«Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz steigt wohl weiter»

Der Stellenabbau in der Schweizer Wirtschaft geht vorerst weiter: Das vermutet der Berner Volkswirtschaftsprofessor Aymo Brunetti. Erst Mitte 2013 dürfte die Konjunktur wieder anziehen – sofern sich Europa stabilisiert.

Analysiert die Wirtschaftslage: Professor Aymo Brunetti von der Universität Bern.

Analysiert die Wirtschaftslage: Professor Aymo Brunetti von der Universität Bern. Bild: Stefan Anderegg

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Herr Brunetti, die Liste der Schweizer Unternehmen, die Stellen abbauen, ist lang: Allein bei der UBS sind es 2500 Jobs in der Schweiz. Auch die Swisscom oder die Chemiewerke Lonza entlassen Personal. Muss man sich Sorgen machen?
Aymo Brunetti: Natürlich sind solche Ankündigungen nicht erfreulich. Aber das Ganze ist zu relativieren, weil es beim Aufbau neuer Stellen meist keine Nachrichten gibt. In einer Abschwungphase wie jetzt häufen sich dann die Negativmeldungen. Insgesamt ist die Beschäftigung in der Schweiz nach wie vor am Steigen. Es werden seit langem mehr neue Stellen geschaffen, als welche verschwinden. Der schweizerische Arbeitsmarkt ist sehr effizient.

Die aktuelle Arbeitslosenquote im Oktober beträgt 2,9 Prozent – gegenüber dem Vorjahresmonat eine Zunahme um mehr als 10000 Arbeitslose. Das klingt nach viel.
Die konjunkturelle Situation ist heute schlechter als vor einem Jahr. Auch die Aussichten sind nicht gut. Das wird die Arbeitslosigkeit abermals erhöhen.

Das heisst, wir haben die Talsohle noch nicht durchschritten.
Nein, wir stehen mitten in einem spürbaren Abschwung. Der zentrale Indikator ist immer der Zustand unserer wichtigsten Handelspartner. Und mit Ausnahme von Deutschland sind diese im Moment nicht gut aufgestellt. Die nächsten Monate werden für die Schweizer Wirtschaft nicht einfach.

Können Sie Zahlen nennen?
Es gibt verschiedene Prognosen. Ich gehe davon aus, dass für 2013 eine Arbeitslosenquote von 3,3 bis 3,4 Prozent im Jahresdurchschnitt plausibel ist.

Wann rechnen Sie mit einer Erholung?
Viele Prognosen gehen davon aus, dass die Konjunktur ab Mitte 2013 wieder besser wird. Und mit einer gewissen Verzögerung wird in der Folge auch die Arbeitslosigkeit wieder sinken. Das ändert aber nichts daran, dass in den nächsten paar Monaten die Arbeitslosenzahlen vorerst steigen dürften.

Trotz des starken Frankens geht es der Schweizer Exportindustrie besser als erwartet. Warum?
Es gab Zeiten, da sagte man, wenn der Franken unter 1.50 falle, gebe es Probleme. Inzwischen ist der Franken bei 1.20. Das zeigt, dass die Schweizer Exportwirtschaft sehr wettbewerbsfähig ist. Und es zeigt auch, dass in vielen Bereichen die Margen beim früheren Wechselkurs sehr gut gewesen waren.

Vor einem Jahr war von Konjunkturspritzen für die Export-Industrie die Rede. Hat man also auf Vorrat gejammert?
Nein, das war damals eine echte Besorgnis der Exportindustrie. Und es ist immer noch eine. Wir haben die Talsohle noch nicht durchschritten. Wahrscheinlich wird es einen weiteren Abbau geben in gewissen Bereichen. Aber die wichtigste Massnahme hat die Nationalbank mit der Stützung des Wechselkurses bereits getroffen. Alles andere, auch Konjunkturprogramme, hielt ich damals und halte ich auch heute für wenig sinnvoll.

Irgendwann muss diese Stützung aber wegfallen.
Die Frage stellt sich im Moment nicht. Aber für die nächsten zwei bis drei Jahre muss man sich das sicher überlegen.

Welche Branchen sind vor allem von einer höheren Arbeitslosigkeit betroffen?
Das ist schwierig, generell zu beantworten. Grundsätzlich haben wir eine Kombination aus einem Wechselkursschock und einer schlechten Auslandkonjunktur. Demzufolge sind exportorientierte Unternehmen und hier vor allem der Tourismus wohl am stärksten betroffen.

Schlittert die Schweiz gar in eine Rezession?
Ausschliessen kann man das nie. Aber die aktuell verfügbaren Indikatoren deuten nicht darauf hin. Das heisst nicht, dass es nicht passieren kann. Insbesondere wegen gewisser Risiken.

Woran denken Sie?
Das absolut grösste mittelfristige Risiko für die Schweiz ist Europa. Einige europäische Länder dürften zwar eine längere Rezession durchlaufen, aber ein neues schweres Ausbrechen der Eurokrise ist in den nächsten Monaten nicht zu erwarten. Seit September hat sich die Situation beruhigt, weil die Europäische Zentralbank unter gewissen Bedingungen unbeschränkte Unterstützung für krisengeschüttelte Staaten wie Spanien zugesichert hat. Die Frage wird nun sein, ob es Europa schafft, mittelfristig eine glaubwürdige Reformpolitik für die Staatsfinanzen und die Wettbewerbsfähigkeit auf die Beine zu stellen. Wenn nicht, ist die Gefahr einer Verschärfung der Krise rasch wieder da.

Labil sind auch die USA.
Die USA stehen vor einem sehr starken Schuldenabbau, privat und auch staatlich. Für die nächsten paar Jahre gehe ich nicht davon aus, dass die USA zur Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft werden.

Auch der chinesische Wirtschaftsmotor könnte ins Stottern geraten.
China ist als Handelspartner für die Schweiz insgesamt noch eher unbedeutend. Für die Konjunkturentwicklung in der Schweiz ist Europa viel zentraler. Aber natürlich ist zu hoffen, dass die Wachstumsraten in China nicht einbrechen. Denn gewisse Branchen sind stark in dem Land exponiert, und die Schweiz ist zudem Handelspartner von zahlreichen Ländern, die eng mit China verflochten sind.

Angesichts der düsteren Szenarien für Europa und die USA müsste die Schweiz auf China setzen.
Wichtig ist beides, China bringt neue Chancen. Aber Europa wird immer der wichtigste Handelspartner der Schweiz bleiben, auch wenn China noch so stark wächst.

Was ist denn nun die grösste Gefahr für die Schweiz?
Das Horrorszenario eine europäische Bankenkrise. Das würde auch die Schweiz massiv treffen.

Und für den Arbeitsmarkt?
Die Schweiz hat einen aussergewöhnlich gut funktionierenden Arbeitsmarkt. Die Erwerbsquote ist unglaublich hoch, in kaum einem anderen Land arbeiten prozentual so viele Leute. Das ist in erster Linie auf den liberalen Arbeitsmarkt mit sozialer Abstützung zurückzuführen. Wir müssen aufpassen, dass wir diesen Vorteil nicht aufgeben.

Woran denken Sie?
An politische Ideen, die vordergründig gut klingen: die Initiative für einen generellen gesetzlichen Mindestlohn, Forderungen nach einer Verkürzung der Arbeitszeiten oder die 1:12-Initiative. Solche Anpassungen würden dem Arbeitsmarkt schaden. Man muss sich bewusst sein, dass der Arbeitsmarkt für die Schweizer Wirtschaft einen Riesenvorteil darstellt.

Ein Detail zu den Arbeitslosenzahlen: In Genf und Zürich sind sie höher als in Bern. So schlecht steht es also nicht um Bern.
Ja, natürlich. Gerade im internationalen Vergleich hat Bern einen sehr guten Wirtschaftsstandort. Die Schweizer Kantone spielen, was die Qualität des Arbeitsmarktes betrifft, in der Champions League – und die Vergleiche zwischen Kantonen finden auch auf diesem Niveau statt.

Erstellt: 09.11.2012, 12:19 Uhr

Quelle: Seco (Bild: Grafik Daniel Barben)

Zur Person

Aymo Brunetti (49) ist Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie an der Universität Bern. Davor war er Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft Seco.

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