Die Investoren hoffen auf eine neue Regierung

Dass sich Argentiniens Schuldenkrise an der Börse bisher weniger ausgewirkt hat als befürchtet, liegt auch am nahenden Ende der Kirchner-Ära.

Schlechte Nachrichten: Ein Mann liest im Finanzdistrikt von Buenos Aires die Zeitung. Foto: Marcos Brindicci (Reuters)

Schlechte Nachrichten: Ein Mann liest im Finanzdistrikt von Buenos Aires die Zeitung. Foto: Marcos Brindicci (Reuters)

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Seit sechs Tagen ist Argentinien offiziell zahlungsunfähig. Und noch immer lässt sich schwer abschätzen, wie einschneidend die Auswirkungen der argentinischen Schuldenkrise auf Börse, Wirtschaft und Politik sind. Die Reaktion an der Börse etwa ist weit weniger heftig ausgefallen als befürchtet. Zwar hat der argentinische Börsenindex Merval seit Ende Juli 7 Prozent verloren. Angesichts der Kursgewinne in den Vormonaten ist das allerdings vernachlässigbar. Seit Anfang Jahr hat der Merval trotz der jüngsten Verluste 56 Prozent zugelegt. Auch argentinische Staatsanleihen sind bis anhin weniger stark unter Druck geraten als bei der überraschend deutlichen Abwertung des Pesos im vergangenen Januar.

Das liegt laut Analysten auch daran, dass zahlreiche Investoren darauf spekulieren, es könnte doch noch zu einer Lösung kommen. So ist nach wie vor denkbar, dass argentinische oder ausländische Banken den beiden amerikanischen Hedgefonds NML Capital und Aurelius ihre Schuldscheine im Wert von rund 1,5 Milliarden Dollar abkaufen – womit die Krise entschärft wäre.

Warten bis zum Januar 2015?

Es ist auch möglich, dass die argentinische Regierung bis Januar 2015 zuwartet und dann die Verhandlungen mit den Hedgefonds wieder aufnimmt. So lange ist eine in den Verträgen enthaltene Klausel gültig, wonach sämtliche Gläubiger auf Gleichbehandlung klagen können – also auch jene, die sich bereits damit abgefunden hatten, zwei Drittel ihres in Argentinien investierten Geldes zu verlieren.

Massiv übertrieben scheint die Befürchtung, das Urteil des New Yorker Richters Thomas Griesa werde künftige Restrukturierungen von Staatsschulden erschweren oder gar verunmöglichen. Der Analyst Joshua Rosner vom Beratungsunternehmen Graham Fisher weist darauf hin, in den Verträgen zu den argentinischen Verbindlichkeiten fehle die sogenannte Collective-Action- Klausel. Diese sorgt dafür, dass sich bei einer Umschuldung sämtliche Gläubiger der Mehrheitsmeinung unterwerfen müssen. Dass eine Minderheit – die Hedge­fonds halten 7 Prozent – unnachgiebig auf ihrer Maximalforderung beharrt, ist deshalb in anderen Fällen zumindest schwierig. Rosner zufolge enthalten 99 Prozent der seit 2005 ausgegebenen Schuldscheine eine Collective-Action-­Klausel. Ausserdem unterstehen viele nicht amerikanischem, sondern lokalem Recht. Allerdings haben findige Hedgefonds in anderen Fällen auch schon Wege gefunden, solche Klauseln auszuhebeln.

Skeptiker bezweifeln, dass es jemals zu einer Einigung zwischen den sogenannten Geierfonds und der Regierung kommen wird. In der Tat hat Finanzminister Axel Kicillof nach den Verhandlungen in New York betont, Argentinien sei höchstens bereit, 300 Millionen Dollar zu bezahlen. Das ist weit entfernt von den 1,4 Milliarden Dollar, welche die Hedgefonds akzeptiert hätten. Bei einer vollständigen Auszahlung der Hedgefonds im Januar verlöre die argentinische Regierung vor der eigenen Bevölkerung das Gesicht, was sie in einem Wahljahr wohl vermeiden will.

Der Gewinner der Krise

Politisch ist Finanzminister Axel Kicillof der Gewinner der Krise. Argentinische Medien zitieren Quellen aus dem Präsidentenpalast, wonach es in New York beinahe zu einer Einigung zwischen den Hedgefonds und einer Gruppe argentinischer Banken gekommen wäre. Kabinettschef Jorge Capitanitch, der einflussreiche Sekretär der Präsidentin, Juan Carlos Zannini, Nationalbankchef Juan Carlos Fábrega und anfänglich auch die Regierungschefin Cristina Fernández de Kirchner selbst hätten die rettende Intervention der Finanzinstitute befürwortet.

Dann habe Kicillof eingegriffen und Fernández de Kichner vom Gegenteil überzeugt – angeblich mit dem Argument, es sei politisch unklug, dem Bankenchef und Regierungskritiker Jorge Brito die Rolle des Vaterlandsretters zu überlassen. Hingegen befürworte der Finanzminister die gegenwärtigen Verhandlungen mit den internationalen Banken Citibank, J. P. Morgan, HSBC und Deutsche Bank. Beobachtern zufolge ist der erst 42-jährige ehemalige Ökonomieprofessor, den Gegner als überzeugten Marxisten bezeichnen, dank der Krise zum mächtigsten Kabinettsmitglied und potenziellen Nachfolgekandidaten der Präsidentin aufgestiegen. Bei den Wahlen 2015 verbietet es die Verfassung Cristina Fernández de Kirchner, erneut anzutreten.

Für Cristina Fernández de Kirchner und den Kandidaten des sogenannten Kirchnerismus könnte sich die Schuldenkrise als zweischneidig erweisen. Sie schweisst zwar die Bevölkerung gegen einen äusseren Feind zusammen und führt wohl zu einem Solidarisierungs­effekt. Ausserdem lässt sie sich als Ausrede für die selbst verschuldete ökonomische Misere verwenden. Sollte die Zahlungsunfähigkeit andauern und sich die Krise verschärfen, ist es aber durchaus möglich, dass sich die Stimmung wieder gegen die Regierung wendet. Laut Analysten spekulieren zahlreiche Invstoren darauf, bei den kommenden Wahlen könnte ein wirtschafts- und marktfreundlicheres Regime an die Macht gelangen.

Tatsächlich wäre die argentinische Wirtschaftsleistung 2014 auch ohne Schuldenkrise geschrumpft – zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt. Das geht aus den Berechnungen des Finanzdienstleisters OJF & Asociados hervor. Der Zahlungsausfall werde den Abschwung verstärken und zu einem Minus von gut 2 Prozent führen. Auch für 2015 prophezeien die Analysten eine Rezession. Im laufenden Jahr werde der Reallohnverlust 7,3 Prozent betragen – dies bei einer Inflation von über 40 Prozent. Die Unsicherheit werde die Kreditvergabe erschweren, den Konsum dämpfen und den Aussenhandel beeinträchtigen. Bis Ende Jahr rechnet OJF & Asociados mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf über 10 Prozent.

Sorgen in Brasilien und Spanien

Inmitten eines ohnehin garstigen ökonomischen Umfeldes – die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik hat ihre Wachstumsprognose für die gesamte Weltregion soeben auf 2,2 Prozent gesenkt – sind auch Argentiniens Nachbarn vom Staatsbankrott betroffen. Am schwersten dürfte er sich in Brasilien auswirken, dessen Automobilindustrie 80 Prozent ihrer Produkte nach Argentinien exportiert. Im ersten Halbjahr sind die Exporte um 35 Prozent gefallen. Aber auch die spanische Telefónica sowie die spanischen Banken Santander und BBVA, die im südamerikanischen Land stark präsent sind, haben Grund zur Sorge.

Erstellt: 06.08.2014, 07:13 Uhr

Axel Kicillof, Argentinischer Finanzminister.

Argentiniens Staatsbankrott hat bisher kaum Auswirkungen: Börsenindex. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

Argentiniens Staatsbankrott hat bisher kaum Auswirkungen: Schattenwährung.

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