207 Milliarden sein. Die Bilanzen der Finanzhäuser haben sich noch immer nicht ganz von der Krise erholt. Der Deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sprach bereits von einem «zweiten Fall Lehman Brothers», wenn der Balkanstaat tatsächlich seine Schulden nicht mehr bedient. Der Konkurs dieser Investmentbank markierte den Höhepunkt der Finanzkrise.

Die Gefahr einer selbst erfüllenden Prophezeiung

Die griechischen Schulden allein sind aus globaler Sicht nicht gross genug, um bei einem Konkurs eine weltweite Krise zu provozieren. Doch Griechenland könnte wie der Lehman-Zusammenbruch bereits vorhandene Ängste bestätigen, in diesem Fall, dass eine Reihe von Staaten ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können. Das würde auch für andere Länder die Schuldenkosten massiv erhöhen, bei Portugal sind sie in den letzten Tagen bereits angestiegen. Die Prophezeiung, dass Griechenland der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Staatsbankrotten werden wird, könnte sich so selbst bestätigen.

Erstellt: 26.04.2010, 17:37 Uhr

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