Die Bitcoin-Blase und der Vergleich mit dem Lehman-Crash

Die Preisentwicklung der Kryptowährung weckt Ängste vor einer Entwicklung, wie wir sie in der Finanzkrise gesehen haben. Was ist davon zu halten?

Nobelpreisträger warnen vor dem Bitcoin-Hype. (Video: Reuters)

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Ist die Kursentwicklung bei Bitcoin ein Risiko für die Gesamtwirtschaft? Droht eine Finanzkrise wie im Jahr 2008, als die Lehman-Pleite Panikwellen durch die Märkte schickte? Auch dieses bis heute nachwirkende Ereignis wurde letztlich durch das Platzen einer gewaltigen Preisblase ausgelöst. Der gigantische Kursanstieg der Kryptowährung Bitcoin, der von extremen Schwankungen dieses Preises begleitet wird, verweist ebenfalls auf eine Preisblase. In dieser Hinsicht sind sich selbst Experten einig, die sonst wenig eint.

Bisher ist die Preisentwicklung von Bitcoin vor allem ein sehr hohes Risiko für jene, die in diese Kryptowährung investieren. Sie können so lange hohe Gewinne machen, wie sich neue Käufer finden, die noch höhere Preise zu zahlen bereit sind, weil jene entweder an eine Wunderstory glauben oder einfach darauf setzen, nicht die Letzten zu sein, bevor die Ernüchterung eintritt. Im schlimmsten Fall droht ihnen aber der Totalverlust des investierten Geldes, denn Bitoin hat weder einen fundamentalen inneren Wert wie andere Anlageprodukte noch kann die Kryptowährung angesichts dieser Kursentwicklung als Geld funktionieren.

Das ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Risiko, dass die Entwicklung des Bitcoin-Preises das gesamte Finanzsystem und damit die Wirtschaft insgesamt destabilisieren könnte. Die folgenden vier Überlegungen machen klar, warum dieses Risiko vorerst eher gering ist bzw. was es braucht, damit sich das ändert.

  • Vermengung mit der Realwirtschaft

Mit der Realwirtschaft hat Bitcoin relativ wenig zu tun. Gerade das ist aus Sicht des Gesamtsystems von Vorteil. Wenn eine Blase wie in der Finanzkrise Immobilien betrifft, dann verlieren viele Leute nach dem Platzen ihre Wohnung, weil sie überschuldet sind. Ganze Quartiere und auch Stadtteile können verelenden. Die Baubranche bricht wegen fehlender Aufträge ein. Auch bei einer platzenden Aktienblase können Unternehmen leiden, weil sich ihre Finanzierung verteuert, denn es wird für sie dann viel schwieriger, sich über Aktien Geld zu verschaffen. Eine ähnliche Wirkung hat das Platzen einer Anleihenblase, denn das führt zu stark steigenden Zinsen. Das ist beim Platzen der Bitcoin-Blase ein deutlich geringeres Risiko. Selbst das Zahlungssystem ist nicht gefährdet, weil Bitcoin für Zahlungen eh kaum genutzt wird (die Leute sitzen lieber auf dem Geld und warten auf die nächste Kurssteigerung) und weil jederzeit auf das gängige Zahlungssystem gewechselt werden kann. Der einzige Wirtschaftszweig, der gefährdet werden könnte, ist allenfalls der Schwarzmarkt, zum Beispiel mit dem Drogenhandel. Hier verhilft Bitcoin zu einer grösseren Anonymität.

  • Die Rolle der Banken

Besonders gefährlich sind Blasen, wenn das Finanzsystem darin verwickelt ist. Auch das ist bisher im Fall von Bitcoin kaum der Fall. Die grossen Banken bieten Kunden im besten Fall an, die Währung zu handeln, investieren aber kaum eigenes Geld. Das war bei jenen Blasen ganz anders, die letztlich zu einer Finanzkrise geführt haben. In der Krise von 2008 waren die Banken selbst stark in hochkomplexen Immobilienpapieren engagiert, die dann letztlich massiv an Wert verloren. Weil die Banken auch noch über eine sehr dünne Kapitaldecke verfügt haben, kamen sie dann selbst ins Wanken. Wenn die Banken gefährdet sind, sind das auch alle Kredit- und Zahlungsströme. Davon ist im Zusammenhang mit Bitcoin bisher wenig zu sehen. Der Chef und Gründer des Investmenthauses Interactive Brokers, Thomas Peterffy, hat aber recht, wenn er schon bei Anzeichen einer Vermengung des Bitcoin-Handels mit dem klassischen Finanzgeschäft vor den Risiken warnt. Konkret geht es um die Pläne der Börse von Chicago, Terminkontrakte auf Bitcoin aufzulegen. Damit besteht die Möglichkeit, dass Broker gefährdet werden, die auch mit gängigen und für die Finanzbranche insgesamt wichtigen Finanzprodukten handeln.

  • Die Rolle der Verschuldung

Blasen sind dann für die Realwirtschaft besonders gefährlich, wenn sie durch eine steigende Verschuldung getrieben werden. Am Vorabend der Finanzkrise haben die Leute sich immer stärker mit Hypotheken verschuldet, weil sie glaubten, diese seien durch immer höhere Immobilienpreise ohnehin stets gedeckt. Als aber die Preise eingebrochen sind, blieb nur noch die Verschuldung. Und weil sich diese nicht mehr finanzieren liess, mussten auch die Banken riesige Abschreiber auf den ausgegebenen Hypotheken vornehmen und froren die Kreditvergabe weitgehend ein. Gleichzeitig reduzierten die verschuldeten Haushalte ihren Konsum und die Unternehmen angesichts einbrechender Absätze die Investitionen. Das Ergebnis war dann die Krise der Realwirtschaft. Bisher zumindest gibt es keine Anzeichen, dass die Bitcoin-Investoren sich für ihr Engagement beim Finanzsektor hoch verschulden könnten – gerade weil man im Finanzektor gegenüber dieser Blase sehr skeptisch ist –, ganz anders als vor der Finanzkrise im Fall der Immobilienblase.

  • Die Rolle der Volumen

Damit es zu einer schweren Finanzkrise kommt, sind meist auch für die Gesamtwirtschaft relevante und damit sehr grosse Summen von Leuten, Unternehmen oder Banken in einer Blase engagiert. Der Kursanstieg von Bitcoin sagt aber wenig über die Volumen aus, die diesen Kurs treiben. Tatsächlich machen auch die Volumen im Bitcoin-Handel erst einen kleinen Bruchteil des Handels im Vergleich zu anderen Transaktionen im Finanzbereich aus.


Video: Die ersten Bitcoin-Milliardäre

Im Jahr 2013 kauften die Winklevoss-Zwillinge Bitcoins im Wert von 11 Millionen Dollar. (Video: Tamedia/Vizzr) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2017, 12:26 Uhr

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