Hintergrund

Deutschlands Neat-Zufahrt kommt ins Rollen

Grünes Licht für den zweitlängsten Tunnel der Rheintalbahn. Bundesbern wertet die Entwicklung als «wichtig», die Deutsche Bahn sieht darin einen «Durchbruch».

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Weit über 20 Milliarden Franken wird die Schweiz bis Ende dieses Jahrzehnts in die Neat-Projekte gesteckt haben, damit Nord- und Südeuropa noch schneller Personen und Güter hin- und herbewegen können. Das ist ein Kraftakt sondergleichen. Umso ärgerlicher, wenn der Ausbau der Anschlussstrecken in Deutschland und Italien dannzumal nicht bereit sein wird. Lange sah es so aus, als ob sowohl im Norden als auch im Süden eine Verschleppung der entsprechenden Projekte die Bemühungen der Schweiz ins Leere laufen liesse.

Doch nun kommt Bewegung in die Sache: Am Freitag haben Berlin und die Deutsche Bahn grünes Licht gegeben für ein 16 Kilometer langes Teilstück südlich von Karlsruhe. Kostenpunkt: Umgerechnet gut 800 Millionen Franken. Zentral dabei ist der Rastatter Tunnel. Michael Baufeld, Pressesprecher der Deutschen Bahn, wertet die jüngste Entscheidung als äusserst wichtig: «Der Ausbau des Rastatter Tunnels beseitigt einen Flaschenhals der Rheintalbahn. Er erweitert die Kapazitäten. Dieser Schritt ist ein Durchbruch.» Positiv drückt sich auch Andreas Windlinger vom Bundesamt für Verkehr aus: «Den jüngsten Entscheid zum Ausbau eines weiteren Teilabschnitts der Rheintalbahn werten wir als wichtig. Er zeigt uns auch, dass es Deutschland ernst meint mit dem Ausbau der Rheintalbahn auf vier Spuren.» Rastatt mit seinen knapp 50'000 Einwohnern wird damit künftig vom Bahnverkehr befreit.

Längster Tunnel der Rheintalbahn geht 2012 in Betrieb

Ein Verkehr, der es in sich hat: Die Rheintalbahn ist Teil des wichtigen europäischen Bahnkorridors zwischen Rotterdam und Genua. Die Bahnlinie im Rheintal soll auf vier Spuren ausgebaut werden. Personen- und Güterverkehr dürften in den nächsten 20 Jahren massiv zunehmen. Alle paar Minuten wird Güterverkehr durch Ortschaften rauschen. Kein Wunder, erhob sich Widerstand. Weit über 100'000 Einsprachen legten Teilabschnitte teilweise lahm und drohten das Ziel des Gesamtprojekts um Jahre zu verschleppen.

Die Zeichen mehren sich nun aber, dass es doch vorwärtsgeht. Nicht nur wurde die Finanzierung des Rastatter Abschnitts freigegeben, bereits im Frühling hatte man sich auf die Umfahrung von Freiburg geeinigt, zumindest der Güterzüge. Erreicht wurde der Konsens vom sogenannten Projektbeirat, dem Gremium mit allen wichtigen Entscheidungsträgern inklusive Bürgerbewegungen. Und noch dieses Jahr werden zwei weitere wichtige Rheintalbahn-Projekte in Betrieb genommen: der mit knapp 10 Kilometern längste Tunnel durch den Katzenberg zwischen Basel und Freiburg sowie die zweite Rheinbrücke bei Basel.

Wie weiter in Offenburg?

Die jüngsten Schritte sind zwar erfreulich, dennoch ist auch auf deutscher Seite noch einiges zu tun – insbesondere auf dem mittleren Abschnitt zwischen Offenburg und Freiburg. Teilweise streitet man noch immer über die Linienführung. Baufeld von der Deutschen Bahn sagt es so: «Im Bereich Offenburg–Freiburg sind wir noch ein Stück von der Realisierung auf vier Spuren entfernt. Die Frage ist, ob Güterzüge durch die Stadt oder durch einen Tunnel geleitet werden.» Mit dem Tunnel-Entscheid für Rastatt dürften die Befürworter einer Lösung «unter Tag» wohl wieder Auftrieb erhalten. Am Schluss ist es eine Frage des Preises.

Auf Schweizer Seite will man am Gotthard bald bereit sein. Bereits Ende 2016 sollen die ersten Züge durch den neuen Basistunnel fahren. Mit der Fertigstellung des Ceneri-Basistunnels wird für 2019 gerechnet. Erst der Ceneri macht die Strecke durch die Schweiz zur richtigen Flachbahn.

«2022 ist früh genug»

Deutschland wird trotz der jüngsten Vorwärtsbewegung noch länger brauchen. Der Rastatter Tunnel zum Beispiel soll 2022 in Betrieb gehen. Baufeld von der Deutschen Bahn mag keinen Termin für den Vollausbau der Rheintalbahn auf vier Spuren nennen. Er sagt: «Das hängt im Wesentlichen von der Entwicklung in Offenburg ab.» Windlinger vom Bundesamt für Verkehr gibt sich dennoch zufrieden: «Der Ausbau der Neat-Zufahrtsstrecken in Deutschland erfolgt terminlich zwar nicht so rasch wie einst geplant. Für uns wichtig ist allerdings, dass die Strecken bereit sind, wenn man sie braucht. 2022 ist früh genug.» Der Markt müsse sich ja auch auf die neuen Gegebenheiten einstellen, und «das geschieht nicht von heute auf morgen».

Erstellt: 27.08.2012, 17:03 Uhr

Ausbau der Rheintalbahn

Geplant ist, die Strecke Karlsruhe–Basel von zwei auf vier Gleise zu auszubauen. Die Strecke ist 182 Kilometer lang und soll bis 2020 fertig sein. Bislang ist man in Berlin von 5,7 Milliarden Euro Baukosten ausgegangen. Das Projekt ist allerdings umstritten. Kritiker fordern teilweise eine andere Streckenführung sowie mehr Lärmschutz und Tunnel. Es wird zu Mehrkosten kommen. Deutschland hat sich im Staatsvertrag von Lugano 1996 verpflichtet, die Schienenverbindung zwischen Karlsruhe und Basel auszubauen. Die Strecke ist Teil des europäischen Schienenkorridors Rotterdam–Genua.

Die Rheintalbahn: Karlsruhe - Basel

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