«Die Börsen gleichen einem Schneebrett»

Der Einbruch der Aktienmärkte geht weiter. Vieles spricht dafür, dass die Abwärtskorrektur nicht so bald endet. Ein Experte begründet, warum.

Die Börsen verlieren von Japan bis USA – aus der negativen Spirale könnte sich eine Lawine entwickeln. (23. Oktober 2018)

Die Börsen verlieren von Japan bis USA – aus der negativen Spirale könnte sich eine Lawine entwickeln. (23. Oktober 2018) Bild: Richard Drew (AP)/Keystone

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Erneut fielen am Dienstag an allen grossen Börsenplätzen der Welt die Aktien. Bereits am Morgen schlossen der japanische Nikkei mit 2,7 Prozent und der Hang Seng in Hongkong um 3,1 Prozent im Minus. In Europa verlor der Euro Stoxx 50 1,3 Prozent und der Schweizer Leitindex SMI bis Tagesende 1,1 Prozent. Auch die US-Börsen tauchten wieder. Der S&P500 lag 1,6 Prozent im Minus, konnte bis zum Abend aber nochmals etwas zulegen und schloss mit einem Minus von 0,6 Prozent.

Im Oktober haben die europäischen und amerikanischen Börsen damit Verluste zwischen 6 und 9 Prozent verzeichnet. Der Schweizer Markt kam mit minus 3,5 Prozent noch verhältnismässig gut weg. Das liegt an seiner so genannt «defensiven» Ausrichtung. Denn hier dominieren mit den Pharmariesen Roche und Novartis und dem Nahrungsmittelgiganten Nestlé Unternehmen, deren Absatz weniger von wirtschaftlichen Entwicklung abhängig sind.

Tiefer liegender Grund

Für den erneuten weltweiten Kurszerfall wird eine Reihe von Gründen angeführt: die Angst vor einer Eskalation im Streit zwischen Italien und der EU wegen der Budgetpläne der italienischen Regierung, die Spannungen zwischen der Türkei und Saudiarabien wegen der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi, der vom US-Präsidenten losgetretene Handelskrieg und geopolitische Spannungen zwischen den USA und Russland, nachdem die Amerikaner gedroht haben, ein Abrüstungsabkommen zu kündigen.

Für Christian Gattiker, Leiter Aktienresearch der Bank Julius Bär, ist der Mix von schlechten Nachrichten zwar unmittelbarer Auslöser für die Börsenbewegungen, aber nicht der tiefer liegende Grund dafür: «Was der Korrektur an den Börsen zugrunde liegt, ist die Verknappung der Dollar-Liquidität», erklärt er. Der Dollar spielt als nach wie vor dominierende Weltreservewährung die Hauptrolle für die internationalen Kapitalmärkte. Als einzige der grossen Notenbanken der Welt ist jene der USA dabei, die überaus expansive Geldversorgung einzuschränken. «Erstmals seit dreissig Jahren könnte es zu einer strukturellen Zinswende kommen», sagt Gattiker.

Deutlich wurde die Liquiditätsverknappung bei den langfristigen Zinsen, gemessen an der Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen. Zu Monatsbeginn ist sie auf über 3,2 gestiegen. Mittlerweile sind sie als Folge der Flucht aus den riskanteren Aktien in Staatsanleihen wieder leicht gesunken.

Negative Spirale – Lawine droht

Die aktuelle Entwicklung an den Börsen ist für Christian Gattiker in diesem Zusammenhang Teil einer grösseren Korrekturphase. Er vergleicht sie mit einem Schneebrett, das die Liquiditätsverknappung ausgelöst hat: «Stresssymptome an den Märkten führen zu Korrekturen, die den Stress verstärken». Gattiker spricht von einer negativen Spirale. Darin könne sich durchaus auch eine Lawine entwickeln. «Selbst einen Crash kann niemand wirklich ausschliessen», sagt der Forschungschef von Julius Bär.

Grund dafür könnten selbstverstärkende Faktoren sein: etwa der Umstand, dass drei Viertel des Handels durch Computerprogramme getrieben wird und oft Regeln über Kauf oder Verkauf einer Aktie entscheiden. Fallen zum Beispiel die Kurse generell unter bestimmte Kurswerte oder in einem vorbestimmten Ausmass, können automatisch Verkaufsaufträge ausgelöst werden, die die Verluste erhöhen.

Auf eine drastische Verschlechterung der wirtschaftlichen Entwicklung lässt gemäss Gattiker allerdings wenig schliessen: «Aus Marktdaten abgeleitet liegt die Wahrscheinlichkeit einer kommenden globalen Rezession nur bei 10 bis 20 Prozent», erklärt der Forschungschef. Doch Gattiker macht mit Verweis auf die Wirtschaftsgeschichte auch klar, dass die Entwicklung an den Börsen sich auf die Realwirtschaft auswirken kann, was die aktuell noch relativ positiven Aussichten dort eintrüben würde, sollte es zu einem drastischen Einbruch der Börsenkurse kommen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.10.2018, 19:48 Uhr

Christian Gattiker, Leiter Research bei Julius Baer

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