Deutschland im Strudel der Eurokrise

Führende deutsche Ökonomen warnen vor einer Rezessionsgefahr und einem stagnierenden Arbeitsmarkt. Trotz sprudelnder Steuereinnahmen hat der Schuldenberg des Staates einen neuen Höchststand erreicht.

Jüngst verzeichnete die deutsche Autoindustrie noch einen Zuwachs: Verhüllte Wagen an der der Hamburger Automesse IAA. (17. September 2012)

Jüngst verzeichnete die deutsche Autoindustrie noch einen Zuwachs: Verhüllte Wagen an der der Hamburger Automesse IAA. (17. September 2012) Bild: Reuters

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Führende Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für Deutschland fürs nächste Jahr halbiert. «Die Eurokrise hat auch die deutsche Wirtschaft erfasst», sagte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft am Donnerstag in Berlin bei der Präsentation des Herbstgutachtens der Wirtschaftsforscher. Sollte sich demnach die Lage im Euroraum zuspitzen, stünde auch deutschen Betrieben eine Flaute ins Haus.

Im Vergleich zu ihrem letzten Gutachten vom April senkten die Ökonomen ihre Prognosen: Im laufenden Jahr werde die deutsche Wirtschaft um 0,8 Prozent wachsen. 2013 werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,0 Prozent zulegen, teilten die Institute mit. In ihrem Frühjahrsgutachten waren sie noch von einem Wachstum um 0,9 Prozent in diesem und sogar einem Plus von 2,0 Prozent im kommenden Jahr ausgegangen.

Arbeitslosenquote verharrt bei 6,8 Prozent

Am Arbeitsmarkt werde sich die Lage «kaum mehr verbessern», führte Scheide weiter aus. «Da aber Fachkräfte weiter gesucht sind», erwarteten die Institute, dass die Unternehmen ihre Mitarbeiter hielten. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte in beiden Jahren etwa bei 2,9 Millionen liegen – die Arbeitslosenquote stagniere bei 6,8 Prozent. Das Frühjahrsgutachten hatte einen Rückgang der Quote auf 6,6 Prozent für 2012 und auf 6,2 Prozent für 2013 vorhergesagt.

Die deutsche Wirtschaft sei «auch weiterhin eine Säule der Stabilität im Euroraum», kommentierte der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler das Gutachten. Aber auch die Bundesrepublik könne sich der Krise in den anderen Ländern und der weltweiten Konjunkturflaute nicht auf Dauer entziehen. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bezeichnete die geringeren Wachstumsaussichten als ein «Warnsignal» und verlangte daher Erleichterungen bei den Sozialabgaben.

Skepsis gegenüber EZB-Interventionen

Selbst ihre gedämpfteren Vorhersagen knüpften die Wirtschaftsforscher an die Bedingung, dass sich die Lage im Euroraum stabilisiert. «Diese Annahme ist keineswegs gesichert», gab Scheide zu bedenken. Sollte sich die Krise verschärfen, würde vor allem «die Nachfrage aus dem Euroraum sinken». Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte zum Mildern der Krise mehr Staatsanleihen kaufen, was wiederum die Inflation anfeuere, skizzierten die Forscher.

Vor allem bei einer Intervention der EZB hegen die Ökonomen Bedenken. Im September hatte Notenbank-Präsident Mario Draghi angekündigt, Krisenstaaten unter bestimmten Bedingungen unbegrenzt Anleihen abzukaufen. Dieses OMT genannte Programm beurteilten die Institute als «kritisch», sagte Scheide, weil es das Risiko berge, dass mittelfristig die Inflation zunehme.

Warnung vor Inflation

Durch Inflation – und eine dadurch hervorgerufene Entwertung der Schulden – sollten Staaten und Notenbank die Krise nicht lösen, mahnten die Wissenschaftler. Mit dem EZB-Vorhaben gerate ein «Grundpfeiler der Preisstabilität ins Wanken», sagte Scheide. Vor allem Griechenland sollten lieber weitere Schulden erlassen werden als eine Inflation zu provozieren.

Auch ohne OMT-Programm und trotz schwächerer Konjunktur bleibe die Teuerungsrate relativ hoch. Für 2012 erwarten die Forscher eine Teuerung um 2,0 Prozent, für 2013 um 2,1 Prozent. Derzeit bewegt sich die Inflation in diesem Bereich: Im September stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,0 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Im August hatte die Inflationsrate bei 2,1 Prozent gelegen.

2,082 Billionen Euro Schulden

Der Deutsche Schuldenberg wächst trotz stetiger Sparbemühungen weiter. Zum Ende des zweiten Quartals 2012 waren Bund, Länder und Gemeinden und ihre Extrahaushalte mit 2,082 Billionen Euro verschuldet, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden unter Berufung auf vorläufige Ergebnisse mitteilte. Das waren 3,0 Prozent oder 61,3 Milliarden Euro mehr als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Gegenüber März diesen Jahres erhöhte sich der Schuldenstand des öffentlichen Gesamthaushalts um 2,0 Prozent oder 40,4 Milliarden Euro.

Einen Anstieg der Schuldenlast verzeichneten demnach zum Stichtag 30. Juni 2012 vor allem die Bundesländer: Sie waren mit mit 643,1 Milliarden Euro verschuldet, ein Zuwachs von 6,2 Prozent oder 37,7 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Schulden des Bundes stiegen gegenüber dem Vorjahresquartal um 1,5 Prozent auf 1,306 Billionen Euro. Ein Grossteil der Zunahme bei den Ländern ist laut Statistischem Bundesamt auf einen Anstieg der Verschuldung bei der Ersten Abwicklungsanstalt (EAA) zurückzuführen, die für die Umstrukturierung der ehemaligen WestLB zuständig ist.

Die Quartalsberechnungen der Statistiker beziehen sich auf die Kern- und Extrahaushalte von Bund, Ländern und Gemeinden und umfassen Kreditmarktschulden und Kassenkredite. Die Schulden der kommunalen Zweckverbände sowie der Sozialversicherung sind in der vierteljährlichen Schuldenstatistik nicht enthalten. (rub/AFP)

Erstellt: 11.10.2012, 16:39 Uhr

Forscher: Griechenland nicht zu retten

Griechenland braucht nach Einschätzung von deutschen Wirtschaftsforschern einen zweiten Schuldenschnitt und der Euroraum die Möglichkeit einer geordneten Staatsinsolvenz. «Wir vermuten, dass Griechenland nicht zu retten ist», sagte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des Herbstgutachtens der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Trotz des Schuldenschnitts von etwa 100 Milliarden Euro sei bereits im Frühjahr klar gewesen, dass das Land trotz struktureller Reformen insolvent ist, sagte Kai Carstensen vom Ifo-Institut in München.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, plädierte in Tokio dagegen dafür, Athen zwei Jahre länger zu geben, damit es sein Konsolidierungsprogramm angehen könne. (dapd)

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