Die Europäer sind die dümmeren Chinesen

Grossbritannien, Deutschland und Frankreich wollen den Gürtel enger schnallen und haben einschneidende Sparpakete geschnürt. Sie verärgern mit ihrer Sparwut die Amerikaner. Freuen wird es hingegen die Chinesen.

Die Amerikaner fürchten sich vor der europäischen Sparwut: Im schlimmsten Fall stürzt Europa die Weltwirtschaft in eine Depression.

Die Amerikaner fürchten sich vor der europäischen Sparwut: Im schlimmsten Fall stürzt Europa die Weltwirtschaft in eine Depression. Bild: Mike Keefe, The Denver Post/Cagle.com

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China hat am Wochenende verkündet, den Renminbi nicht mehr an den Dollar zu binden und damit eine Aufwertung seiner Währung in geordnetem Rahmen zuzulassen. Politisch gesehen war dies ein cleverer Schachzug. Die Regierung in Peking entschärft so einerseits die wachsende Kritik in den USA, die Exporte auf Kosten amerikanischer Jobs zu fördern. Gleichzeitig schiebt sie damit den schwarzen Peter Europa zu. Warum?

Die Weltwirtschaft ist aus dem Gleichgewicht geraten. Um die Balance wieder herzustellen, müssen vor allem die USA ihre Importe drosseln und ihre Exporte fördern. Daher hat Washington auch einen grossen Druck auf Peking aufgebaut, endlich den Renminbi aufzuwerten. Doch auch Europa erzielt mit den USA einen grossen Handelsüberschuss. Deshalb drängt Washington darauf, dass die Europäer mehr amerikanische Güter und Dienstleistungen importieren.

Daraus scheint aber nichts zu werden. Die neue konservative Regierung in London hat soeben ein drakonisches Sparprogramm verkündet und will damit bis ins Jahr 2016 die Verschuldung der öffentlichen Hand von 10,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) auf 1,1 BIP-Prozente drücken. Deutschland will zwischen 2011 und 2014 80 Milliarden Euro einsparen. Und nun stellt auch die französische Finanzministerin Christine Lagarde ein Sparprogramm in Aussicht, mit dem die Staatsschuld bis 2013 von derzeit acht BIP-Prozent auf unter drei Prozent gedrückt werden soll.

Auf Kollisionskurs mit den USA

Diese angekündigten Sparpläne stossen in Washington auf wenig Begeisterung, um es milde auszudrücken. Wie sollen die USA ihr Handelsdefizit abbauen, wenn die Europäer in eine kollektive Sparwut verfallen? Bereits vor Wochen ist Finanzminister Timothy Geithner deshalb nach London, Paris und Berlin gereist, um vor zu drastischen Sparplänen zu warnen. Auch Präsident Barack Obama hat Angela Merkel bereits gebeten, den Gürtel nicht zu eng zu schnallen. Bisher mit wenig Erfolg.

Die Sparwut bringt Europa nicht nur auf Kollisionskurs mit den USA. Ökonomisch gesehen ist es auch eine Dummheit auf Stelzen. Warum erklärt Martin Wolf in der «Financial Times» wie folgt: «Wenn, wie derzeit, die Volkswirtschaften, die von fragilen Finanzmärkten bedroht sind, mehr als die Hälfe der Weltwirtschaft ausmachen; wenn sich die dynamischste Wirtschaft der Welt – China – merkantilistisch verhält; wenn die Zinsen bei null Prozent liegen; wenn sich Privathaushalte und Unternehmen zurückhalten, dann ist die Vorstellung, sparen würde zu Wachstum führen, sehr heroisch…» (will heissen, dumm).

Fundamentales Missverständnis

Die Europäer sind im Begriff, die Fehler der 30er-Jahre zu wiederholen. Gibt es dazu logische Gründe? Nein, klagt Nobelpreisträger Paul Krugman in der «New York Times». «Entscheidend ist die Tatsache, dass sich die Anwälte des Sparens als Realisten darstellen, dass aber ihre Zahlen diese Position überhaupt nicht stützen. Es stimmt auch nicht, dass die Märkte diese Sparpolitik verlangen. Im Gegenteil, Deutschland kann immer noch zu tiefsten Zinsen Geld aufnehmen.»

Die um sich greifende Sparwut Europas beruht auf einem fundamentalen Missverständnis, nämlich, dass nicht genügend Kapital vorhanden sei und die verschreckten Investoren sich nach dem Griechenlandschock nach anderen Möglichkeiten umsehen würden. Das ist gleich doppelt falsch. Erstens reichen die Spargelder in den meisten europäischen Ländern locker aus, um die Defizite zu finanzieren. Zweitens wird die Entschuldung der Privathaushalte und der Unternehmen zu noch grösseren Sparüberschüssen führen. Und wenn sie dieses Geld nicht in die sprichwörtliche Matratze stopfen wollen: Wo bitte wollen es die Investoren anlegen, wenn sie Staatsanleihen von Ländern wie Deutschland oder Frankreich verschmähen?

Europas Wirtschaftspolitik ist im Begriff, einen schrecklichen Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und kann damit im schlimmsten Fall die Weltwirtschaft in eine Depression stürzen.

Erstellt: 23.06.2010, 12:43 Uhr

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