Die Griechen räumen Konten leer

Seit Ausbruch der Schuldenkrise haben griechische Sparer und Firmen massiv Kapital von ihren Konten abgezogen. Dies erinnert an den «Silent Bank Run» in Argentinien vor wenigen Jahren.

Rund 60 Milliarden Euro sind in den letzten zwei Jahren abgeflossen: Eine Frau an einem Bancomat in Athen.

Rund 60 Milliarden Euro sind in den letzten zwei Jahren abgeflossen: Eine Frau an einem Bancomat in Athen. Bild: Reuters

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Seit Anfang 2010 mussten Banken in Griechenland einen massiven Rückgang der Spar- und Termineinlagen hinnehmen. Die Verunsicherung und das Misstrauen gegenüber dem Finanzsystem des maroden Landes schlagen damit direkt auf die Kapitalisierung der Banken durch: Seit Ende 2009 haben die griechischen Sparer 25 Prozent ihrer Ersparnisse abgezogen – rund 60 Milliarden Euro.

Die Zahlen sprechen für sich: Anfang 2010 betrug das gesamte Volumen der Einlagen von Privaten und Unternehmen bei griechischen Banken laut «Spiegel online» noch 237,7 Milliarden Euro (knapp 294 Milliarden Franken). Bis August dieses Jahres seien 49 Milliarden Euro abgeflossen, im September und Oktober noch einmal knapp 14 Milliarden Euro.

Für den Zürcher Wirtschaftshistoriker und Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Blogger Tobias Straumann sind das eindeutige Zeichen – und sie stehen auf Sturm. «Das ist exakt dieselbe Entwicklung, die vor rund einem Jahrzehnt zum Bankrott Argentiniens geführt hat – einfach noch nicht so dramatisch.» Der Experte spricht von einem «Silent Bank Run».

«Der Geldhahn ist zu»

Was das bedeutet, machte unlängst auch Zentralbankchef Georgios Provopoulos neulich im Parlament vor der Wirtschaftskommission deutlich: «Unser Bankensystem verfügt nicht über den Spielraum, Wachstum zu finanzieren», zitiert ihn «Spiegel online». Das fehlende Vertrauen in das System wird so allmählich zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Aus Angst vor einem Zusammenbruch entziehen die Griechen ihren Banken die Mittel, die sie zur Gewährleistung der Liquidität der griechischen Volkswirtschaft dringend benötigen.

Zu spüren bekommen das Private genauso wie Unternehmen. «Die Banken haben den Geldhahn zugedreht», sagt Nikos Ikonomu, Journalist bei «Aggelioforos» der grössten Zeitung der Region Thessaloniki, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In den letzten zehn Jahren habe jeder für alles einen Kredit bekommen – jetzt erhalte nicht einmal mehr ein Darlehen, wer finanziell gut dastehe.

Panik am Bancomat

Die Entwicklung zeigt exemplarisch, wie Politik und Finanzsystem auf fatale Weise zusammenspielen: Am stärksten war der Geldabfluss im Herbst 2011, auf dem Höhepunkt der politischen Krise, als Ex-Premier Giorgos Papandreou mit dem Ruf nach einem Referendum über das EU-Sparpaket für Aufregung sorgte. Die Panikbezüge stoppten erst, als sich die Lage in Athen Mitte November wieder beruhigte und mit dem Technokraten Lukas Papademos die Aussicht auf Stabilität in der Regierung wieder hergestellt war.

Das ist auch der Eindruck von Nikos Ikonomu. «Die Lage ist längst nicht mehr so dramatisch wie noch im Sommer», bestätigt er. Die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung beschreibt er als abwartend: «Man ist erleichtert über die neue Regierung und traut Premier Papademos einiges zu.» Immer lauter würden die Stimmen, die forderten, der Technokrat solle die Macht nicht bereits im Februar abgeben, sondern noch einige Monate länger regieren.

Wirtschaftshistoriker Straumann sieht jedoch nur eine Lösung. Und die liegt nicht in Athen, sondern in Berlin, Paris und Brüssel: «Der einzige Weg ist eine Garantie der Europäischen Zentralbank. Sie müsste bis auf Weiteres sämtliche griechischen Anleihen aufkaufen.» Dadurch, so Straumann, würde Zeit gewonnen – Zeit, die Merkel, Sarkozy und Co. schleunigst für eine stärkere finanzpolitische Integration Europas nutzen müssten. «Ohne Eurobonds sehe ich nicht, wie der griechische Bankrott mittel- bis langfristig noch abgewendet werden soll.» Experte Straumann wartet lediglich noch auf den Auslöser.

Geld fliesst nicht zurück

Auch wenn Papademos die Gemüter etwas zu besänftigen vermochte, bleibt das Problem bestehen. Denn das Kapital fliesst nicht zurück auf die Konten. Der Präsident der griechischen Behörde zur Bekämpfung der Geldwäscherei, Panagiotis Nikoloudis, vermutet laut «Spiegel online», dass rund ein Fünftel ins Ausland transferiert wird. Die Banken machten sich die Angst der Leute zunutze und böten ihren Kunden ganz direkt an, Vermögen nach Deutschland, Liechtenstein oder in die Schweiz zu transferieren, sagt Nikoloudis gegenüber dem Nachrichtenmagazin.

Auch Journalist Ikonomu kennt Leute, die ihr Geld ausserhalb Griechenlands in Sicherheit bringen: «Dabei kommen so exotische Destinationen wie der Libanon ins Spiel.» Hauptsache nicht in Europa, scheint das Credo zu sein. Ein grosser Teil der Kleinsparer habe aber ganz anderes im Sinn: «Die meisten Leute müssen meiner Meinung nach ganz einfach von diesem Geld leben.»

«Einzig die Wut auf Brüssel wächst»

In den vergangenen zwei Jahren haben im Land 300'000 Menschen ihren Job verloren. Aktuell, so Ikonomu, würden in vielen Branchen die Löhne neu ausgehandelt. «Wir Journalisten werden wohl nach dem neuen Tarif 20 Prozent weniger verdienen», gibt er ein Beispiel. Ein Volk muss verzichten – und macht sich deshalb an seine Ersparnisse.

Denn billiger ist das Leben in Griechenland nicht geworden. Neue Abgaben werden eingetrieben, etwa eine Solidaritätssteuer und eine Immobiliensteuer. Immerhin habe der Staat in den vergangenen Monaten auch die Elite zur Rechenschaft gezogen: «Einige vermögende, landesweit bekannte Steuersünder wurden verhaftet – das ist ein deutliches Zeichen an die Leute», sagt Ikonomu.

Entsteht im geschundenen Land gar eine neue Moral, ein Ethos der bürgerlichen Verantwortung? Im Gegenteil, sagt der Journalist aus Thessaloniki: «Das egoistische Denken ist stärker geworden.» Gemeinsam kämpfe man vor allem in einer Sache: «Die Wut auf Merkel und Sarkozy, auf das Spardiktat aus Brüssel, wächst weiter. Das halte ich für sehr gefährlich.»

Erstellt: 07.12.2011, 06:07 Uhr

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