Die Nöte der Pensionskassen

Die Folgen der Geldschwemme und die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt belasten auch die Pensionskassen in der Schweiz. Diese flüchten sich vermehrt in Aktien.

Stark in Aktien: Die Pensionskassen kämpfen mit Niedrigen Zinsen und suchen daher renditeträchtige Papiere. Grafik: BaZ/mm

Stark in Aktien: Die Pensionskassen kämpfen mit Niedrigen Zinsen und suchen daher renditeträchtige Papiere. Grafik: BaZ/mm

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Optimisten können bekanntlich fast jeder schwierigen Situation auch eine positive Note abgewinnen. Doch das muss nicht heissen, dass das Schlechte am Ende nicht doch überwiegt. So birgt auch die nunmehr seit sechs Jahren andauernde internationale Geldschwemme neben ihren vielen potenziell gefährlichen Nebenwirkungen auch Erfreuliches. Wenn auf dem Sparbuch kein Zins mehr anfällt und selbst Obligationen mit langen Laufzeiten kaum mehr eine nennenswerte Rendite hergeben, wenn die Schuldner einigermassen verlässlich sind, dann bieten sich die Aktienmärkte als Alternative an.

Vor allem der Schweizer Aktienmarkt hat in den vergangenen drei Jahren international Furore gemacht und seinen Investoren einen Wertzuwachs von rund 66 Prozent (gemessen am Swiss Performance Index) beschert. Die Pensionskassen sind im Unterschied zu den Lebensversicherungen weiterhin stark in Aktien investiert, denn das Kassavermögen muss nicht jederzeit sämtliche in der Zukunft liegenden Verpflichtungen erfüllen, wie die Regularien der Assekuranz vorschreiben. Pensionskassen sind also relativ risikofähig und sie haben sich diese Flexibilität in den vergangenen Jahren zunutze gemacht, um das Vermögen der Mitglieder zu steigern und diesen mehr Sicherheit zu bieten.

Doch Pensionskassenmanager denken langfristiger. Das gilt auch für Dieter Stohler, den Leiter von Publica, dem grössten Vorsorgewerk der Schweiz. Der Basler Jurist blickt ebenfalls auf ein gutes Anlagejahr 2014 zurück. Auf den Aktienmärkten der Industrieländer sind die Kurse erneut im zweistelligen Prozentbereich gestiegen. Auch Anleihen notieren derzeit deutlich höher als zu Beginn des Jahres, nachdem die Zinsen entgegen den Erwartungen der meisten Beobachter weiter gefallen sind. Deshalb wird Publica ihren rund 107 000 Versicherten im Frühjahr erneut ein solides Ergebnis und eine robuste Anlage­performance präsentieren können.

Zinsen bleiben tief

Doch richtig Freude will bei Stohler und seinesgleichen trotzdem nicht aufkommen. So schön wie die bewertungstechnischen Buchgewinne derzeit aussehen, so wenig verheissungsvoll ist der Blick in die Zukunft. Aktien und Obligationen, die mit Abstand wichtigsten Anlagekategorien von Publica, sind nach Auffassung von Anlagechef Stefan Beiner «sportlich bis sehr sportlich» bewertet. Entsprechend hoch ist das Risiko eines Rückschlages.

Gleichzeitig ist eine Normalisierung des aktuellen Zinsniveaus in absehbarer Zeit kaum zu erwarten. Kurz vor Weihnachten hat auch die Schweizerische Nationalbank Negativzinsen auf die bei ihr gehaltenen Einlagen von Geschäftsbanken angekündigt. Als Folge davon sind die kurzfristigen Frankenzinsen in den roten Bereich gefallen. Die Rendite einer zehnjährigen Referenzanleihe der Eidgenossenschaft bewegt sich bei 0,2 Prozent. Vor diesem Hintergrund staunt niemand, dass Publica für die nächsten drei Jahre eine durchschnitt­liche Anlagerendite von nur noch zwei Prozent erwartet. Im Mittel der vergangenen zehn Jahre waren es noch mehr als vier Prozent (siehe Grafik).

Umwandlungssatz sinkt

Die mageren Erträge, wie sie die Kapitalmärkte noch hergeben, zwingen Publica zum Handeln. Auf Anfang Jahr hat die Kasse den sogenannten technischen Zinssatz von 3,5 Prozent auf 2,75 Prozent gesenkt. Damit stellt sie sicher, dass die Zinsversprechungen für künftige Rentnergenerationen mit den laufenden Erträgen im Einklang bleiben. Um für die laufende Quersubventionierung der Rentner durch aktiv Versicherte wenigstens einen teilweisen Ausgleich zu schaffen, senkt die Kasse per Anfang Jahr auch den Umwandlungssatz, nach dem das vorhandene Altersguthaben in die jährliche Altersrente umgerechnet wird.

Die arg strapazierte Solidarität zwischen Jung und Alt, wie sie das gesamte schweizerische Vorsorgewesen kennzeichnet, ist bei Publica besonders offenkundig. Die Kasse kann ihr hohes Alter nicht verbergen. Seit bald 100 Jahren versichert sie Angestellte des Bundes und dessen Betriebe. Zwei von fünf Destinatären sind bereits im Renten­alter und mit dieser demografischen Struktur steht die Kasse schlechter da als einige jüngere Vorsorgewerke, wie sie die Privatwirtschaft in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrtausends aufzubauen begonnen hatte.

Schon heute gehört das Sparkapital von Publica mehrheitlich den Rentnern, wobei Publica auch unabhängige Rentnerbestände verwaltet, die aus den Ausgliederungen von Swisscom, Ruag, SRG und weiteren Institutionen herrühren. Diese geschlossenen Rentnerkassen sind auslaufend. Im Wissen darum, dass sich an den Bezügen der aktuellen Rentnergeneration gesetzlich nichts verändern lässt, suchen Stohler und seine Mitarbeiter nach Möglichkeiten, die Dinge so günstig zu beeinflussen, wie es eben geht. Nebst den erwähnten Anpassungen bei den Leistungsversprechen versucht die Kasse, ihre Anlagestrategie zu optimieren.

Weniger Schweizer Staatspapiere

Offenkundiger Ausfluss dieser Bemühungen sind die Anfang des vergangenen Jahres getroffenen Entscheidungen, die einen Aus- und Umbau des Portefeuilles an festverzinslichen Anlagen zum Inhalt haben. Zu diesem Zweck reduzierte Publica die strategische Aktien­quote von bis dahin 33 Prozent auf ­29 Prozent. Die freigesetzten Mittel werden in inflationsgeschützte Staatsanleihen ausserhalb der Schweiz investiert. Zudem wird der Bestand an Schweizer Staatspapieren zugunsten von Staatsanleihen aus Ländern der Eurozone, den USA, Grossbritannien und Kanada verringert. Und schliesslich sucht die Kasse nach zusätzlichem Know-how im Bereich von nicht öffentlich gehandelten Schuldpapieren.

Mit dem strategischen Richtungswechsel verfolgt die Kasse zwei Ziele: Die neuen Anlagekategorien sollen höhere laufende Erträge einbringen und gleichzeitig die gestiegenen Risiken des Deckungsgrades verringern. Zwar deckt das vorhandene Kassenvermögen von 37 Milliarden Franken die Gesamtheit aller in der Zukunft liegenden Verpflichtungen von Publica derzeit noch relativ komfortabel zu rund 105 Prozent. Doch ein Einbruch der Aktienkurse oder ein unvermittelt starker Zinsanstieg könnte die vorhandene Sicherheitsmarge rasch abschmelzen lassen. Anlagen in nicht öffentlich gehandelte Schuldpapiere im Immobilien-, Unternehmens- und Infrastrukturbereich sind nach Auffassung der Kassen-Leitung grundsätzlich geeignet, das Rendite-Risiko-Profil des Portefeuilles zu verbessern.

Renditeplus im Dezimalbereich

Im November hat die Kasse ein Anlagekonzept verabschiedet und eine entsprechende Mandatssuche für vier externe Manager gestartet. Wunder kann allerdings auch eine neue Anlagestrategie nicht bewirken. Im Wissen darum, dass solche Veränderungen stets auch mit neuen Risiken einhergehen, tastet sich Publica betont vorsichtig in das unbekannte Gelände vor.

Wohler wäre es den Kassenwarten unter normaleren Bedingungen auf den Finanzmärkten auf jeden Fall. Selbst eine vorsichtige Jagd nach Zusatzrenditen im Dezimalbereich ist sicher nicht das, was sich das durchschnittliche Kassenmitglied vorstellt, wenn es an die konservative Verwaltung seines Vor­sorge­kapitals denkt.

Die Zeiten haben sich geändert, wer weiss, für wie lange noch.

Erstellt: 12.01.2015, 10:15 Uhr

Strapazierte Solidarität: Publica-Chef Dieter Stohler muss Jung und Alt im Blick haben. Foto: PD

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