Die 3-Prozent-Schwelle und ihre Magie

Die Zinssätze in den USA könnten diese Woche den Aktienkursen weltweit erheblich zusetzen.

Treibt der Chef des US-Notenbank, Jerome Powell, die Anleihenrenditen in den USA weiter nach oben?

Treibt der Chef des US-Notenbank, Jerome Powell, die Anleihenrenditen in den USA weiter nach oben? Bild: Joshua Roberts/Reuters

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Werden sich die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen auf Dauer über der Marke von 3 Prozent halten können? Dies ist derzeit eine der Kernfragen, mit denen sich Analysten und Fondsmanager beschäftigen, nachdem der besagte Zinssatz zu Beginn der letzten Woche kurzzeitig über diesen Schwellenwert gesprungen und damit auf den höchsten Stand seit vier Jahren geklettert ist. Natürlich haben solche «runden» Wegmarken stets etwas Zufälliges und Willkürliches an sich, weshalb sie mit einer gewissen Vorsicht zu würdigen sind.

In diesem Fall ist das Niveau von 3,05 Prozent von noch grösserem Gewicht. Würde die Zehnjahresrendite von US-Staatspapieren über diesen Wert steigen – der Anfang 2014 während kurzer Zeit verzeichnet wurde –, so wäre dies der höchste seit sieben Jahren. Es wäre zum Beispiel das erste Mal, dass ein solches Renditeniveau erreicht würde, seit die Ratingagentur Standard & Poor's im August 2011 der Kreditwürdigkeit der USA die Bestnote AAA entzogen hat.

Wie lange reicht die Risikoprämie bei Aktien noch?

Doch weitaus wichtiger als die Statistik ist selbstredend die Signalwirkung, die von einem derartigen Renditeanstieg für US-Schulden ausgeht: Für etliche Grossinvestoren wie Pensionsfonds stellt sich dann die Frage, ob die zusätzliche Rendite, die sie mit Aktienanlagen erzielen können – also die Risikoprämie – noch ausreichend gross ist. Je höher die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen steigen, desto mehr schrumpft tendenziell diese Risikoprämie – und desto mehr sind Investoren geneigt, ihre Portefeuilles von den risikoträchtigeren Aktien in (relativ) sichere Staatstitel umzuschichten.

Hinzu kommt, dass Aktien nach ihrem über achtjährigen Aufwärtszyklus laut den meisten gängigen Kriterien als überaus hoch bewertet gelten. Wer die damit verbundenen Risiken in Kauf nimmt, muss schon ziemlich viel Zuversicht in die künftige Gewinnentwicklung der Unternehmen haben.

In einem solchen Umfeld nehmen die Kursschwankungen an den Aktienmärkten entsprechend zu, was wir in den zurückliegenden Wochen und Monaten bereits erleben konnten. Auslöser für die weltweiten Börsenturbulenzen von Anfang Februar waren schon damals aufkeimende Ängste, die zehnjährige Rendite von Staatspapieren der USA würden die 3-Prozent-Marke erklimmen. Auch am vergangenen Dienstag reagierte der US-Aktienmarkt mit einem Taucher auf den neuerlichen «Angriff» auf die magischen 3 Prozent.

Welches sind kurzfristig die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Renditen der US-Staatsanleihen? Im Fokus der Beobachter steht die morgen Dienstag beginnende zweitägige geldpolitische Sitzung der US-Notenbank, auch wenn die meisten von ihnen keine weitere Leitzinserhöhung erwarten. Sollten sie aber im Schlusscommuniqué der Währungshüter auf Hinweise stossen, die stärkere Inflationsbefürchtungen für die USA erkennen lassen, dürfte dies den Anleihenrenditen Auftrieb verleihen.

Denn damit könnte die Notenbank signalisieren, dass sie die Zinsen im Laufe dieses und des nächsten Jahres rascher anheben wird als bislang erwartet. Die Beobachter gehen mehrheitlich immer noch von zwei weiteren Zinsschritten bis Ende 2018 aus; in einem solchen Szenario würde der Leitzins dannzumal in einer Bandbreite von 2 bis 2,25 Prozent liegen.

Lohnentwicklung unter verstärkter Beobachtung

Nicht minder stark beachtet wird der am Freitag erwartete April-Bericht vom amerikanischen Arbeitsmarkt. Für einmal dürfte es dabei weniger um die Schaffung neuer Stellen und die Arbeitslosenrate gehen als vielmehr darum, wie stark sich die Stundenlöhne im Vergleich zum Vormonat verändert haben.

Falls sich die immer stärkere Verknappung an Arbeitskräften in beschleunigten Lohnzuwächsen widerspiegeln sollte, dürfte auch dies Spuren am US-Anleihenmarkt hinterlassen: Anhand der Lohnentwicklung werden die Marktakteure Rückschlüsse auf den Inflationsverlauf und den geldpolitischen Kurs der US-Notenbank ziehen. Überraschende Ausschläge bei den Teuerungsraten – in die eine wie die andere Richtung – gelten denn auch bei Beobachtern als die naheliegendste Ursache für markante Renditebewegungen bei US-Staatsanleihen.

Weniger klar ist der Einfluss des Ölpreises auf Anleihenrenditen und Geldpolitik. Mit rund 75 Dollar je Fass haben sich die Notierungen für die Sorte Brent in den letzten zwölf Monaten um rund 45 Prozent und allein seit Anfang April um etwa 10 Prozent verteuert. Laut einem im vergangenen Jahr vom Internationalen Währungsfonds (IWF) vorgelegten Papier führt ein 10-prozentiger Ölpreisanstieg kurzfristig, das heisst im gleichen Jahr, zu einer Erhöhung der Inflationsrate um 0,4 Prozentpunkte; doch nach zwei Jahren ist der Effekt wieder verschwunden.

Dieses Muster lässt sich nach Aussage des IWF sowohl in fortgeschrittenen als auch in aufstrebenden Ländern beobachten. Vor diesem Hintergrund ist kaum anzunehmen, dass der Ölpreis den US-Anleihenmarkt nachhaltig zu beeinflussen vermag – es sei denn, dass die Notierungen im bisherigen Tempo steigen oder gar noch an Fahrt gewinnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2018, 21:23 Uhr

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